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Der schwarze Mantel der Verzweiflung

In Bayreuth stellt sich die Studiobühne Goethes "Iphigenie auf Tauris". Die Botschaft von Einsamkeit in der Fremde tönt bedenkenswert in die Gegenwart.

Von Michael Thumser
  • Claudia Iberle als Iphigenia (mit Sascha Retzlaff als Pylades): Goethes "klassischste" Heldin. Foto. Studiobühne/Regina Fettköther
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Bayreuth - Als ausgewachsener "Klassiker" ist das Stück berühmt; und berüchtigt, einer der anspruchsvollsten zu sein. Schwerlich indes klingt ein Satz zeitgemäßer als die wehmutsvolle Frage der Titelheldin: "Kann uns zum Vaterland die Fremde werden?" In was für einem Deutsch- und Vaterland leben die Deutschen? Brandsätze fliegen gegen Asylbewerber, ein dunkelhäutiger Pfarrer, um Leib und Leben fürchtend, räumt seine Gemeinde ... Aber heißen nicht gleichzeitig massenhaft Einheimische Hundertausende von Fremden in aller Redlichkeit willkommen?

Ein Dilemma. Auf der fernen, fremden Insel Tauris trägt es Iphigenie tief in sich aus, Prinzessin aus fluchbeladenem mykenischem Geschlecht, Johann Wolfgang Goethes gewiss "klassischste" Heldin". Auf der Studiobühne Bayreuth gehorcht Dominik Kern der Einsicht, dass ein Regisseur das - von vordergründigem Realismus ganz abgehobene - Schauspiel nicht künstlich modernisieren, nur stilisieren muss: Dann kommen die Grundkonflikte und -gedanken in der bis zur Gedankenlosigkeit konfliktreichen Gegenwart an.

Als Labyrinth gestaltete Ausstatter Michael Bachmann die Szenerie: Von Akt zu Akt geben blutbeschmierte Wände mehr und mehr Raum frei und verwandeln sich obendrein in Projektionsflächen für ein geisterhaftes Theater der Schatten. Maskenbildnerin Yvetta Wontroba überzieht die Gesichter der Taurer mit Blau und Gold und labyrinthisch schwarzen Linien. Weiß hingegen lässt sie das Gesicht Iphigenies, die Gesichter Orests, des Bruders, und seines Freundes Pylades. Angehörige zweier Völker geraten so an- und auseinander, zwischen denen es keine bleibende Verbindung gibt.

Auf Tauris lebt Iphigenie gegen ihren Willen. Heimwehkrank wehrt sie sich gegen König Thoas, der sie zur Frau wünscht. Zugleich droht er, jeden an seine Inselküste gespülten Fremden, also auch Orest und Pylades, der Göttin Diana zu opfern, der wiederum Iphigenie als Priesterin dient. In all dem scheinbar eleganten Weiß - und Blutrot - von Bühne und Kostümen gewinnt ein schwarzer Mantel Bedeutung: zerrissene Bedeckung für die von Verzweiflung zerrissene Prinzessin, die sich vor Sehnsucht nach der Heimat verzehrt.

In den nie schleppenden, doch klug verhaltenen Fortgang der Aufführung passen sich expressive Gesten, exakt choreografierte Aktionen zu reichlich Musik, auch eine pantomimische Episode vielsagend ein. Allerdings soll aus Goethes tief- und schwersinniger Ideen-Poesie Körpertheater nicht werden und wird auch nicht daraus. Denn hauptsächlich dem Text galt die Deutungsmühe des Regisseurs, und die Darsteller folgen ihm willig, allen voran Claudia Iberle. Der sprachlich-gedanklichen Herausforderung stellt sie sich mutig und mit dem Erfolg imponierender Eindringlichkeit. Klar deklamierend, durch Gespür für Tempowechsel, Zögern, stille Pausen macht sich ihre Iphigenie verständlich, sowohl in den zu Blankversen gedrechselten Goethe-Worten als auch mit ihrer Innenwelt: der einer "großen Seele".

Monologe, in sich hoch und weit gespannt, die sich zu Dialogen ergänzen. Martin Betz, als Taurer-König Thoas ein souveräner Herrscher, gibt dem Freiheitsstreben Iphigenies und der gefangenen Griechen schließlich edelmütig, doch gebrochen nach: Iphigenies schwarzen Mantel der Verzweiflung legt er sich am Ende um die eigenen Schultern. Dagegen vertritt der soldatisch aufmunitionierte René Carrié als von Furien gehetzter Muttermörder Orest ein Kriegertum, dem "Gewalt und List als der Männer höchster Ruhm" gilt. Als umso sanfterer Pylades könnte Sascha Retzlaff dazu ausersehen sein, "der alten Götter tiefen Hass" auf Iphigenies und Orests Atriden-Familie zu besänftigen. "Lust und Liebe", schwärmt er, "sind die Fittiche zu großen Taten". Wirklich scheint es ein paar hoffnungsvolle Augenblicke lang, als könnte - in der Fremde, unter Fremden - aus Nähe und Vertrautheit zwischen ihm und der Prinzessin Liebe wachsen, die größte aller Taten.

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Nächste Vorstellungen: am 20. März um 17 und am 26. März um 20 Uhr.

    
    

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