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Wirtschaft

"Das ist oft ein schleichender Prozess"

Die Wirtschaft brummt. Dennoch gibt es viele überschuldete Privathaushalte und die Altersarmut steigt. Sanierungs-Experte Thomas Wuschek weiß die Hintergründe.



Interview: mit Thomas Wuschek, Rechtsanwalt und Sanierungs-Spezialist
Interview: mit Thomas Wuschek, Rechtsanwalt und Sanierungs-Spezialist   » zu den Bildern

Herr Wuschek, warum geraten so viele Menschen in die Überschuldungsfalle?

Zur Person

Thomas Wuschek stammt aus Naila (Landkreis Hof) und ist als selbstständiger Rechtsanwalt im nordrhein-westfälischen Bottrop tätig. Er hat sich auf Sanierungs- und Insolvenzrecht spezialisiert. Zuvor war er bei einer Genossenschaftsbank als Leiter des Bereichs Sanierung und Kreditsachbearbeitung bundesweit für die Betreuung von Großsanierungsfällen verantwortlich. Wuschek ist Dozent an Genossenschafts- und Sparkassenakademien.

Er absolvierte nach dem Abitur eine Banklehre. Danach studierte er in Erlangen Rechtswissenschaften. Darüber hinaus kann der gebürtige Oberfranke einen MBA-Abschluss der Universität Wales aufweisen und hat als Fachbuch-Autor auf sich aufmerksam gemacht.

 

Das ist oft ein schleichender Prozess. Eine unwirtschaftliche Haushaltsführung bildet häufig den Einstieg in eine Überschuldungsspirale. Bei vielen Verbrauchern hat übermäßiger Konsum zu nachhaltigen Zahlungsstörungen geführt.

 

 

Spielt hier der Erhalt von Statussymbolen eine wichtige Rolle?

Ja, häufig. Viele Personen, die in eine Überschuldungsspirale geraten sind, versuchen, die gewohnte Lebensweise unter allen Umständen aufrechtzuerhalten. Ihr Bedürfnis nach Urlaub, Freizeitaktivitäten und dem Erwerb von Wohneigentum ist ungebremst hoch, obwohl sie sich das eigentlich nicht mehr leisten können. Oft wird an Statussymbolen festgehalten, obwohl eigentlich der Abbau von Schulden Priorität haben sollte.

 

Was sind neben dem Konsumverhalten die größten Kostentreiber für Verbraucher?

Viele Menschen müssen wegen deutlich steigender Mietkosten monatlich so viel Geld für ihre Miete aufbringen, dass sie an den Rand der Armutsgrenze gelangen. Nach einer aktuellen Studie der Hans-Böckler-Stiftung geben rund 40 Prozent der Haushalte in den deutschen Großstädten mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Bruttokaltmiete aus. Das entspricht rund 5,6 Millionen Haushalten, in denen etwa 8,6 Millionen Menschen leben. Für etwa 1,3 Millionen Haushalte in Großstädten liegt das Resteinkommen nach Abzug der Miete sogar unterhalb der Hartz-IV-Regelsätze. Seit einiger Zeit steigen für die Verbraucher in Deutschland die Energiekosten und erhöhen damit den Kostendruck für einkommensschwache Mieter.

 

Wie haben sich die Energiekosten denn in den vergangenen Jahren entwickelt?

Nach aktuellen Angaben befinden sich die Strompreise 2017 auf einem Rekordhoch, da viele Energieversorger ihre Preise deutlich angehoben haben. 2005 zahlte ein Durchschnittshaushalt im Jahresmittel noch lediglich 17,81 Cent je Kilowattstunde, 2010 waren es 22,81 Cent und 2016 bereits 27,43 Cent. 2017 soll der Preis bei 28,18 Cent je Kilowattstunde liegen. So ist 2016 rund 330 000 Haushalten in Deutschland wegen unbezahlter Rechnungen der Strom abgestellt worden. 2015 lag die Zahl der Stromsperrungen bei 331 000 Fällen. Die höchste jemals gemessene Zahl an Sperren gab es 2014 mit rund 352 000. Zudem gab es 2016 neben den Sperrungen der Anschlüsse etwa 6,6 Millionen Sperrandrohungen gegen säumige Zahler.

 

Wie ist die zunehmende Altersarmut und das damit verbundene Phänomen der Altersüberschuldung zu erklären?

Aktuelle Studien bestätigen den Doppeltrend zur Altersarmut und Altersüberschuldung und sehen diese Entwicklung weiterhin als stabil an. Gründe für die Altersarmut sind der wachsende Niedriglohnsektor, der Anstieg der versicherungsfreien Beschäftigung mit geringem Verdienst und die Zunahme unsteter Erwerbsbiografien. Diese Faktoren führen letztendlich zu einer prekären Einkommenssituation im Alter.

 

Was bedeutet das konkret in Zahlen?

Das aktuelle "Vermögensbarometer 2017" des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands zeigt, dass weiterhin ein knappes Viertel der deutschen Verbraucher keine Maßnahmen zur Altersvorsorge ergriffen hat - und dies auch nicht beabsichtigt. 2016 waren es 29 Prozent. Etwa jeder achte Verbraucher sieht sich dem aktuellen Vermögensbarometer zufolge dazu nicht in der Lage. Dabei gibt es einige Auffälligkeiten.

 

Welche zum Beispiel?

Besonders bedenklich ist, dass 36 Prozent der 18- bis 29-Jährigen nicht fürs Alter vorsorgen. In diesem Zusammenhang ist festzustellen: Je geringer das zur Verfügung stehende Nettohaushaltseinkommen, desto höher der Anteil derjenigen, die nicht vorsorgen.

 

Wie sieht es bei der Altersüberschuldung aus?

Die Überschuldung im Alter zeigt einen weiter ansteigenden Trend. 2017 mussten in Deutschland rund 194 000 Menschen ab 70 Jahren als überschuldet eingestuft werden. Das ist ein Anstieg im Vergleich zum Vorjahr um 20 000 Fälle und damit um 12 Prozent. Der Anstiegstrend ist im Mehrjahresvergleich 2013 bis 2017 mit plus 76 Prozent überdurchschnittlich. red

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28. 12. 2017
20:42 Uhr

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