Lade Login-Box.
Topthemen: 30 Jahre GrenzöffnungBlitzerwarnerVER SelbGerch

Wirtschaft

Eine eigene Geldbörse fürs Auto

Oberfränkische Studenten wollen zur Revolution des Autofahrens beitragen. Was steckt genau dahinter und warum ist auch das Verkehrsministerium von ihrer Idee angetan?



Sie forschen mithilfe von Blockchain-Technologie: Nicolas Ruhland, Jonas Brügmann, Matthias Babel und Jannik Lockl (von links).	Foto: Andreas Harbach
Sie forschen mithilfe von Blockchain-Technologie: Nicolas Ruhland, Jonas Brügmann, Matthias Babel und Jannik Lockl (von links). Foto: Andreas Harbach  

Bayreuth - Der Weg zum autonomen Fahren ist noch weit. Ein Zwischenschritt ist das Platooning, bei dem sich mehrere Fahrzeuge sozusagen zu einem Straßen-Zug zusammenschließen. Einen entscheidenden Beitrag könnten hier drei Bayreuther Studenten leisten, deren Projekt sogar die Bundesregierung und Weltkonzerne hat aufhorchen lassen.

"Es sieht ein bisschen wild aus", sagt Jonas Brügmann zur Begrüßung entschuldigend. In dem kleinen Raum im Blockchain-Labor der Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Bayreuther Fraunhofer-Instituts FIT, in dem der 24-Jährige mit seinen Kommilitonen Matthias Babel (22) und Nicolas Ruhland (23) zusammenarbeitet, herrscht kreatives Chaos. Überall liegen elektronische Bauteile, Laptops stehen herum. Auf einem 3-D-Drucker entsteht gerade das letzte Bauteil für ein kleines Windrad, das demnächst den Strom für die Modellautos liefern soll, mit denen die Studenten ihr Projekt betreiben.

Modellautos? Die brauchen die drei, um das Platooning nachstellen zu können. Dabei fährt eines der Fahrzeuge eine ovale Linie auf dem Boden ab, ein anderes folgt ihm in wenigen Zentimetern Abstand. Beide sind über eine Funkverbindung miteinander vernetzt, sodass das folgende Fahrzeug die entsprechenden Fahrbewegungen in Echtzeit nachvollziehen kann. Denkbar sind dabei theoretisch unendlich lange Fahrzeugschlangen, in die man sich jederzeit ein- oder ausklinken kann. Hört sich für manchen vielleicht utopisch an, ist aber längst keine Zukunftsmusik mehr. Jedenfalls wurde Platooning bereits mehrfach auf deutschen Autobahnen getestet, unter anderem auch auf der A 9 zwischen Nürnberg und München. Dabei fahren Lastwagen in Abständen zwischen zehn und 15 Metern hintereinander her. Das funktioniert also. Wo ist dann der Ansatz der Bayreuther? Ihr Projekt zielt darauf ab, auf diese Technologie ein Geschäftsmodell zu setzen, erklärt Jannik Lockl. Der 28-Jährige ist Assistent und Doktorand am Lehrstuhl Wirtschaftsinformatik und Nachhaltiges IT-Management von Professor Gilbert Fridgen und betreut das Projekt.

Die Idee: Diejenigen, die sich im Platoon an das Führungsauto hängen, haben etwas davon. Sie nehmen eine Dienstleistung in Anspruch, die bezahlt werden muss. Etwa, weil sie sich während der Fahrt ausruhen oder arbeiten können, weil sich Eltern um ihre Kinder kümmern können, weil im Windschatten eines Platoons der Energieverbrauch sinkt, oder auch, weil der Fahrer des Führungsfahrzeugs die Verantwortung für die Polonaise übernimmt. "Ich habe mit einer großen Baufirma gesprochen, deren Bauleiter im Jahr jeweils rund 1000 Stunden hinter dem Lenkrad sitzen. Wenn die einen Teil dieser Zeit arbeiten könnten, wäre das für das Unternehmen bares Geld wert", sagt Lockl.

Geld, das je nach Anteil an der Dienstleistung zwischen den Fahrzeugen im Platoon hin und her überwiesen wird. Was mittels der Blockchain-Technologie und hier insbesondere mit der Kryptowährung IOTA geschieht. Die Fahrzeuge bekommen sozusagen eine eigene Geldbörse, deren Datenströme sicher gespeichert werden. Für all das soll es später eine App geben. Wobei die Bayreuther schon weiterdenken. "Tanken, Parken, Maut - mit unserer Technik können Fahrzeuge das und viel mehr in Zukunft alleine bezahlen", sagt Brügmann.

Ein Ansatz, mit dem die Studenten bereits mehrere Preise gewonnen und den sie unter anderem Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer vorgestellt haben. Der habe dann explizit angeregt, das weiterzuverfolgen. So werden die Bayreuther künftig mit großen Konzernen etwa aus der Autobranche zusammenarbeiten, die später von den Forschungsergebnissen profitieren sollen. Lockl geht davon aus, dass in etwa zwei Jahren ein Autokonzern damit beginnen wird, die Technologie aus Bayreuth in eigenen Fahrzeugen zu testen. Damit alles klappt, arbeiten die Studenten bereits seit rund zehn Monaten intensiv an ihrem Projekt, inklusive nicht seltener Nachtschichten. Und sind dabei auch noch auf andere Ideen gekommen. Einen Luftqualitätsmesser etwa, den demnächst ein großer Hersteller von Elektrorollern in seine Produkte einbauen will. "Damit weiß man dann in Echtzeit, wie die Luft wo in der Stadt ist. Die Daten könnte man dann an Wetterdienste verkaufen. Oder an eine Jogging-App, die ihren Kunden dann die Laufstrecke mit der geringsten Luftbelastung vorschlagen könnte. Oder die Kommune könnte sie für eine intelligente Verkehrssteuerung nutzen", sagt Brügmann.

Lockl weist derweil auf einen anderen Aspekt hin. "Hier können junge Leute während ihres Studiums interdisziplinär und auf Spitzenniveau forschen. So halten wir die klugen Köpfe in Bayreuth."

Autor

Stefan Schreibelmayer
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
10. 09. 2019
00:00 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Andreas Scheuer Autobranche Bauunternehmen Bundesverkehrsminister Daten und Datentechnik Doktoranden Echtzeit Fahrzeuge und Verkehrsmittel Professoren Studentinnen und Studenten Verkehrsministerien
Bayreuth
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Strahlende Gesichter bei der Preisverleihung in den Räumen der Selber Firma Rapa (von links): Hochschul-Präsident Professor Jürgen Lehmann, Laudator Michael Bitzinger, Zweitplatzierter Professor Dietmar Wolff, Dr. Roman Pausch, Vorstandsmitglied der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Hochschule Hof, Siegerin Professorin Ariane Hedayati, Drittplatzierter Professor Marco Linß, Laudator Matthias Will, die Sonderpreis-Gewinner Professorin Christine Brautsch und Timo Ahlborn, Dr. Dorothee Strunz, Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Hochschule Hof, Jörg Wurzbacher, der einen Vortrag zum Thema Digitalisierung hielt, und Reinhard Schlechte, Mitglied der Rapa-Geschäftsleitung. Foto: Florian Miedl

09.11.2019

Frische Ideen für eine moderne Lehre

Die Hochschule Hof will Studierende fit für die digitale Arbeitswelt machen. Ein Wettbewerb für innovative Konzepte in der Lehre soll dazu beitragen. » mehr

Am Zentrum für Energietechnik (ZET) der Uni Bayreuth werden intelligente Energiespeicher erforscht. Unser Bild zeigt (von links): Direktor Dieter Brüggemann, Geschäftsführer Florian Heberle und Doktorand Sebastian Kuboth (Lehrstuhl für Technische Thermodynamik und Transportprozesse). Foto: Eschenbacher

27.09.2019

Mit neuen Technologien zum kosteneffizienten Strom

Das Bayreuther Zentrum für Energietechnik forscht an vernetzten Gebäuden. Ziel ist, den Verbrauch und die Speicherung solarer Energie besser aufeinander abzustimmen. » mehr

Alexander Rieger (links) und Professor Gilbert Fridgen im Blockchain-Labor der Uni Bayreuth. Foto: Valentin Tischer

01.08.2019

Das magische Notizbuch

Bayreuther Wissenschaftler nutzen die Blockchain, um Behörden schneller zu machen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hat großes Interesse an deren Arbeit. » mehr

Jörg Berger, Geschäftsführer und Mitgesellschafter bei Ebu Umformtechnik, vor dem Corpus einer Presse, die gerade generalüberholt wird. Foto: Andreas Harbach

11.07.2019

Die Brille sagt, wo es langgeht

Die Bayreuther Firma Ebu Umformtechnik nutzt die Digitalisierung für ihre Pressen. » mehr

Motor Nützel schließt seinen Standort in Burgkunstadt. Betroffen sind 15 Mitarbeiter, die in andere Betriebe versetzt werden sollen.

11.10.2019

Motor-Nützel schließt Standort

Der Autohändler wird ab Dezember nicht mehr in Burgkunstadt vertreten sein. Die betroffenen Mitarbeiter werden in andere Betriebe versetzt. » mehr

Sie arbeiten an der Batterie der Zukunft: Professor Michael Danzer (links), Leiter des Bayerischen Zentrums für Batterietechnik, und der wissenschaftliche Koordinator Armin Modlinger. Foto: Andreas Harbach

12.11.2019

Batterieforscher planen ein Technikum

Das Bayerische Zentrum für Batterietechnik will in Oberfranken Akzente setzen. Pläne für ein konkretes Projekt liegen in der Schublade, doch noch fehlt das Geld. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Mario Barth in Hof Hof

Mario Barth in Hof | 15.11.2019 Hof
» 57 Bilder ansehen

Susi loves Black! Weißenstadt

Susi loves Black! | 15.11.2019 Weißenstadt
» 33 Bilder ansehen

Selber Wölfe - Starbulls Rosenheim

Selber Wölfe - Starbulls Rosenheim | 15.11.2019 Selb
» 34 Bilder ansehen

Autor

Stefan Schreibelmayer

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
10. 09. 2019
00:00 Uhr



^