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Wunsiedel

Polizei-Chef sagt ein letztes Servus

Vertreter aus Politik und Gesellschaft sowie Weg- begleiter verabschieden Willi Dürrbeck in den Ruhestand. Er war fachlich versiert und immer menschlich.



Polizeipräsident Alfons Schieder (links) überreichte Willi Dürrbeck die Ruhestands-Urkunde. Foto: Bäumler
Polizeipräsident Alfons Schieder (links) überreichte Willi Dürrbeck die Ruhestands-Urkunde. Foto: Bäumler   » zu den Bildern

Wunsiedel - "Servus", sagt Willi Dürrbeck und lächelt in die Runde. Nun hänge er seine Uniform an den Nagel. "Kindergarten, Schule, Polizist - was dann kommt, weiß ich nicht", fasst er in Reimform sein bisheriges Leben zusammen. 44 Jahre Polizeidienst, davon zuletzt elf Jahre als Leiter der Polizeiinspektion Wunsiedel gehen mit einem letzten persönlichen Gruß zu Ende.

Irene Brandenstein leitet Inspektion

Ab Oktober übernimmt die 31-jährige Polizeihauptkommissarin Irene Brandenstein die Führung der Wunsiedler Polizei. Sie wird die Inspektion für sechs Monate leiten, ehe ein dauerhafter Inspektionsleiter ernannt wird. Brandenstein ist gebürtige Unterfränkin und war zuletzt im Präsidialbüro des Präsidiums Oberfranken tätig. Die im Landkreis Bayreuth lebende Beamtin startete 2006 mit dem Studium an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Sulzbach-Rosenberg. Ihr hervorragender Abschluss war laut Polizeipräsidium der Grundstein für die steile Karriere bei der bayerischen Polizei. Ihre ersten Stationen waren Dienstgruppenleiterin, Kriminalbeamtin sowie im Präsidialbüro des Polizeipräsidiums München. Unter anderem war Brandenstein für die Sicherheit während des NSU-Prozesses zuständig und hat Szeneanalysen für den Staatsschutz erstellt. Wie sie bei ihrer Vorstellung sagte, freue sie sich auf ihre Aufgabe in der Inspektion in Wunsiedel und auf die Arbeit in dem engagierten Kollegen-Team.

 

Was sachlich-nüchtern klingt, ist in Wirklichkeit aber genau das Gegenteil gewesen: Mit Willi Dürrbeck geht ein Polizeichef in den Ruhestand, dessen Denken im Dienst zwar analytisch geschult war, der auf der anderen Seite aber immer feinfühlig und menschlich geblieben ist. Kein Wunder, dass der große Sitzungssaal des Landratsamtes bei seiner Verabschiedung brechend voll war.

Natürlich waren die "üblichen Verdächtigen" aus der Politik anwesend, etwa Landrat Dr. Karl Döhler, die Bürgermeister aus dem Inspektionsbereich oder die Landtagsabgeordneten Freiherr Ludwig von Lerchenfeld und Martin Schöffel. Doch für sie war dies kein Pflichttermin. Dürrbeck hatte zu ihnen immer auch einen persönlichen Draht. So sagte er schmunzelnd, dass er den einen oder anderen Bürgermeister früher noch als aktiven Feuerwehrmann gekannt habe. Aber vor allem die vielen Weggefährten Dürrbecks ließen es sich nicht nehmen, ihrem einstigen Kollegen Lebewohl zu sagen.

Als nach mehreren Reden, die Dürrbecks viele Verdienste zum Thema hatten, der so Gelobte selbst ans Podium trat, machte er ein Geständnis: "So wie heute haben meine Knie nicht einmal bei großen Einsätzen geschlottert." Er scheide mit Wehmut aus dem Amt. Aber die Freude auf das Kommende überwiege - auch wenn er noch keinerlei Pläne geschmiedet habe. Dafür, dass dem Neu-Ruheständler nicht langweilig wird, werden - so waren sich alle einig - auch seine Frau und seine drei Töchter sorgen. Zudem engagiert sich Dürrbeck in seiner Heimatstadt Weißenstadt kommunalpolitisch.

Seinen Töchtern sagte Dürrbeck, dass sie jetzt nicht mehr befürchten müssten, dass mitten in der Nacht das Telefon läute und er zu einem Einsatz müsse. "Und wenn wir ins Wirtshaus gehen, bleibe ich jetzt garantiert bis zum Ende sitzen." Allerdings, und auch dies werde er erst lernen müssen, "erfahre ich jetzt, wie alle anderen Leute auch, die Neuigkeiten nur noch aus der Zeitung".

Obwohl 44 Jahre eine lange Zeit sind, erinnert sich der scheidende Polizeichef noch bestens an seine erste Uniform. Drei Vorgänger hätten sie bereits reichlich abgetragen gehabt. Auch der Dienstwagen, ein VW 1300, kam ihm in den Sinn. Zu erzählen hätte Dürrbeck so einiges. Allerdings ist er auch als Pensionist zur Verschwiegenheit verpflichtet. So wird wohl niemand erfahren, was in jener Nacht 1987 genau geschah, als er bei der Kripo in Hof Dienst tat. Mitten in der Stadt sei damals ein russischer Offizier mitsamt Kalaschnikow gestanden und habe politisches Asyl beantragt. "Ehrlich gesagt, waren wir zunächst ziemlich ratlos." Wie es gelang, dass damals, mitten im Kalten Krieg, eine politische Affäre vermieden wurde, muss geheim bleiben.

Dass bei Abschieden verdienter öffentlicher Persönlichkeiten Lobreden gehalten werden, ist üblich. Doch im "Fall Dürrbeck" war zu merken, wie beliebt der bisherige Polizeichef in Wunsiedel wirklich war. Landrat Döhler plauderte von gelegentlichen Frotzeleien und Polizeipräsident Alfons Schieder berichtete über einen "Leitfaden Kapitaldelikte", den Dürrbeck einst erstellt hat und der Eingang in die Polizeiarbeit in ganz Bayern gefunden hat. Der oberfränkische Personalratsvorsitzende Hermann Benker erinnerte sich an die gemeinsame Ausbildungszeit in Nürnberg: Dürrbeck sei schwer beeindruckt gewesen, dass die Polizeischüler trotz allgemeinem Sonntags-Fahrverbot während der Ölkrise dennoch mit dem Auto nach Nürnberg fahren durften.

Schließlich schritt Schieder zur letzten Amtshandlung: Er überreichte Dürrbeck die Urkunde für die Versetzung in den Ruhestand. Mit einer Träne im Auge sagte der scheidende Chef Dank an alle Weggefährten und deutete auf eine Schutzengel-Figur, die er stets bei sich trägt. "Der Engel hat gute Dienste geleistet. Meine Kollegen und meine Familie sind ohne größeren Schaden durchs Leben gekommen. Das ist das Wichtigste."

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Matthias Bäumler
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Veröffentlicht am:
29. 09. 2017
19:00 Uhr

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Matthias Bäumler

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Veröffentlicht am:
29. 09. 2017
19:00 Uhr



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