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Erschienen am 16.11.2009 00:00
Gegen eine mörderische Ideologie
Gedenken | Dem Rieger-Marsch der Neonazi-Szene setzen die Wunsiedler einen ganzen Aktionstag zum Andenken an die Opfer brauner Gewalt entgegen. Rund 1500 Polizisten aus Bayern und Hessen sorgen dafür, dass es zu keinen Zusammenstößen kommt.
Von Joachim Dankbar

Gedenkveranstaltung in Wunsiedel Bild vergrößern
Kreuze und Grablichter erinnerten am Wochenende in Wunsiedel an die Opfer des Nationalsozialismus und des Rechtsextremismus der vergangenen Jahre. Maßgeblich gestaltet wurde die Aktion von Wunsiedler Jugendlichen.
Bild: Hannes Bessermann
Wunsiedel - Zum ersten Mal seit fünf Jahren ist Wunsiedel am vergangenen Wochenende wieder Aufmarschort der rechtsextremen Szene geworden. Rund 850 Neonazis trafen sich am Samstag in der Kreisstadt zu einem Gedenkmarsch für den vor zwei Wochen verstorbenen stellvertretenden NPD-Bundesvorsitzenden Jürgen Rieger. Zeitgleich versammelten sich rund 1000 Teilnehmer zu einer Gedenkveranstaltung für die Opfer eines Todesmarsches, der kurz vor dem Ende des zweiten Weltkriegs durch Wunsiedel geführt hatte und bei dem allein im Stadtgebiet 30 KZ-Häftlinge ermordet worden waren. Zudem hatte auch noch die "Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands" (APPD) zu einer Kundgebung eingeladen, an der nach Schätzungen der Polizei rund 30 Angehörige des linken Spektrums teilnehmen.

Ohne Sichtkontakt

Zu Zusammenstößen ist es nicht gekommen. Über 1500 Polizisten aus ganz Bayern und Hessen unterbanden jegliche Form von Zwischenfällen. Dank des großen Polizeiaufgebots gelang es, die drei Veranstaltungen in der Wunsiedler Innenstadt konsequent zu trennen. Mit quer zum Straßenverlauf gestellten Mannschaftswagen unterbanden die Sicherheitskräfte sogar den Sichtkontakt zwischen den linken und rechten Gruppierungen.

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Bild:
Zudem hatte die Polizei einen weitgespannten Sicherheitsring um Wunsiedel gespannt. Gewaltbereite Teilnehmer sollten so schon etliche Kilometer vor der Stadt gestoppt werden. Wie die Polizei nach Beendigung der Aktionen mitteilte, wurden bei den Kontrollen an allen Zugangsrouten nach Wunsiedel insgesamt 16 Menschen vorläufig festgenommen. Neun von ihnen wurden dem linken Spektrum, sieben der rechten Szene zugeordnet. Bei ihnen waren Gegenstände wie Messer, Reizstoffsprühgeräte, Sturmhauben und Kanonenschläge festgestellt worden.

Der Marktplatz und zentrale Teile der Wunsiedler Innenstadt gehörte am Samstag dem "Wunsiedler Bündnis". Der Zusammenschluss aus Stadt, Kirchen und Jugendinitiative hatte bereits seit Monaten eine Aktion zum Gedenken an die Opfer eines Todesmarsches vorbereitet, der 1945 durch Wunsiedel geführt hatte. Auf dem Gebiet der Stadt waren damals 30 KZ-Häftlinge umgekommen; sie liegen auf dem Wunsiedler Friedhof begraben. Dementsprechend legte das Bündnis Wert darauf, dass es sich bei seiner Aktion keineswegs um eine Gegendemonstration zum überraschend genehmigten Aufmarsch der Neonazi-Szene handelte. Nach einer Kundgebung auf dem Marktplatz gingen Wunsiedler Bürger und ihre Gäste in einem Trauermarsch den Leidensweg ab, den die aus dem KZ Buchenwald kommenden Häftlinge einst genommen hatten. 1500 rote Grablichter zeichneten diese Route auch optisch nach. Karl Rost, Sprecher der Bürgerinitiative "Wunsiedel ist bunt" machte deutlich, dass die Aufarbeitung der historischen Vorgänge damit nicht abgeschlossen ist. "Wir wollen, dass dies ein Teil des Gedächtnisses dieser Stadt wird", sagte Rost. Nur so könne man die Menschen gegen "Geschichtsfälscher" vom Schlage eines Jürgen Rieger und seiner Gesinnungsgenossen immunisieren.

NPD marschiert in Wunsiedel Bild vergrößern
Mit einem Großaufgebot verhinderte die Polizei, dass sich rechte und linke Demonstranten überhaupt zu Gesicht bekamen.
Bild: Joachim Dankbar

Dass der Rechtsextremismus in Deutschland noch immer über Leichen geht, zeigte eine weitere Aktion des Samstags. In einem ökumenischen Stationengottesdienst wurde der 148 Menschen gedacht, die in Deutschland seit dem Jahr 1990 Opfer der rechten Gewalt geworden sind. Wunsiedler Jugendliche hatten 30 Holzkreuze gebaut, an denen Zettel mit den Namen dieser Opfer befestigt waren - darunter jene der Familie Genç, deren Haus in Solingen im Mai 1993 von rechtsradikalen Jugendlichen angezündet worden war. An drei Stellen der Wunsiedler Innenstadt wurden diese Kreuze wider das Vergessen abgestellt.

Kreuze am Straßenrand

Auch Wunsiedels Bürgermeister Kar-Willi Beck kündigte an, dass Wunsiedel an seinem Kurs der aktiven Auseinandersetzung mit den dunkelsten Seiten deutscher Vergangenheit festhalten werde. Der Demokratie sei damit mehr gedient als mit jedem Versuch des Wegschauens und Verschweigens. Für die Kirchen, die das Wunsiedler Bündnis mittragen, machte der evangelische Pfarrer Jürgen Schödel deutlich: "Frieden stiften, das bedeutet auch, die geistigen Brandstifter zu benennen".


 
 

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