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Der Amateurfußball nach der Corona-Krise

Seit Wochen ruht der Fußball. Im Amateurbereich wohl auch noch sehr lange. So lange, wie noch nie zuvor. Was macht das mit dem Fußball unterhalb der Profiligen? Die Corona-Zwangspause wird den Fußball verändern – so lautet unsere These. Doch was wird sich genau verändern? Und wie? Ein Blick in die Zukunft mit fünf Szenarien.



Zweikämpfe, Tore und viele Emotionen - das macht den Amateurfußball aus, wie diese Szene aus der Kreisliga Nord aus dem vergangenen Jahr (Wiesla Hof gegen ATS Hof/West) nochmals vor Augen führt.
Zweikämpfe, Tore und viele Emotionen - das macht den Amateurfußball aus, wie diese Szene aus der Kreisliga Nord aus dem vergangenen Jahr (Wiesla Hof gegen ATS Hof/West) nochmals vor Augen führt.  

These 1: Es fließt weniger Geld in den Amateurfußball

Wer kennt es nicht: Wer bei Spielen in Kreisspielklassen mit Verantwortlichen der Vereine ins Gespräch kommt, der hört oft: "Wir zahlen nichts. Aber die anderen." Nur sagen die anderen dasselbe dann über den ersten Gesprächspartner. Fest steht: Es steckt viel Geld im Fußball. Auch im Amateurfußball. "Auf der Plattform Amateurfußball kann viel Geld unterwegs sein", sagt Alexander Spindler, der Trainer des Bezirksligisten FC Trogen. "Mit dem Fußball kann man sich Prestige erkaufen." Und das auch nach der Corona-Krise? Eine Krise, die viele Unternehmen vor erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten stellt. Wenn nicht gar vor das Aus.

"Viele kleine und mittelständische Unternehmen werden dort kürzen, wo es am einfachsten möglich ist. Das wird auch Fußballvereine treffen", sagt Tim Frohwein, Soziologe und Initiator des Projekts "Mikrokosmos Amateurfußball". Er gilt in Bayern als der Experte, wenn sich die Diskussion um die Bezahlung im Amateurfußball dreht. Und diese Diskussion ist keine neue. Seit Jahren wird darüber kontrovers gesprochen, ob nicht zu viel Geld selbst in den untersten Amateurspielklassen für Spieler und Trainer gezahlt wird. "Die Diskussion flackert immer mal wieder auf. Geändert hat sich aber nie etwas", sagt Frohwein.

Doch nun scheint der Zeitpunkt gekommen, um übers Grundsätzliche nachzudenken. Auch aus der Not heraus, weil Sponsoren- und Zuschauereinnahmen wegbrechen. Denn die Folge ist absehbar: Es wird weniger Geld in den Amateursport fließen. So, wie es vor der Corona-Krise war, wird es nicht weitergehen können.

Sie sind anderer Meinung?

Natürlich wissen auch wir nicht, ob unsere Thesen über die Zukunft des Amateurfußballs auch wirklich so eintreten werden. Was meinen Sie dazu? Sind Sie anderer Meinung und malen sich die Zukunft des Fußballs in anderen Farben aus? Oder gehen Sie sogar noch weiter als wir? Dann schreiben Sie uns: sportredaktion@frankenpost.de

Aber: "Wir sollten die Krise konstruktiv nutzen", sagt Frohwein - und regt einen Kulturwandel an. Und er hat neues Modell für den Amateurfußball, insbesondere für den unterklassigen. Krisengebeutelte Vereine könnten freiwillig auf die Bezahlung verzichten. Alle Klubs, die sich dieser Regelung verpflichten möchten, sollen sich in einer Interessengemeinschaft zusammenschließen. Eine Community der Freizeitkicker ohne Bezahlung sozusagen. "Es gibt doch in jedem Verein kritische Stimmen, die sagen: Wir verlieren unsere Identität, wenn wir unser Geld nur in Söldner stecken", sagt Frohwein.

Eben jene Fußball-Puristen sollen sich in seinem Gegenmodell zu einer Gemeinschaft vernetzen - mit klaren Vorgaben an alle Mitglieder. Wer die freiwillige Selbstverpflichtung unterschreibt, darf beispielsweise eine Plakette am Vereinsgelände oder auf der Webseite anbringen. Ein Zeichen für wahre Amateure also.

Fußball-Trainer Alexander Spindler sieht das kritisch. "Es wäre ein Financial Fairplay im Kleinen. Und wenn schon das im großen Maßstab nicht funktioniert, wie soll es dann im kleinen gelingen?" Der Ideengeber setzt auf Ehrlichkeit. "Die Teilnehmer wollen doch nicht alle Welt belügen. Ich setze auf die Selbstreinigungskräfte der Community." Schwarze Schafe werden schon innerhalb der Gruppe aufgedeckt - und so das Modell rein gehalten.

Und was sollen diejenigen machen, die weiterhin Geld in den Amateurfußball stecken? Steine statt Fußballerbeine, lautet Frohweins Ansatz. Denn Mäzene wird es weiterhin geben. "Allerdings muss die Zielsetzung eine andere sein: Warum wird der Erfolg eines Vereins über das Sportliche definiert und nicht über die soziale Funktion des Vereins?" Also konkret: Ein Verein kann auch erfolgreich sein, wenn er als Gemeinschaft mit Festen oder in der Kinderbetreuung vorankommt, als nur einmal für zwei Jahre in der Landesliga zu spielen. Neue Zeiten bedürfen eben neuer Denkmodelle.

 

These 2: Die Schere zwischen Profis und Amateuren wird größer

Wenn am Wochenende der Ball in den Bundesliga-Arenen wieder rollt, dann sitzen wohl viele Fußballfans auf dem Sofa und schauen zu. Sie schauen zu - auch weil sie selbst nur unter schärfsten Einschränkungen spielen dürfen. Allein schon daran zeigt sich, wie weit die Lücke zwischen den Profis - viele von ihnen mit Millionen-Salären - und den Amateuren auseinanderklafft. Die Profi-Klubs entfernen sich immer weiter von der Basis. Rein sportlich, wenn die Bundesligisten womöglich im August schon wieder eine neue Saison beginnen, während die Amateure noch nicht einmal das erste Punktspiel des Jahres hinter sich haben.

All das wäre noch nicht einmal das Tragische. Denn während die Profis ihr Gehalt mit Fußballspielen verdienen, ist es für die Amateure "nur" ein Hobby. Ein Hobby, das sie höchstwahrscheinlich auch nach der Krise weiter betreiben.

Allerdings sollte endlich alle Fußballromantik in die Geschichtsbücher verabschiedet werden. Denn die Story des "kleinen Klubs" aus der Provinz, der mal ans Oberhaus anklopfen kann, weil er clever wirtschaftet oder gerade einen guten Jahrgang hat, ist nicht mehr zeitgemäß. Das wird es nicht mehr geben. Zu groß war schon vor der Corona-Krise der Unterschied. Das verstärkt sich nun weiter - und betrifft vor allem die Klubs aus der dritten bis fünften Liga. Aus eigener Kraft wird kein Klub mehr aus dem Mittelbau des Fußballs den Sprung in die Elitenligen schaffen. Schon in der Regionalliga sind die Kosten für ein semi-professionelles Team hoch. Und um noch weiter nach oben zu kommen, ist nun noch mehr Geld nötig, weil in den Bundesligen aufgrund der TV-Gelder die Einnahmen in Millionenhöhe weiterhin fließen. Der semi-professionelle Bereich hat den Anschluss verpasst - und kann ihn auch nicht mehr aufholen, es sei denn ein Mäzen steckt viel Geld in den Klub. Es ist durchaus denkbar, dass gerade im Bereich zwischen Amateur- und Profifußball das Finanzierungsmodell zerbröselt.

Wenn sich allerdings die Profi-Show und der Amateurfußball auf dem Hartplatz noch weiter voneinander entfernt, könnte darin auch eine Chance für die Amateure stecken. "Es könnte schon sein, dass viele die Geisterspiele als mega-fade empfinden und dann Fußballatmosphäre auf den Amateurfußballplätzen suchen", sagt Tim Frohwein. "Ich wünsche es mir, aber natürlich lässt sich das aktuell schwer vorhersagen."

 

These 3: Viele Spieler verlassen die Vereine und könnten Klubs das Genick brechen

Das Vereinssterben gibt es bereits seit einigen Jahren im Amateurfußball in der Region. Viele A-Klassisten mussten die Segel streichen. Lippertsgrün oder Bernstein im Frankenwald sind nur zwei Beispiele. Es fehlten die Spieler. Im Moment droht einigen anderen Klubs dasselbe Schicksal. Viele Spieler, die oft sowieso nur noch den Kontakt zu den Vereinen über das Spiel am Wochenende hielten, haben seit November nicht mehr gespielt. Viele werden nach einem Jahr ohne Fußball den Vereinen den Rücken kehren. Sie werden sich den Fußball abgewöhnt haben. "Der ein oder andere, der schon vorher am Kippen war, wird sich wohl aus dem aktiven Fußball verabschieden", sagt auch Tim Frohwein.

Denn der Fußball mit seinen starren Strukturen passt nicht in die Zeit des Individualismus. Das Konzept, dass mindestens elf Spieler an einem festen Termin gemeinsam Zeit haben müssen, ist immer seltener umsetzbar. Gerade in kleinen Dorfvereinen.

Und nicht nur dort. "Ich habe in den Telefonaten mit den Spielern schon bemerkt, dass sich der Fokus verschoben hat", sagt Trogens Coach Alexander Spindler. Hausbau, Familie oder ein anderes (sportliches) Hobby haben den Fußball überlagert. "Wenn sich die Ehefrau und die Kinder daran gewöhnen, dass der Papa nicht zweimal in der Woche zum Training ist und am Sonntag zum Spiel, dann kann das auch ein Argument für ein Karriereende sein", weiß Spindler. Daher ist es denkbar, dass einige Vereine im Herbst sagen: "Tut uns leid, wir treten gar nicht mehr an".

Das kann so kommen - oder auch ganz anders. "Es kann aber auch gut sein, dass die Leute merken, wie wichtig die Geselligkeit war", konstatiert Frohwein eine Gesellschaft der sozial Unterversorgten. "Die Leute genießen es, sich mit anderen zu treffen." Und eben jene soziale Funktion kann leicht ein Sportverein übernehmen. Wenn die Schranken also wieder fallen, könnte es auch zu einer Wiederbelebung der Geselligkeitskultur im Verein kommen. Wenn es nicht schon zu spät dafür ist.

 

These 4: Die Zwangspause beschleunigt die Digitalisierung

Kaum ein Verein wird in den letzten Tagen nicht von den Videokonferenzen des Bayerischen Fußball-Verbands gehört haben. Andere Klubs haben Mannschaftsabende auf Zoom oder Skype abgehalten. Die Leistungen der Einzeltrainings sind sowieso schon länger digital auf Strava und Co. abrufbar. In der Corona-Krise mussten alle mitmachen - egal, wie stark sie sich vorher dagegen gesträubt hatten. "Wir kennen doch alle die Altersstruktur vieler Vereine: Oft sind ältere Leute in Verantwortung, die Berührungsängste mit dem Digitalen - wie sozialen Medien - hatten", sagt Tim Frohwein. Doch in Corona-Zeiten mussten sie plötzlich das alles nutzen, um auf dem neuesten Stand zu bleiben - oder das Vereinsleben überhaupt aufrechtzuerhalten.

Die Folge: Wer einmal die guten Seiten der Digitalisierung kennengelernt hat, der wird auch künftig nicht mehr darauf verzichten. Daher beschleunigt die Corona-Krise die Digitalisierung. Für viele geht es dabei auch ums Überleben des Vereinssports: "Unternehmen, die stärker digitalisiert sind, gehen ressilienter mit der Krise um", sagt Frohwein. Sie sind widerstandsfähiger in schweren Phasen. So haben etliche Vereine den digitalen Raum dafür entdeckt, sich zu finanzieren. Virtuelle Spiele oder Bratwürste - wie sie die SpVgg Selbitz verkauft hat und knapp 1500 Euro damit eingenommen - bringen selbst in Zeiten ohne Spiele Einnahmen. Die Vereine werden künftig von der digitalen Kompetenz profitieren, die sie in den vergangenen Wochen gesammelt haben. "Die digitale Infrastruktur wird künftig viel selbstverständlicher genutzt", sagt Frohwein. So sei beispielsweise denkbar, dass ein Spieler, der auswärts arbeitet, per Skype zur Mannschaftssitzung am Donnerstagabend zugeschaltet wird.

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Marcus Schädlich

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Veröffentlicht am:
14. 05. 2020
19:47 Uhr

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