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"Wir gehören schon zu den Dinosauriern"

Thomas Manzei ist seit 2008 zweiter Vorsitzender der Wölfe. Er blickt auf Höhepunkte, große Veränderungen, aber auch einige schmerzhafte Entscheidungen zurück.



Interview: mit Thomas Manzei (52), zweiter Vorsitzender des VER Selb
Interview: mit Thomas Manzei (52), zweiter Vorsitzender des VER Selb   » zu den Bildern

Herr Manzei, der VER Selb startet am Freitag in seine zehnte Saison in Folge in der Oberliga Süd...

...ist es tatsächlich schon die Zehnte? Ich habe mich mit meinem Kollegen Jürgen Golly kürzlich erst darüber unterhalten. Wir dachten, es wäre die Achte oder die Neunte.

 

Es ist tatsächlich die Zehnte. Und der VER zählt längst schon zu den Spitzenteams, hat in den vergangenen neun Jahren acht Mal die Playoffs erreicht. Haben Sie sich das bei Ihrem Amtsantritt träumen lassen?

Es war natürlich unser Ziel. Wir waren ja früher, also mit dem Vorgängerverein, schon sehr stark in der Oberliga.

 

Wie stolz macht Sie das als Verantwortlicher für einen doch relativ kleinen Standort in der dritthöchsten Liga?

Wir haben uns über viele Jahre bundesweit einen Namen gemacht und sind in der Oberliga wirklich schon zu einem ganz festen Bestandteil geworden. So was auf die Beine zu stellen, ist schon etwas, worauf man in Selb und der Region Hochfranken stolz sein kann. Was auch interessant ist: Bei Verbandstagungen zum Beispiel gehören wir schon zu den Dinosauriern. Sowohl was die Vereine, als auch die Vorsitzenden anbelangt. So eine Kontinuität wie sie wir in Selb haben, hat noch Peiting. Das war’s dann eigentlich schon.

 

Wie wichtig ist diese Kontinuität auch im Vorstand?

Ich denke, sehr wichtig. Sie zahlt sich irgendwann aus. Wir haben das Ganze ja immer langfristig gesehen und auch aufgebaut.

 

Wenn Sie einmal kurz zurückblicken: Was waren für Sie die Höhepunkte in den vergangenen neun Oberliga-Jahren?

Die ersten Meilensteine waren, als wir im ersten Jahr nach dem Aufstieg in die Oberliga den Klassenerhalt gegen Landsberg feiern durften und gleich in der zweiten Saison das erste Mal die Playoffs erreicht haben. Ein absoluter Höhepunkt war natürlich die Oberligameisterschaft in der Saison 2013/14. Aber auch vor zwei Jahren die Halbfinalspiele gegen Deggendorf waren echte Highlights. Insgesamt war die Oberligazeit bisher eine sehr schöne und auch insgesamt sehr erfolgreiche.

 

Haben Sie nicht das Playoff-Viertelfinale gegen Hannover vergessen? Da gab es ja dieses schöne Bild, als Sie am Pferdeturm mit Jürgen Golly so euphorisch gejubelt haben.

Im Nachhinein kann ich es ja sagen: Ich habe uns gegen die Indians als krassen Außenseiter gesehen. Man weiß, was am Pferdeturm los ist. Der Jubel war dann eine emotionale Explosion. Wir waren voller Adrenalin, da fliegt dir alles raus.

 

Wenn Sie den VER Selb vor zehn Jahren mit dem von heute vergleichen: Wo sehen Sie die größten Unterschiede?

Wir sind schon ein ganzes Stück professioneller geworden. Es waren nach dem Neubeginn auch schöne Zeiten in der Bezirks-, Landes- und Bayernliga. Aber irgendwann war es notwendig, die Sache etwas anders zu strukturieren.

 

Was heißt das genau?

Wir mussten professioneller, ernsthafter werden. Nicht mehr ganz so familiär, ist vielleicht der falsche Ausdruck. Aber wenn ich es von uns Vorsitzenden festmache, waren wir früher viel näher dran an der Mannschaft. Die bestand ja auch größtenteils aus Spielern aus dem eigenem Nachwuchs oder Spielern, die gefühlt schon ewig in Selb waren, wie Elko Porzig zum Beispiel. Wir sind später aber ganz bewusst etwas auf Distanz gegangen von der Mannschaft.

 

Warum?

Mit der steigenden Professionalität ist es manchmal notwendig, rein rationelle statt emotionale Entscheidungen zu treffen. Da hilft einfach ein gewisser Abstand und eine gewisse Distanz. Deshalb haben wir uns vom Kumpel-Dasein verabschiedet.

 

Haben Sie Beispiele für solche Entscheidungen, die aus Ihrer Sicht rein rationell waren?

Eine der schmerzhaftesten Entscheidungen war, Cory Holden im Dezember 2015 von seinen Aufgaben als Trainer der ersten Mannschaft zu entbinden. Das werde ich nie vergessen. Weil aber Cory das Angebot als hauptamtlicher Nachwuchstrainer angenommen hat, war es im Nachhinein auch wieder eine brillante Entscheidung. Sehr weh getan hat auch die Entscheidung, als wir uns auf der Torhüterposition gegen Marko Suvelo ausgesprochen und den Vertrag nicht mehr verlängert haben. Aber so ist es nunmal. Der Sport unterliegt permanenten Veränderungen.

 

Was fällt Ihnen spontan noch ein, wenn wir über Veränderungen beim VER in den vergangenen zehn Jahren sprechen?

Da gehören auch die ganzen Einrichtungen dazu, die wir jetzt haben. Ob die neue Mannschaftskabine oder den Mannschaftsbus. Geändert hat sich auch die Art und Weise, wie heute gearbeitet wird - auch im Sommer. Wir brauchen jetzt durch viele auswärtige Spieler eine große Anzahl von Wohnungen. Früher sind wir mit ein oder zwei Wohnungen für unsere Ausländer ausgekommen.

 

Auch das Budget dürfte sich etwas verändert haben....

Wesentlich, ja. Das Sponsorenaufkommen haben wir verdreifacht. Damals haben Jürgen Golly und ich alle Sponsoren persönlich betreut. Das war irgendwann nicht mehr möglich, weil auch wir Ehrenamtliche sind und unsere Jobs haben.

 

Welche Kraftanstrengungen sind nötig, um den Etat bei ständig steigenden Kosten abzusichern - was ja zuletzt ohnehin nicht immer geklappt hat?

Das ist schon Jahr für Jahr und tagtäglich ein Kraftakt. Aber wir sind froh, in unserer Region so einen Verein mit so einem Etat überhaupt auf die Beine stellen zu können. Das zu stemmen, war für uns Vorsitzende nebenher nicht mehr möglich. Es ist ein Fulltime-Job. Deshalb sind wir heilfroh, mit Thomas Schramm auf dieser Stelle super besetzt zu sein. Er arbeitet 55 bis 60 Stunden pro Woche und macht das sehr gut.

 

Welche Aufgaben genau hat Thomas Schramm?

Das Wichtigste ist, bestehende Partner zu sichern und zu betreuen. Sie müssen sich wohlfühlen und einen Mehrwert sehen beim VER. Darüberhinaus geht es natürlich immer wieder auch um Neugewinnung.

 

Passiert da noch viel mit neuen Sponsoren - oder hat der VER Selb schon alles abgegrast?

Es vergeht keine Woche, in der nicht neue Firmen kontaktiert, Angebote unterbreitet und Gespräche geführt werden. Der Aufwand ist schon hoch. Auch die Anforderungen insgesamt steigen durch die Möglichkeiten, die heute da sind - wie Internet, Social Media oder Videowürfel. Wir suchen immer wieder nach Alleinstellungsmerkmalen, die wir anbieten können. Natürlich haben wir als VER alleine schon mit dieser Eishockeyfaszination, die es in Selb gibt, ein Alleinstellungsmerkmal. Das gilt es auch zu vermarkten.

 

Herr Manzei, Sie sind Geschäftsführer bei der Firma Purus in Arzberg und seit elf Jahren im Vorstand des VER Selb. Wie bekommen Sie das alles unter einen Hut?

Das ist schon manchmal wahnsinnig schwierig über so eine lange Zeit. Wenn der VER in gewissen Phasen mit aller Macht den Einsatz fordert, kommst du automatisch in Konflikte, bei denen man sich schon der Prioritäten gut bewusst sein muss. Die zu ordnen, ist manchmal sehr schwierig.

 

Es ist Ihnen aber bislang immer gut gelungen...

Da bin ich auch meiner Familie dankbar, weil sie auch oft zurücksteckt und mich unterstützt. Und ehrlicherweise muss ich auch sagen, dass sich die Prioritäten etwas verschoben haben. Ich bin persönlich nicht mehr in der Lage, so viel Zeit für den VER zu investieren. Dies betraf im Sommer sowohl meinen Vorstandskollegen Andreas Golbs als auch mich, da wir beide jeweils beruflich extrem gefordert wurden. Da musste Jürgen Golly deutlich mehr Aufwand betreiben. Aber auch für Jürgen ist es sehr schwierig, alles unter einen Hut zu bringen. Deshalb ist es wichtig, immer mehr Ehrenamtliche außenrum zu haben - wie den Beirat und das Kompetenzteam, die gewisse Aufgaben übernehmen.

 

Was fasziniert Sie persönlich an der Sportart Eishockey?

Die Geschwindigkeit und Dynamik, die Nähe am Geschehen und natürlich die Atmosphäre, die vom Eis auf die Ränge überspringt und sich dann dort entlädt. Für mich ist es die faszinierendste Sportart, die es gibt. Ich war mit 13 oder 14 erstmals als Zuschauer im Eisstadion. Es war damals wie eine Droge, ich war ab diesem Zeitpunkt gefesselt. Das ist auch heute noch so. Ich kann jedem einfach nur raten, der das noch nie gesehen hat, mal ins Stadion zu gehen. Eishockey muss man live erleben, nicht am Fernseher.

 

Mit welchem Gefühl blicken Sie auf die am Freitag startende Saison 2019/20?

Mit einem guten und innerlich entspannten Gefühl. Wir haben eine gute Mannschaft und die neuen Stellen sehr gut besetzt. Die Charaktere der Neuzugänge machen auf mich einen außerordentlich guten Eindruck. Die Vorbereitungszeit war ja eher kurz, deshalb gehe ich davon aus, dass sich gewisse Mechanismen noch einspielen werden.

 

Welche Zielvorgabe gibt es von Vorstandsseite an Mannschaft und Trainer?

Das haben wir bei einem Kick-off-Meeting mit der Mannschaft, den Trainern, Betreuern und Ärzten ganz klar besprochen. Unser Ziel ist, die Playoffs zu erreichen. Wir müssen nicht herumspinnen und von der Meisterschaft sprechen. Aber die Mannschaft hat Potenzial. Ihr ist einiges zuzutrauen.

 

Mit wie vielen Playoff-Runden kalkuliert der Verein?

In unserer Wirtschaftsplanung für diese Saison ist eine Runde mit zwei Spielen drin. Wir hoffen natürlich, soweit wie möglich zu kommen. Es gibt ja den Spruch unseres Trainers, der immer das letzte Spiel der Saison gewinnen will. Das wäre natürlich traumhaft. Aber realistisch gesehen, gab es noch nie so viele Aufstiegsaspiranten und Top-Vier-Kandidaten in der Oberliga Süd wie heuer.

 

Befürchten Sie, dass der VER Selb etwas abgehängt werden könnte aufgrund der großen Konkurrenz aus Deggendorf, Rosenheim, Riessersee oder Regensburg, die allesamt zurück in die DEL 2 drängen?

Nein, da ist mir nicht bange. Unsere Mannschaft ist sehr ausgeglichen besetzt, vielleicht sogar ein Stück stärker als in der Vorsaison. Das ist meine innerliche Überzeugung. Natürlich muss sie erstmal zusammenfinden. Das war letztes Jahr auch so. Aber uns in der Netzsch-Arena mit diesen Fans zu schlagen, wird für jede Mannschaft schwer. Da kann kommen, wer will. Aber wir brauchen den uneingeschränkten Support der Fans. Das ist schon noch ein letztes Fünkchen, das den Unterschied ausmacht.

 

Was erwarten Sie zum Auftakt-Wochenende in Füssen und gegen Deggendorf?

Das sind gleich zwei richtig dicke Brocken. Es wird ein sehr anspruchsvolles Wochenende. Füssen wird am Freitag als Aufsteiger voller Euphorie und Adrenalin sein. Und Deggendorf ist der Topfavorit, der am Sonntag sicher Punkte aus Selb mitnehmen will. Aber unsere Wölfe werden sich mit allem dagegenstellen und dem DEL 2-Absteiger einen heißen Tanz liefern mit der entsprechenden Fanunterstützung.

 

Auf wie viele Fans hoffen Sie?

Mich würde freuen, wenn um die 2000 Zuschauer kommen. Das wird hochklassiges Eishockey. Ich empfehle Eishockey-Liebhabern ganz dringend, dieses Spiel zu besuchen.

 

Sie haben angekündigt, bei der Hauptversammlung 2020 nicht mehr als zweiter Vorsitzender zu kandidieren. Schwingt schon ein bisschen Wehmut mit vor Ihrer letzten Saison?

Momentan nicht. Das ist noch ganz weit weg. Was mich wirklich beschäftigt, ist einen Nachfolger zu finden. Das ist nicht so einfach und mir bis heute nicht gelungen. Mir persönlich ist sehr wichtig, dass dieser Nachfolger nicht die persönlichen Interessen, sondern die des VER Selb in den Vordergrund stellt. Es geht immer um das Wohl des Vereins.

 

Sollten Sie keinen geeigneten Nachfolger finden, wäre Ihnen sicher kein Mitglied oder Fan böse, wenn Sie noch einmal zwei Jahre zu verlängern...

Warten wir mal ab, was die Zeit mit sich bringt. Ich fühle mich dem VER schon ein Stück weit verpflichtet und bin sicher nicht der Typ, der einfach geht und sagt, nach mir die Sintflut. Wir haben uns in den letzten 15 Jahren einen Status aufgebaut, der gesichert werden muss. Die Richtung ist gut.

 

Autor
Andreas Pöhner

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Veröffentlicht am:
26. 09. 2019
10:04 Uhr

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Andreas Pöhner

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26. 09. 2019
10:04 Uhr



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