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Kunst und Kultur

"Jeder Satz muss wichtig sein"

Arno Camenisch gilt als Star der Schweizer Literaturszene. Seine Lesungen sind Kult, nun wird er auch im Galeriehaus in Hof auftreten.



Arno Camenisch   Foto: Janosch Abel
Herr Camenisch, Ihre Lesungen kommen außergewöhnlich gut an. Warum?

Ich sage mir immer: „Heute will ich so lesen, als wäre es das letzte Mal.“ Ich will mich da `reingeben, die Leute berühren. Das ist die Chance, die wir haben, alles aus vollem Herzen zu tun. Ich liebe das Schreiben, das Erzählen und die Bühne, das ist wie atmen: In diesen Momenten bin ich ganz in der Sprache. Meine Lesungen sind Performances. Ich will den Text intonieren, ihm eine Stimme geben. Ich lese im Stehen – so bekommt es eine andere Energie. Schreiben ist wie das Komponieren von Bildern, der Sound ist wie die Seele des Textes, der Rhythmus ist der Puls, der Herzschlag. Schon wenn ich einen Text schreibe, höre ich, wie er tönt, die verschiedenen Resonanzen.


Was sind die zentralen Themen in Ihren Geschichten?

Das Leben, die Liebe und der Tod. Mich interessiert der Mensch in seinem Sein und wie die Menschen miteinander umgehen. Was macht uns aus? Ich bin in einem Berg-Dorf aufgewachsen. Die Natur ist etwas Zentrales, die Bücher sind oft in Graubünden verortet. Aber egal, ob wir in New York oder in meinem Heimatort Tavanasa sind: Überall hofft man, liebt man sich, zweifelt man, hat man seine Freuden. All diese Facetten von Emotionen verhandle ich. Zum Buch „Hinter dem Bahnhof“, das in Tavanasa spielt, sagen die Leute oft: „Das ist meine Kindheit!“ Die Leser sollen sich in den Geschichten wiederfinden, egal, wo sie leben. Auch will ich zeitlose Texte schreiben.
 
Zur Person

Arno Camenisch, 1978 in Tavanasa (Kanton Graubünden, Schweiz) geboren, schreibt auf Deutsch und Rätoromanisch. Er wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem deutschen Förderpreis Komische Literatur 2015. Er studierte am Schweizer Literaturinstitut in Biel, wo er auch lebt. Er schrieb „ernesto ed autras manzegnas“ (2005), „Sez Ner“ (2009), „Hinter dem Bahnhof“ (2010), „Ustrinkata“ (2012), „Fred und Franz“ (2013), „Las flurs dil di“ (2013), „Nächster Halt Verlangen“ (2014), „Die Kur“ (2015) und „Die Launen des Tages“ (2016), einige Texte wurden als Hörspiele und Theaterfassungen adaptiert und in über 20 Sprachen übersetzt. Seine Lesungen führten ihn quer durch die Welt, von Hongkong über Moskau und Buenos Aires bis nach New York. 2015 erschien der Dokumentarfilm „Arno Camenisch - Schreiben auf der Kante” (SRF, 3sat). Das Buch „Die Kur“ wird verfilmt.

 
Wo finden Sie Inspiration?

Es ist wichtig, sich mit anderen Disziplinen auseinanderzusetzen. Ich schätze Künstler wie Pina Bausch, Roman Signer oder Marina Abramovic, Alberto Giacometti finde ich umwerfend. Ich bewundere Regisseure wie Aki Kaurismäki, Jim Jarmusch oder Pedro Almodóvar. Ich mag das leicht Absurde, Skurrile. Aber alles ist Wichtig: Mit dem Nachbarn reden, Auto fahren oder Sport. Meine Geschichten sind nah am Leben.


Ihr Schreibstil ist eigen. Was ist Ihnen wichtig beim Formulieren?

Die kurze Form liegt mir. Ein guter Text ist wie ein Whisky: Ein Destillat, die Essenz. Auch da inspiriert mich Giacometti. Seine Figuren sind zum Teil klein, füllen aber den ganzen Raum. Eine solch extreme Verdichtung mag ich auch an Texten. Sie sollen leuchten! Jeder Satz muss wichtig sein. Ich streiche Unnötiges. Es braucht Mut, auf das zu vertrauen, was bleibt. Wo ich den Schnitt ansetze, tun sich die Poesieräume auf. Die Leser fragen: „Was heißt das genau?“ Ich antworte: „Das müsst ihr selbst wissen, was das für euch heißt.“ Im besten Fall liest man ein Buch in jeder Lebensphase anders. Texte sind wie Fassaden, auf denen das Licht sich immer anders bricht. Wichtig ist es, ehrlich zu sein. Meine Geschichten haben zudem etwas Filmisches, die Figuren sind immer in Bewegung.
 
Termin

Arno Camenisch wird am 27. April um 19.30 Uhr im Galeriehaus Hof auf Einladung der Krimiliteraturtage Vogtland aus seinen Büchern „Die Launen des Tages“ und „Nächster Halt Verlangen“ lesen. Karten für drei Euro an der Abendkasse.

http://arnocamenisch.ch


Wie entstehen Ihre Bücher?

Die Geschichten im Buch „Nächster Halt Verlangen“ wurden zunächst monatlich als Kolumnen in einer Zeitung publiziert. Man ist ja dauernd am Denken, am Schreiben. Wichtig ist mir, mich intensiv mit den Texten auseinanderzusetzen. Im Zentrum des Schreibprozesses steht, sich weiterzuentwickeln, auch durch das Nachdenken über Kunst und die Gesellschaft. Natürlich gibt es Tage, an denen man die eigenen Widerstände spürt. Sie sind wichtig, um den nächsten Schritt zu tun. Aber die Neugier, die Lust am Text, an der Sprache, sind immer gleich! Ich wünsche mir, dass ich das, was ich mache, immer aus der Freude heraus tue, dann wird es schon gut!


Welche Rolle spielt der Humor in ihren Werken?

Ich mag die Komik, sie schöpft sich immer aus der Tragik. Spannend finde ich, wenn eine Geschichte auf der Kante dazwischen angesiedelt ist, und man sich fragt: „Soll ich jetzt weinen oder lachen?“ Wie bei Kaurismäki, er schafft stets etwas gleichzeitig Komisches und Tragisches. Das sind die Momente, in denen ich hellhörig werde.


Wann und wie haben Sie Ihre Liebe zur Literatur entdeckt?

Als Kind wollte ich nur Fußball spielen und Ski fahren! Als Teenager merkte ich, dass mich Sprache fasziniert. In unserem kleinen Dorf, in diesem Kosmos mit 50 Einwohnern, bin ich mit Romanisch und Deutsch aufgewachsen. Die Mutter eines Freundes sprach Französisch, es gab das Italienische, Portugiesische, Sprachen aus dem Balkan. Ich lese seitdem viel: Gedichte, Interviews, Biographien oder Sportberichte in verschiedenen Zeitungen, um zu sehen: Wer hat das Gleiche wie aufgefasst? Unterschiedliche Perspektiven auf die Welt interessieren mich. Während des Studiums am Literaturinstitut Biel habe ich das erste Buch, „Sez Ner“, zweisprachig publiziert. Deutsch ist mehr meine Literatur- und Romanisch meine emotionale Sprache, in der ich mit Eltern und Freunden spreche. Es ist ein Glück, dass ich das tun kann, was ich liebe!


Sie haben eine neunjährige Tochter. Was raten Sie Eltern, deren Kinder nicht gern lesen?

Man kann höchstens die Freude wecken. Schon immer lese ich meiner Tochter viel vor und erzähle ihr Geschichten. Wir gehen auch gern ins Theater oder in Ausstellungen. Es ist faszinierend, wie Kinder die Welt betrachten und etwas einordnen. Von ihnen kann man viel lernen.
 
Autor

Lucie Peetz
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
18. 04. 2017
13:56 Uhr

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Autor

Lucie Peetz

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Veröffentlicht am:
18. 04. 2017
13:56 Uhr



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