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Kritiken

Verirrt im Nebel der Gefühle

Die Berge rufen: Zur Festival-Eröffnung führen Jan Zeibels "Drei Zinnen", ein bedrängend enges Kammerspiel, in eine grandiose Landschaft weltferner Grenzenlosigkeit.



Zwischen Distanz und Nähe: Stiefvater Aaron (Alexander Fehling) und Stiefsohn Tristan (Arian Montgomery).	Foto: Internationale Hofer Filmtage
Zwischen Distanz und Nähe: Stiefvater Aaron (Alexander Fehling) und Stiefsohn Tristan (Arian Montgomery). Foto: Internationale Hofer Filmtage  

Hof - Am Sonntag endete in Tegernsee das Internationale Bergfilm-Festival. Am 15. November wird in Salzburg ein anderes eröffnet. Gestern lud das Kulturfernsehen 3sat seine Zuschauer mit dem Spielfilm "Vals" zu einem Alpendrama ein. Mit einem weiteren starteten am Dienstag die 51. Internationalen Hofer Filmtage. Ruft der Berg wieder?

Er hat zu rufen niemals aufgehört. Allenfalls die hohe See gab und gibt einen ähnlich übermächtigen Hintergrund aus unbezwinglichen Naturgewalten ab, wenn Menschen, ihre Rätsel und Empfindungen an ihre Grenzen stoßen sollen. Oft zwar ist im Kino Hochgebirge heileweltlich mit argem Heimatkitsch verbunden. Meist aber auch mit Riesenbildern eines Gipfelmeers, dessen überwältigende Schönheit zugleich Schauder erregt. Jene Landschaft hat, so faszinierend wie erdrückend, Axel Schneppat eingefangen. Die Kamera führte er für Jan Zebeil, der "Drei Zinnen" zur Festival-Eröffnung mitbrachte. Kitsch lässt sich weder dem Drehbuch noch der Inszenierung nachsagen: Hart am Rand zur Baumgrenze, zwischen Geröll und Schnee veranstaltet er keine Eheanbahnung durch die Kraft süßlicher Gefühle, die ewig halten. Er setzt eine scheinbar intakte Stieffamilie einer Belastungsprobe aus, die feine Risse zu klaffenden Brüchen aufsprengt. Aus dem Kampf um Liebe und Nähe wird einer auf Leben und Tod.

Heil in Zabeils Welt ist nur die Natur. Drei Zinnen heißen schrundig-spitze Dolomitenfelsen, die wie "Vater - Mutter - Kind" steil eine Berghütte überragen. In dem schlicht-anheimelnden Quartier verbringen ein Kind, seine Mutter und der Stiefvater ein paar Urlaubstage: Hier, weg von allem, wollen sie vollends zur Familie verwachsen. Guter Wille ist zur Genüge da: Zuneigung, Zärtlichkeit. Aber der kleine Tristan (früh gereift subtil: Arian Montgomery, neun Jahre alt) wünscht sich seinen biologischen Vater zurück an seine Seite, an der seit zwei Jahren, wie ein großer Bruder oder bester Freund, Aaron (Alexander Fehling) steht. Der liebt Lea (Bérénice Bejo) von Herzen - und sie liebt ihn; freilich hält sie letztlich, mehr noch als zu ihm, zum Sohn, der das Erbe einer andern, alten Liebe ist.

Ein beengtes, beklemmendes Kammerspiel in einer denkbar weiten Landschaft grenzenlosen Alleingelassenseins: Geduldig und ausführlich beobachtet der Regisseur wortarme Alltagsbetätigungen und -begebenheiten, die schleichend ihre vordergründige Banalität verlieren. Dreifältig großartige Schauspielerei lässt innerhalb des einigen und innigen Beziehungsdreiecks Reizung spüren, Aggression sogar, von Anfang an und immer stärker.

Kommunikation, die den Namen verdient, stellt sich nicht ein und bleibt sinnfällig schon dadurch aus, dass die drei in Englisch, Deutsch, Französisch miteinander reden. Und die Bereitschaft zur Kooperation zerbricht. Als exquisiter Spannungsdramaturg bewährt sich Zabeil, als er Aaron und Tristan zu einem fatalen Ausflug an den Fuß der Zinnen schickt. Sie bleiben viel zu lange aus. Einmal sieht man Lea wartend, starr vor Angst, wie sie langsam unsichtbar wird in einer Nebelwand, die endlich das ganze Bild verschluckt. Ein andermal verschwindet Tristan, weiß gekleidet, in weißem Dunst und Schnee. Schließlich wird die Kinoleinwand zum Ort von Aarons Untergang, zu einem Wasserloch zwischen den scharfen Kanten dicken Eises. Nicht viel fehlt, und jeder von den dreien geht, indem er in Natur aufgeht, den anderen verloren.

"Sie verirren sich im Nebel der Gefühle", hat Zeibel dem Publikum denn auch nicht ohne Grund versprochen, bevor im Scala-Kino das Licht erlosch. Das Figurentrio, verbissen umeinander buhlend, hat für seine Auszeit ein weltfern-lebensunfreundliches Ziel gewählt; dass es für die drei nicht auch das Ende ist, lässt allein ein Bild erhoffen, und nur sehr kurz: das letzte.

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Spannung: / Anspruch: / Humor:

Sonntag, 20.30 Uhr, Central

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Michael Thumser

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Veröffentlicht am:
26. 10. 2017
00:00 Uhr

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Michael Thumser

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26. 10. 2017
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