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Hof - Zuhause, in Russland, da konnten sie nur heimlich auf Deutsch singen. Wenn Lidia Schukow, Jahrgang 1942, als Kind daheim auf dem Küchentisch stand und gesungen hat, dann hat die Familie oft gehofft, dass von außen keiner herein hört. Das Zuhause von Lidia war damals ein kleines Dorf bei Omsk, Sibirien. Aus der Ukraine ist sie mit ihrer Familie dorthin verfrachtet worden. Bei den Russen galten sie als Deutsche, die eigene Kultur wurde ihnen verboten. "Ich bin ein Kriegskind, ich habe Hunger und Hass erlebt", sagt sie. Seit neun Jahren lebt sie nun in Deutschland, in Hof. Hier gilt sie als Russin - obwohl sie sich auch als Deutsche wohlfühlt. Lidia Schukow ist eine Spätaussiedlerin, wie es viele gibt in der Stadt. Und sie ist eine von drei Damen, die mit ihrer Herkunft einen Bogen schlagen zwischen der deutschen und der osteuropäischen Kultur: Sie ist ein Drittel des "Trio Melodia" - seit knapp fünf Jahren schaffen die drei Damen mit ihrem Gesang Stimmung in Konzertsälen und Kirchen der Region.
Die reine Stimme ist ihr Ziel
Lidia Schukow, ihre Schwester Rosa Machnatschov und Ida Schindler sind das "Trio Melodia". Sie singen a cappella, auf die reine Stimme, die reine Stimmung kommt es ihnen an. Zum Repertoire gehören 300 Jahre alte deutsche Volkslieder genauso wie Gesänge der russisch-orthodoxen Liturgie, Psalmen auf Altrussisch ebenso wie Zigeunerlieder und Weisen auf Plattdeutsch. "Wir forschen viel nach, um zu neuen Liedern zu kommen", erzählt Lidia. Viele CDs höre sie sich an, häufig sehe sie im Fernsehen Sendungen mit entsprechendem Hintergrund. Mehr als 100 Stücke haben sie heute im Repertoire, alle bis auf die altrussischen singen sie auswendig. "Wir hatten in diesen fünf Jahren genau 105 Auftritte", sagt Ida. Kaum eine Kirche steht in Hof, die sie noch nicht kennen, daneben werden sie des Öfteren für Familienfeiern, Taufen und andere Veranstaltungen gebucht. Bei der Hofer Kulturnacht im Theater waren sie schon, beim Botschafter der Ukraine haben sie bereits gesungen, beim Internationalen Frauentag sind sie mehrfach aufgetreten.
"Viele Menschen finden in unseren Liedern ein Stückchen Heimat, sie erkennen sich selbst wieder", erzählt Lidia. Der Begriff Heimat ist für die drei musikalisch weit gefasst: Im Russischen fühlen sie sich genauso zu Hause wie im Deutschen - was stimmen muss, ist die Einigkeit. "Die Stimme zählt, die Energie, und auch die Erinnerung", erklärt Rosa. "Den Menschen soll es nach einem Konzert besser gehen als vorher", das ist das Ziel von Ida.
Die drei sind süchtig, das geben sie zu: "Wir sind süchtig nach Harmonie." Auf dem Weg dorthin gibt es durchaus mal Streit - musikalische Diskussionen und Debatten, sie selbst sind ihre schärfsten Kritiker, sagen die drei.
Eine musikalische Ausbildung haben sie nicht, aber viel Erfahrung. Ida stammt aus Kasachstan, seit 17 Jahren ist sie in Hof, Lidia lebte lange Jahre auch in Kirgisistan - und von überall her haben sie sich Lieder und Stimmungen mitgebracht. Das Trio zusammengeführt hat Kerstin Witt. Alle drei hat sie für den Migrationsdienst der Diakonie Hochfranken beraten, zeitweise sangen sie in ihrem Chor mit. "Bis wir gemerkt haben, zu dritt macht es noch mehr Spaß", erinnert sich Rosa.
Sie haben viele russische Fans, natürlich, doch zwei Drittel ihrer Zuhörer sind Deutsche. Mit ihrem Gesang verdienen sich die drei Damen auch ein Stück Respekt, sagt Ida: "Viele Aussiedler sagen, sie fühlen sich hier fremd. Dabei muss man doch selbst etwas tun, um sich wohlzufühlen. Der Mensch muss etwas machen, eine Aufgabe gehört zum Leben." Egal, wo die Heimat und wo das neue Heim ist.


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