Ausstellung in Selb Kunst nach dem Lustprinzip

Ralf Sziegoleit
Hans-Joachim Goller vor zwei fotografischen „Reihungen“ seiner vor fünf Jahren verstorbenen Ehefrau Heidi. Foto: asz

Vor fünf Jahren starb Heidi Goller, die Ehefrau des früheren Kulturdezernenten der Stadt Selb. Auf ihr künstlerisches Schaffen blickt jetzt eine Ausstellung zurück.

Als Studienrätin unterrichtete sie an der Realschule Mathematik und Physik. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, Kunst zu studieren, doch Eltern und Freunde überredeten sie, „lieber was Gscheits zu machen“. Vom Unvernünftigen, also der Kunst, kam sie gleichwohl zeitlebens nicht los. In der Galerie Goller, die sie zusammen mit Ehemann Hans-Joachim vor 25 Jahren ins Leben rief, sind nun 42 ihrer Bilder zu sehen, die einen Zeitraum von einem halben Jahrhundert umfassen. Die ältesten, zwei Tusche-Porträts, stammen von 1960, als sie 17 und noch Schülerin war, die jüngsten, ein nach der Stadt Baden-Baden und vermutlich deren Kunsthalle benanntes abstraktes Triptychon in Rot, Gelb und Blau, entstanden im Jahr 2011.

Arbeit mit kunstfernem Material

Hans-Joachim Goller sagte bei der gut besuchten Ausstellungseröffnung, die große Zuneigung seiner Frau habe im weitesten Sinn der Stilrichtung des Informel, also einem „von Wiedererkennbarkeit meilenweit entfernten Malstil“, gegolten. Sie gestaltete spielerisch und nach dem Lustprinzip, malte mit kunstfernen Materialien wie Salatöl und Kaffeesatz, verwendete Pappteller und Zeitungspapier. Das Ausprobieren und Experimentieren lag ihr am Herzen, der Weg war ihr Ziel, auf die Ergebnisse kam es ihr weniger an. Als sie, im Oktober 1998, in der Galerie Goller ihre erste Einzelausstellung hatte, sagte sie: „Was sich von selber macht, ist viel schöner als das, was man malt.“ Und wenn doch ein Bild von ihr „richtig gemalt“ war, konnte es noch als Grundlage für reizvolle Frottagen dienen, die das Abstrakte in so etwas wie Landschaft umwandeln, mit schwerer Erde und wolkigem Himmel – und vor allem: mit Struktur.

In einer Ausstellung, die drei Jahre später im Bürgerzentrum Münchberg stattfand, präsentierte sie serielle Arbeiten, die sie aus Fotografien mit dem Arbeitstitel „Unter den Füßen“ montierte. Als „Fotografin“ sah sie sich dabei nicht. Heidi Goller richtete ihre Kamera aus Augenhöhe auf den Boden, auf dem sie stand. Das Resultat zeigte sie, in rechteckige Blöcke gefügt, in jeweils zwölffacher Ausführung vor und transponierte damit die Struktur, der ihr besonderes Interesse galt, sozusagen in eine höhere Dimension. Es ergaben sich reizvolle optische und ästhetische Wirkungen, die im Einzelbild nicht angelegt waren. Drei dieser sogenannten „Reihungen“, zwei davon nach Venedig, die dritte nach Cheb benannt, fallen als größte Formate in der aktuellen Retrospektive besonders auf.

Noch bis 27. November

Nach 25 Jahren Galerie Goller und mehr als 100 Ausstellungen mit abwechselnd deutschen und tschechischen Künstlern wird ihr Initiator künftig kürzertreten. Nächster Gast wird im Mai 2023 der Maler und Bildhauer Václav Fiala aus Klatovy im Bezirk Pilsen sein, der schon im Jahr 2009 einmal da war. Diesmal kommt er im Rahmen der deutsch-tschechischen Freundschaftswochen nach Selb und wird mit seiner Kunst neben der Galerie auch das Rosenthal-Theater bestücken.

Die Heidi-Goller-Retrospektive ist noch bis zum 27. November zu sehen. Besuche in der Galerie Goller in Selb sind nach telefonischer Terminabsprache unter 09287/4347 möglich.

 

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