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Kulmbach

Gericht? Nein danke!

Wegen Beleidigung soll ein Stadtsteinacher vor Gericht erscheinen. Doch er verweigert den Gang durch die Sicherheitsschleuse. Eine Strafe ereilt ihn jetzt dennoch.



Die Sicherheitsschleuse am Eingang gehört bereits seit vielen Jahren zum festen Inventar des Kulmbacher Amtsgerichts. Nach den Vorfällen in Dachau wurden die Einlasskontrollen noch einmal verschärft. Foto: Gerd Emich
Die Sicherheitsschleuse am Eingang gehört bereits seit vielen Jahren zum festen Inventar des Kulmbacher Amtsgerichts. Nach den Vorfällen in Dachau wurden die Einlasskontrollen noch einmal verschärft. Foto: Gerd Emich  

Kulmbach - Dass ein Besuch am Gericht nicht gerade zu den vergnügungssteuerpflichtigen Freizeitbeschäftigungen zählt, ist sicher nachvollziehbar. Viel zu oft kommen Angeklagte zu ihren Prozessen auch zu spät oder glänzen komplett durch Abwesenheit. Eine neue Variante steuerte am Donnerstag ein Stadtsteinacher bei, gegen den am Kulmbacher Amtsgericht wegen Beleidigung verhandelt werden sollte.

Der 59-jährige Arbeitslose erschien sogar überpünktlich zum Prozesstermin. Den Gerichtssaal hat er aber dennoch zumindest an diesem Tag nicht betreten: An der Pforte war bereits Schluss. Obwohl das ehrwürdige alte Gebäude in der Kohlenbachstraße schon lange "barrierefrei" ist.

Was den Angeklagten zurückhielt, waren allerdings die Sicherheitsvorschriften der Justiz, konkret die Einlasskontrollen, denen er sich verweigerte. Bekanntermaßen hatte ein des Betruges verdächtiger Unternehmer vor fünf Jahren im Dachauer Gericht den Staatsanwalt erschossen. Auch nur annähernd derart dramatische Vorfälle gab es in Kulmbach zwar noch nicht, aber auch hier gelangt ohne genaue Kontrollen des Sicherheitsdienstes niemand mehr in das Gebäude.

Es wäre auch nicht das erste Mal, dass bei Besuchern verbotene Gegenstände wie Messer, Wurfsterne oder Drogen entdeckt und konfisziert werden. Aber selbst "normale" Mitbringsel wie Taschenmesser, Schraubenzieher und ähnliches werden vorübergehend in Verwahrung genommen. Vergangenes Jahr versuchte hier auch ein wegen Diebstahls Angeklagter vergeblich, für seinen inhaftierten Mittäter Rauschgift einzuschmuggeln.

Solches oder ähnliches mag dem Stadtsteinacher natürlich niemand unterstellen. Warum er die obligatorischen Einlasskontrollen am Donnerstag strikt verweigerte, wird sein Geheimnis bleiben. Auch anderenorts, beispielsweise beim Jobcenter, gilt er als schwieriger Kunde.

Als Richterin Sieglinde Tettmann ihm persönlich an der Pforte erläutern wollte, was sein Fernbleiben nach sich zieht, hatte der 59-Jährige bereits das Weite gesucht. Zurück blieben das in Stücke gerissene Einladungsschreiben zu der Verhandlung und der Gruß: "Dann bin ich eben wieder ausgeladen!"

Für das Gericht wäre es sicher ein Leichtes gewesen, den widerspenstigen Mann von der Polizei auch gegen seinen Willen vorführen zu lassen. In anderen Fällen - bei gravierenderen Straftaten - gehört dies leider zum Tagesgeschäft der Justiz. Richterin Tettmann und Staatsanwalt Willy Dreise fanden jedoch einen besseren Weg, den Prozess zumindest vorläufig zu Ende zu bringen.

Statt eines Urteils bekommt der Stadtsteinacher jetzt einen Strafbefehl. Weil er Mitarbeiter des Kulmbacher Jobcenters beleidigt haben soll, wurde eine Geldstrafe von 1200 Euro verhängt. Bei einem Hartz-IV-Empfänger entspricht dies etwa dem Betrag, der ihm üblicherweise für 120 Tage, also rund vier Monate, zum Leben zur Verfügung steht.

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Gerd Emich

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Veröffentlicht am:
17. 02. 2017
00:00 Uhr

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17. 02. 2017
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