zuletzt bearbeitet: 25.04.2011 13:43 Uhr
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Es kommt noch was
Die St. Michaeliskantorei schaut voraus aufs Ende der Welt. Louis Spohrs Oratorium "Die letzten Dinge" handelt nicht nur vom Jüngsten Gericht, sondern auch von österlichem Neuanfang.
Hof - Natürlich sind im Orchester auch die Posaunen des Jüngsten Gerichts zugegen. Aber häufiger noch als ihre vernichtenden Signale tönen die Violinen der Hofer Symphoniker mit zartfühlendem Singen, die Celli mit traulichem Pizzicato, die Holzbläser mit leutseligem Freimut. Natürlich hat Gott allen Grund, auf die Menschen zornig zu sein. Aber häufiger noch als der ausrottende "Gesang der Schnitter" am Ende von allem ertönt aus der stimmstark aufgestellten St. Michaeliskantorei der Lobpreis himmlischer "Kraft, Weisheit, Ho-heit, Ehre", das Bekenntnis eines Glaubens, dem nicht Höllenfeuer, sondern Erbarmen blüht. Als größte Verheißung verkündet der Chor: "Ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein. So spricht der Herr."
Als die Kantorei unter Georg Stanek am Karfreitag "Die letzten Dinge" von Louis Spohr aufführte, da war's nicht so sehr Musik zur Passion über Sünde und Sterben wie über Vergebung und Neuanfang: Musik für Ostern erlebten die zahlreichen Zuhörer, zu deren Antwort nicht allein eifriger Applaus, sondern, nach dem letzten Ton, ergriffenes Schweigen gehörte.
Der Komponist dachte sich sein 1826 vollendetes Oratorium "recht einfach, fromm und wahr im Ausdrucke". Wie trefflich ihm der Plan gelang, belegt die Hofer Erstaufführung, bei der sich die Überzeugungsarbeit der Kantorei einnehmend mit den Licht- und Farbenwechseln der Symphoniker verbindet. Dem Chor, beeindruckend schon durch die Zahl seiner Sänger, geraten Momente der Andacht, Passagen des Rühmens, Appelle des Glaubens ebenso packend wie die aufgewühlte Hiobsbotschaft vom Weltuntergang.
Klingende Zeitenwende
Als dritte Kraft gestalten die Solisten die klingende Zeitenwende mit - weniger jeder für sich als in Kombinationen und Ensembles und im Bündnis mit dem Chor. Auch innerhalb des Sängerquartetts vereinen sich wohlberechnete Gegensätze zu bewegter und bewegender Harmonie. Voluminös und fraulich, diesseitig lebenswarm der Sopran Bärbel Kubiceks; neben ihr steuert Stefanie Rhaue mit ihrem mystisch abgedunkelten Alt die Stimme einer Urmutter bei; in schlichter Milde berichtet Udo Scheuerpflugs lyrischer Tenor; als Gegengewicht baut Thomas Rettensteiner markante Basslinien auf: Geradezu theatralisch setzt er mit den Worten des Regie führenden Gottes das Schlussbild der Weltbühne in Szene: "Von allen Winden der Erde kommt nun das Ende."
Gleichwohl besiegelt das wertvolle Werk, wohllautend noch in Unheil und Weh, die "Herrlichkeit" einer Heilsgeschichte: Nach dem letzten Stündlein kommt noch was. Jene Balance, die Spohr "wunderbarlich" hält, überträgt der Kantor auf die geglückte Hofer Aufführung. "Alle Künsteleien, alles Schwülstige und Schwierige" wollte der Tonsetzer vermeiden; und Georg Stanek vermeidet all das auch: Das Apokalyptische der Musik unterschätzt und mindert er nicht; aber er bringt Gotteswort und Menschenbekenntnis, Untergangsverkündung und Aufbruchsstimmung, Tod und Trost zum Einklang treuherziger Frömmigkeit. "Kein Schmerz und keine Klage": Indem Gott Zeit und Raum auslöscht, vollendet sich die unzerstörbare Architektur seiner Ewigkeit, ein Haus mit vielen Wohnungen.
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