Coburg/Redwitz Geballter Protest gegen Stromleitungen

Bundeswirtschaftsminister Altmaier lotet die Stimmung zum Netzausbau aus. Kommunalpolitiker und Umweltverbände lassen kein gutes Haar an den Plänen.

Coburg/Redwitz - Pfiffe, Buhrufe und Protestschilder gegen den Bau neuer Stromleitungen zwischen Thüringen, Hessen und Bayern: So wird Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am Freitagmorgen am Landratsamt in Coburg empfangen. Dreieinhalb Stunden später wiederholt sich diese Demonstration von Bürgern und Kommunalpolitikern gegen den geplanten Stromnetzausbau am Feuerwehrhaus in der Gemeinde Redwitz im Landkreis Lichtenfels. Beide Male geht Altmaier auf die Menschen zu, spricht völlig unaufgeregt mit ihnen und erklärt, warum er seit August eine "Netzausbaureise" quer durch Deutschland unternimmt. Er wolle "das Thema in aller Ruhe diskutieren", macht aber deutlich, dass im Zuge des Ausstiegs aus der Atomkraft und der Kohleverstromung kein Weg an neuen 380-Kilovolt- und Gleichstromleitungen (HGÜ) vorbeiführt.

Geduldig erläutert Altmaier, dass der Großteil der Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien - vor allem Windkraft - in Norddeutschland steht oder noch gebaut werden wird, große Stromverbraucher, beispielsweise Unternehmen wie BMW oder Audi, im Süden Produktionsstätten haben. "Wir brauchen die neuen Leitungstrassen, damit sauberer Strom transportiert werden kann", betont der Minister. "Es gehört zur Ehrlichkeit, dass ich das hier sage und nicht erst, wenn ich wieder in Berlin bin."

Seit August bereist er die Republik, um mit Bürgern und Kommunalpolitikern über die Notwendigkeit der Energiewende zu sprechen und ihre Bedenken aufzugreifen. Noch bis zum Jahresende wird er unterwegs sein. Er freue sich, sagt Peter Altmaier in Coburg, "viele Bürger und ihre Vertreter zu treffen", und entschuldigt sich gleichzeitig dafür, dass dieser Austausch "nicht schon vor vier, fünf Jahren stattgefunden hat", als es mit dem Netzausbau richtig losgegangen ist. Zum Beispiel mit der Errichtung der "Thüringer Strombrücke" zwischen Altenfeld, Coburg und Redwitz an der Rodach. Die 380-Kilovolt-Leitung ist 2017 vollständig in Betrieb gegangen und gilt als Teil des neuen Rückgrats der Energieversorgung in Deutschland.

Jetzt will die Bundesnetzagentur Berlin eine zweite solche Leitung - Gegner sprechen von einer "Monstertrasse" - im Raum Coburg verwirklicht sehen. Im Fachjargon heißt sie P 44. Dagegen gehen Bürger, Umweltverbände und Kommunalpolitiker über alle Parteigrenzen hinweg auf die Barrikaden. Peter Altmaier wird am Freitag immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, dass die Notwendigkeit einer solchen Leitung zur Sicherstellung der Energieversorgung fachlich bis heute nicht begründet sei. Das kritisiert beispielsweise Christian Gunsenheimer, Klimaschutzbeauftragter des Landkreises Coburg. Der Minister verspricht, auch dieses Argument aufzunehmen. Er sei gerne bereit, hierzu ein Gespräch mit der Bundesnetzagentur und dem Netzbetreiber Tennet zu vermitteln. Tennet soll die neue Leitung bauen.

Dass die Freien Wähler auf der Seite der Gegner stehen, machen Hubert Aiwanger, Bayerns neuer Wirtschafts- und Energieminister, und der ebenfalls erst vor wenigen Tagen ins Kabinett Söder berufene Umweltminister Thorsten Glauber in Coburg und Lichtenfels deutlich. Sie betonen mehrfach, dass sie den Netzausbau ablehnen, wie er von der Bundesregierung und der Bundesnetzagentur geplant ist. Die P 44, so Aiwanger, sei nicht nötig, deren Bedarf nicht nachgewiesen. Das gelte auch für die HGÜ-Gleichstromleitungen "Südlink" durch Unterfranken und "Südostlink" durch Nordostoberfranken. Regierung und Netzagentur müssten erkennen, dass die Sicherheit in der Energieversorgung nicht durch zusätzliche große Stromleitungen gewährleistet werde, "sondern durch mehr Hirnschmalz". Dies bedeute den Aufbau einer "intelligenten, dezentralen Konzeption für die Stromversorgung", also lauter kleine Kraftwerksanlagen, die übers ganze Land verteilt werden.

Dabei dürfe sich Südbayern nicht aus der Verantwortung stehlen, verlautet aus dem Umfeld der Freien Wähler. Zwischen Donau und Alpen halte man sich mit dem Ausbau erneuerbarer Energien noch vornehm zurück. Das zeige sich deutlich am Vergleich, wie viele Windräder im Raum Hof und wie viele in Oberbayern stehen. Anton Reinhardt, Vorsitzender der Kreisgruppe Lichtenfels des Bund Naturschutz, kann das nur unterstreichen: "Dezentral, regional und lokal geht die Energiewende einfacher, preiswerter und umweltfreundlicher."

Am Ende des Tages steht die Botschaft des Ministers, er spreche mit allen Beteiligten über den Netzausbau, "schließlich haben wir eine gemeinsame Verantwortung für das Gelingen der Energiewende". Ihm, so Peter Altmaier, komme es darauf an, eine Einigung zu finden, in der die Lasten des Stromleitungsbaus gleichmäßig über die betroffenen Länder Hessen, Bayern und Thüringen verteilt werden. "Nur so", ist sich der Minister sicher, "kann die Akzeptanz in allen drei Bundesländern gesteigert werden." Ein Ergebnis will er Anfang 2019 vorlegen.

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