Lade Login-Box.
Topthemen: Bilder vom WochenendeHofer Filmtage 2019EhrenamtskampagneVER Selb

Wirtschaft

Krankschreibung ohne Arztbesuch per WhatsApp

Bislang mussten Arbeitnehmer zum Arzt, um sich krankschreiben zu lassen. Ein Hamburger Unternehmen bietet nun einen Service per Whatsapp an.



Krankschreibung per WhatsApp  

Wie funktioniert die Krankschreibung per Handy?

Nase läuft? Kopfschmerzen? Gliederschmerzen? Der Dienst AU-Schein.de fragt auf seiner Internetseite zunächst typische Erkältungssymptome ab. Wenige Stunden später bekommt man dann - nach der Eingabe von Adress- und Krankenversicherungsdaten - die Krankschreibung per Whatsapp als Fotokopie aufs Handy. Ausgestellt wird sie von einem teilnehmenden Arzt. Die Krankschreibung in Papierform und die Version für die Krankenkasse kommen wenige Tage später mit der Post.

 

Warum bietet der Dienst das nur für Erkältungskrankheiten an?

Die häufigsten Kurz-Krankschreibungen in Deutschland werden für Erkältungen ausgestellt - im Schnitt bis zu dreimal pro Jahr für jeden Deutschen. Can Ansay, Rechtsanwalt und Anbieter des Online-Dienstes, ist der Meinung, "dass Erkältungen sehr ungefährlich sind, sich leicht anhand von einem Frage-Antwort-Katalog diagnostizieren lassen und meist einfach nur auskuriert werden müssen". Arbeitnehmer brauchen hierfür aber - je nach Arbeitgeber - ab dem ersten, zweiten oder dritten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU-Schein). Und die gab es bislang nur nach einem persönlichen Arztbesuch.

 

Müssen Arbeitgeber eine Krankschreibung per Handy akzeptieren?

Seitenbetreiber Ansay vertritt den Standpunkt, dass eine Krankschreibung per Whatsapp über das seit 2018 gelockerte Gesetz zum Fernbehandlungsverbot im Zuge der Telemedizin erlaubt ist. Das müssten sowohl Arbeitgeber als auch Krankenkassen akzeptieren. Die Landesärztekammer Baden-Württemberg dagegen sieht das Verfahren aus medizinischen Gründen kritisch: Das standardisierte Abfragen von Symptomen ohne individuelle Nachfragen des Arztes sei keine ärztliche Untersuchung und falle deshalb nicht unter die Idee der Fernbehandlung. "Dabei sollte die ärztliche Untersuchung, Diagnose und Therapie im Mittelpunkt stehen und nicht die reine Krankschreibung in Form eines kommerziellen Angebots", sagt Oliver Erens von der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Ansay widerspricht: "Die Ärzte haben sehr wohl die Möglichkeit über Whats-app oder per Telefon Rückfragen zu stellen und machen das auch."

 

Können Arbeitgeber und Krankenkassen überhaupt erkennen, dass es sich um eine Handy-Krankschreibung handelt?

Nicht direkt. Zum Start des Angebots haben die Ärzte den Zusatz "Tele-AU" für die telemedizinische Krankschreibung in das Arztadressfeld auf der Krankschreibung geschrieben. Inzwischen steht dort nur noch die Adresse des Arztes. Hat dieser seinen Sitz fernab der Heimat des Patienten, kann ein Arbeitgeber zwar weiterhin vermuten, dass es sich um eine telemedizinische Krankschreibung handelt. "Ich bezweifle aber, dass eine solche Vermutung vor Gericht große Beweiskraft hätte, wenn es wirklich zu einem Prozess um die Glaubwürdigkeit der Krankschreibung käme", sagt Ansay.

 

Kostet der Handy-Service etwas?

Ja. AU-Schein.de verlangt dafür neun Euro pro Attest. Die Begründung: Noch können Ärzte die Online-Krankschreibung nicht über die gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Auch Patienten können sich diese Kosten nicht von den gesetzlichen Kassen erstatten lassen.

 

Erleichtert eine reine Online-Krankschreibung nicht das Blaumachen?

Der Seitenbetreiber Can Ansay ist der Meinung, dass Patienten Ärzten auch im persönlichen Gespräch Symptome wie Kopfschmerzen vorflunkern können. Zudem verweist er auf Studien aus Norwegen. Dort können sich Arbeitnehmer für einige Tage einfach selbst krankschreiben - und haben seit Einführung dieser Regelung weniger Fehltage als früher. Um möglichem Missbrauch dennoch einen Riegel vorzuschieben, kann die Handy-Krankschreibung nur maximal zweimal pro Jahr für maximal drei Tage in Anspruch genommen werden.

 

Wie sieht es mit dem Datenschutz aus?

Die Seite holt sensible Daten wie Krankheitssymptome der Patienten zusammen mit personenbezogenen Daten wie Name, Adresse und Versicherungsnummer ein. Laut der Datenschutzerklärung auf der Internetseite des Anbieters werden aber nur die Whatsapp-Telefonnummer sowie die E-Mail-Adresse bei AU-Schein.de gespeichert. Die anderen Daten werden demnach nur an den Arzt übermittelt, der das Attest ausstellt. Offen bleibt die Frage, wie sicher Whatsapp grundsätzlich ist. Der Landesbeauftragte für Datenschutz in Niedersachsen ist etwa der Meinung, dass die Übermittlung von Gesundheitsdaten per Whatsapp der Datenschutzgrundverordnung widerspricht. Beschäftigt hat er sich jedoch nicht mit dem Fall von Au-Schein.de, sondern mit Apotheken, die Patienten den Service anbieten, ihre Rezepte per Whatsapp-Foto an Apotheken zu schicken.

 

Gibt es andere Ansätze, sich ohne Arztbesuch krankschreiben zu lassen, die rechtlich weniger fragwürdig sind?

In der Schweiz können Patienten seit Jahren telefonische Beratungsgespräche mit Ärzten führen, die in Callcentern sitzen. Wenn der Arzt es für nötig hält, kann er einen Patienten nach einem solchen Gespräch auch krankschreiben oder ihm ein Rezept verordnen - weil die rechtlichen Grundlagen dafür gegeben sind. "Das mit dem individuellen Gespräch ist auf jeden Fall positiv, denn selbst hinter einer Erkältung kann eine ernsthafte Erkrankung stecken, die der Arzt nur durch gezielte Fragen erkennen kann", sagt Oliver Erens von der Landesärztekammer Baden-Württemberg.

Autor

Sandra Markert
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
26. 02. 2019
00:00 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Arbeitgeber Arbeitnehmer Gliederschmerzen Kopfweh Landesärztekammern Mobiltelefone Patienten Webseiten Ärzte Ärztliche Untersuchung und Behandlung
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Der Deutsche Gewerkschaftsbund kritisiert die hohe Zahl unbezahlter Überstunden. Den Beschäftigten werde in großer Dimension Einkommen vorenthalten.	Foto: Zivica Kerkez/stock.adobe.com

20.07.2019

139 Millionen unbezahlte Überstunden: "Das ist Lohnraub par excellence"

139 Millionen unbezahlte Überstunden in Bayern im vergangenen Jahr. Für den oberfränkischen DGB-Chef Mathias Eckardt ist es ein Skandal, wie Einkommen vorenthalten wird. » mehr

"Die Basis unserer Zusammenarbeit ist blindes Vertrauen." Christine Luderer aus Plauen und Michael Köbrich aus Ort bei Helmbrechts. Foto: fz

21.06.2019

Ost-West-Partnerschaft seit 30 Jahren

Eine Vogtländerin und ein Oberfranke beraten Unternehmen und Privatleute in Wirtschafts- und Steuerfragen. Begonnen hat ihre "berufliche Ehe" kurz nach der Wende. » mehr

Die Abfüllung von Kondrauer Mineralwasser soll nach Naila verlagert werden.

27.05.2019

Kondrauer-Mitarbeiter starten Protestaktion

Waldsassen - Mit einer Aktion in der Innenstadt von Waldsassen haben Beschäftigte der Kondrauer Mineralwasser am Montagmittag gegen die Verlagerung der Produktion nach Naila protestiert. » mehr

Mann+Hummel-Mitarbeiter streiken für höhere Löhne

01.02.2019

Mann+Hummel-Mitarbeiter streiken für höhere Löhne

Die Friedensfrist in der bayerischen Textil- und Bekleidungsindustrie ist in der Nacht zum Freitag ausgelaufen. Prompt legten die ersten Beschäftigten die Arbeit nieder. » mehr

Neben dem Kaufland in der Stammbacher Straße finden die Münchberger bislang eine AWG-Filiale. Ob das Geschäft erhalten bleibt, ist offen, sagt ein Sprecher der Textilkette, die Insolvenz anmelden musste. Das Unternehmen will sich sanieren, heißt es. Foto: Siegfried Gottesmann

31.01.2019

AWG-Mitarbeiter bangen um Arbeitsplätze

Nach der Insolvenz bangen die Mitarbeiter aus den Filialen in Oberfranken um ihre Arbeitsplätze. Im April soll die Entscheidung fallen. » mehr

China baut seinen geopolitischen Einfluss mithilfe der neuen Seidenstraße, der Belt-Road-Initiative, über Zentralasien, den Mittleren Osten und den Kaukasus bis nach Europa und sogar Afrika aus. Fotos: Christopher Michael, tanaonte/Adobe Stock

04.10.2019

Der Handel wandelt heute andersherum

Lange galt das Credo, dass der Westen die Strukturen Chinas durch ökonomischen Austausch ändern kann - ein Trugschluss. Die neue Seidenstraße verändert alles. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Hofer Theaternacht

Hofer Theaternacht | 14.10.2019 Hof
» 22 Bilder ansehen

10. Hofer Steinparty

10. Hofer Steinparty | 12.10.2019 Hof
» 61 Bilder ansehen

ECDC Memmingen Indians - Selber Wölfe

ECDC Memmingen Indians - Selber Wölfe | 13.10.2019 Memmingen
» 33 Bilder ansehen

Autor

Sandra Markert

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
26. 02. 2019
00:00 Uhr



^