Weiden - Florian Pronold ist noch gar nicht gewählt, da jubeln ihm die Delegierten auf dem SPD-Landesparteitag in Weiden schon stehend zu. Nicht alle, aber wohl die knapp 90 Prozent, die ihm später auch ihre Stimme geben werden. Minutenlang geht das so, bis sich die Tagungsleitung endlich Gehör verschafft und den Wahlgang für den neuen bayerischen SPD-Vorsitzenden aufruft. Man muss lange in der Historie der Partei kramen, um auf eine ähnliche Emotionalität zu stoßen.
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Er war wohl zu Zeiten Renate Schmidts. Damals stand die Partei bei 30 Prozent in der Wählergunst und die "rote Renate", eine gestandene Frau im besten Politikeralter damals, war unumstrittene Führungsfigur. Heute steckt die SPD im Allzeittief und der 36-jährige Jungspund Pronold ist bislang nicht als Liebling der Partei aufgefallen. Noch zu Beginn des Parteitags ist die Stimmung eher verhalten. Ja, sagen viele, man werde den "Flori" schon wählen, aber überzeugt klingen die wenigsten. Es schwingt die Frage mit, wer es denn sonst machen solle.
Der Stimmungsumschwung nimmt seinen Anfang mit Ulrich Maly. Es ist Pronolds erster Schachzug an diesem Tag, den charismatischen Nürnberger Oberbürgermeister zu bitten, ihn den Delegierten vorzuschlagen. Maly massiert die zuletzt arg geschundene Seele der Sozialdemokraten, und erst als er spürt, wie sie unten im Saal an seinen Lippen hängen, kommt er auf den "Flori" zu sprechen. Weil er um die Vorbehalte im Parteivolk weiß, preist er Pronold nicht platt in der Form eines Marktschreiers an, sondern zerlegt geschickt die ihm anhaftenden Negativ-etiketten. Das vom polternden Wadlbeißer - "Er ist jetzt 36, da fällt ihm das Bücken schon schwerer." Das vom Ziehsohn seines Vorgängers Ludwig Stiegler - "Der Flori ist sein eigener Kopf, den suchen wir in der SPD." Das vom Berufspolitiker - "Politik ist ein Beruf, und der Flori bringt viel Berufserfahrung mit." Als Maly am Ende sagt, "wählt ihn, dann macht ihr's richtig", meint man, schon die beste Rede an diesem Tag gehört zu haben.
Kein Tadel, keine Klagen
Doch es folgt Pronolds zweiter unerwarteter Schachzug. Er hält keine der üblichen SPD-Parteitagsreden, wie es zuvor Ludwig Stiegler bei seinem Abschied nach fünf Jahren als Vorsitzender getan hatte. Pronold arbeitet sich nicht an der CSU ab, er klagt auch nicht über die Ungerechtigkeit der Welt, die stets und nur über die Bayern-SPD hereinbricht. Er tadelt weder Wähler noch Anhänger, sondern beschwört den Wertekanon der SPD. "Wir sind die Partei der Freiheit vor der Angst vor sozialer Not", sagt er. Der Garant dafür, "dass Freiheit und Individualität in dieser Gesellschaft gelebt werden können". Dann geißelt er Hungerlöhne und die Ausbeutung von Berufsanfängern. "Wo ist da die Freiheit, sich eine Existenz aufzubauen, eine Familie gründen zu können?" Von Minute zu Minute klatschen sich die Delegierten mehr in Wallung.
Dann wird Pronold persönlich. Er schildert seine politische Sozialisation durch die Bilder vom Bauzaun der geplanten atomaren Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, durch das Erstarken der Rechten, durch Zeitzeugenberichte von Nazi-Opfern. Antriebsfedern seien das gewesen, sich politisch zu engagieren, die "Errungenschaften der Sozialdemokratie zu bewahren". Und er spricht offensiv seine Jugendsünden an, vor allem das Zitat vom "Latten-Gustl", als welchen er den Gekreuzigten im Zuge der Debatte um die Kruzifixe in Bayerns Klassenzimmern bezeichnet hatte. Er legt dabei das rhetorische Kunststück hin, Jesus als "mein Vorbild" zu bezeichnen, ohne dass dies aufgesetzt oder gar anmaßend klingen würde. In diesen Momenten könnte man im Saal die berühmte Stecknadel fallen hören.
Zum Schluss versucht sich Pronold an einer Art Ruck-Rede für die Bayern-SPD. In seinen vielen Gesprächen mit Bürgern habe er erfahren, "dass es in Bayern sehr viel mehr Menschen gibt, deren Herzen im sozialdemokratischen Takt schlagen", die aber keine SPD-Wähler seien. Denen müsse man selbstbewusst vermitteln, "dass wir es nicht nur besser wissen, sondern auch besser machen". Deshalb sei das Obama-Motto "Yes we can" keines für die Bayern-SPD. "Ich weiß, dass wir es können - das zeigen wir jeden Tag", sagt Pronold. Für Bayerns SPD müsse es heißen "Yes we want". "Wir wollen kämpfen, wir wollen regieren", ruft er in den Saal. Da stehen sie auf und jubeln.
Dass Pronolds 89,7 Prozent am Ende nur das viertbeste Ergebnis bei den Wahlen zum fünfköpfigen Landesvorstand sind, ficht ihn nicht weiter an. "Das Wichtigste ist, dass ich eine Mehrheit dafür habe, viele Dinge anders zu machen", lässt er keine Zweifel an seiner Mission zu.
Grabenkrieg um Gesamtschule
Dass nicht mal eine Stunde später in einer von den Jusos angezettelten Debatte um die Einführung der Gesamtschule in Bayern ein Grabenkrieg zwischen den linken Anhängern der reinen Lehre und den an der Lebenswirklichkeit orientierten Pragmatikern tobt, ignoriert Pronold geflissentlich. Nein, seine gute Laune lässt er sich heute nicht verderben.


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