![]() |
|
|
|
||
Hof - 20 000 Mitglieder hat die evangelische Kirche in Bayern im vergangenen Jahr durch Austritte verloren. Obwohl der Schwund damit leicht schwächer als im Vorjahr ausgefallen ist, gibt sich die Kirche hoch unzufrieden mit dieser Entwicklung. Der Hofer Dekan Günter Saalfrank sieht auch weitere Probleme.
Herr Saalfrank, die Zahl der Kirchenaustritte ist auf hohem Niveau. Wie stellt sich die Situation im Dekanat Hof dar?
Die Zahlen von 2009 liegen mir noch nicht vor, aber 2008 haben wir 215 Austritte gezählt. Das spielt also angesichts mehr als 50 000 Gemeindegliedern keine entscheidende Rolle, zumal es auch Eintritte gibt. Jedes Jahr lassen sich vor allem Menschen, die keiner Religion angehörten oder zumindest keiner christlichen Glaubensgemeinschaft, taufen. Deren Zahl wiegt aber die Zahl der Austritte nicht auf.
Nun muss man bei einem Austritt keinen Grund angeben, aber welche Ursachen vermuten Sie hinter der Entscheidung, seiner Kirche den Rücken zu kehren?
Der Austritt ist meistens der letzte Schritt der inneren Entfremdung und ist das Ende eines langen Prozesses. Es kommt eher selten vor, dass jemand austritt, weil er sich über einen Vertreter der Kirche oder über eine Äußerung geärgert hat. Finanzielle Überlegungen spielen auch eine Rolle. Letztlich ist es oft ein ganzes Bündel von Motiven.
Bleiben wir bei finanziellen Aspekten. Aus diesem Grund auszutreten verlangt wohl häufig, dass man mit der Kirche ohnehin nicht mehr viel gemein hat.
Ja, es ist sehr wahrscheinlich so, dass der, der sich in seiner Kirche zuhause und geborgen fühlt, sich auch finanziell engagieren wird - soweit es ihm möglich ist.
Wie aber kann die Kirche dann Austritte verhindern, wenn sie diese Menschen im Grunde längst nicht mehr erreicht?
Grundsätzlich ist jeder einzelne Austritt schmerzlich. Von daher müssen wir stärker deutlich machen, was Menschen davon haben, wenn sie in der Kirche sind. Es gibt ein ganzes Netz von Angeboten für alle Altersgruppen - von den Kindern bis zu Senioren. Die verschiedenen Gottesdienste sind nur ein Teil davon. Und jeder sollte wissen, dass sein Beitrag nicht nur ihm, sondern im Rahmen der Solidarität auch anderen nützt.
Ist es nicht ärgerlich, wenn Menschen keine Kirchensteuer zahlen wollen, aber sehr wohl ihre Kinder in kirchlichen Kindergärten betreut sehen wollen oder selbst später in einem kirchlichen Pflegeheim unterkommen möchten?
Wir fragen nicht in erster Linie nach der Konfessionszugehörigkeit. Trotzdem sollte nicht vergessen werden, welchen Nutzen dieses Geld auch in der Region hat. Allein wenn ich sehe, wie viele Menschen in Hof von der Kirchlichen Allgemeinen Sozialarbeit profitieren, das müssen wir mehr herausstellen. Oder: Nehmen Sie das kirchenmusikalische Angebot. Es kamen so viele Menschen ins Silvesterkonzert um 22 Uhr in die Michaeliskirche, um das Jahr anders ausklingen zu lassen. Das geht alles nicht zum Nulltarif. Es sind die Kirche und die Orgel zu unterhalten, auch die Mitarbeiter wollen natürlich bezahlt werden.
Nun hat die Kirche auch mit dem Schwund durch sinkende Einwohnerzahlen zu kämpfen. Wie ist das zu verkraften?
Das ist die große Herausforderung für alle Gemeinden der Region. Wenn wir zehn Prozent weniger Gemeindeglieder haben, bekommen wir von der Landeskirche auch zehn Prozent weniger Zuweisung. Allerdings bleiben die hohen Fixkosten für Gebäude und Mitarbeiter gleich.
Man muss kein Prophet sein, um zu sagen, dass bei dieser Tendenz Strukturen in Frage gestellt werden. Wird jede Gemeinde selbstständig bleiben können? Das wäre so eine Frage.
Es darf keine Denkverbote geben. Aber solche Überlegungen müssen aus den Gemeinden selbst kommen. Wenn man dort langfristig handlungsfähig bleiben möchte und sich etwa mehr Zusammenarbeit oder gar eine Fusion wünscht, dann werden sich das Dekanat oder die Landeskirche sinnvollen Lösungen nicht verschließen.
Das Gespräch führte Harald Werder


Drucken
Speichern
Versenden












