Das Ukraine-Tagebuch „Bei uns hat eine Rakete eingeschlagen“

Thomas Simmler. Foto:  

Der Kulmbacher Thomas Simmler lebt seit Beginn des Kriegs in der Ukraine. Jetzt hat es bei einem russischen Angriff sein Haus erwischt. Seine Wut auf die Aggressoren wird immer größer.

Jetzt ist es passiert. In der letzten Nacht hat direkt neben uns unserem Haus in Marhanez eine russische Rakete eingeschlagen. Das Wohnhaus der Nachbarin ist zerstört. Die Besitzerin, eine liebe Rentnerin, liegt verletzt im Krankenhaus. Wie es ihr geht, weiß ich noch nicht. Bei uns ist das Dach weg, alle Fenster sind kaputt. Was für ein Glück, dass wir von vor ein paar Wochen geflohen sind! Irina, die mit unserer Tochter Sofia in Dnjepro bei ihrer Schwester ist, wird heute mit dem Bus nach Marhanez zu fahren, um zu sehen, was alles zerstört wurde. Was wir dann tun werden? Ich weiß nicht. Die Russen würden uns auch das nächste Dach vom Kopf schießen. Auf der Online-Seite der Lokalzeitung habe ich gelesen, dass der Angriff der Russen auf Marhanez zwei Tote und neun Verletzte zur Folge hat. Es ist kaum noch auszuhalten. Ich habe eine solche Wut! Auf Putin, auf die Soldaten, irgendwie auf alle Russen. Das hat mit einem „normalen“ Krieg nichts mehr zu tun. Sie schießen mit ihren Raketen wahllos um sich und es ist ihnen egal, ob sie Zivilisten töten oder nicht. In Marhanez gibt es den Mangan-Abbau und das große Werk . Alles andere sind zivile Einrichtungen.

In Truskawez im Westen des Landes, wohin ich vor einigen Wochen geflohen bin, bin ich sicher. Der Krieg ist trotzdem greifbar. Jeden Tag gibt es ein Begräbnis. Gestern war wieder ein junger Soldat aufgebahrt. Der Sarg ist immer mit einer ukrainischen Flagge versehen. Auf den Treppen zur Kirche liegen Blumen in den Farben gelb und blau und die Menschen knien vor dem Sarg nieder. Bei jeder Beerdigung gibt es einen großen Auflauf. Wenn man überlegt, dass in dieser 30 000-Einwohner-Stadt Truskawez jeden Tag ein junger Mann umkommt, kann man leicht hochrechnen, wie vielen Menschen der russische Angriffskrieg im ganzen Land das Leben kostet. Es ist schrecklich.

Jetzt hat Putin bekanntlich eine Teilmobilmachung angeordnet. Das ist die Reaktion darauf, dass die Ukrainer immer mehr Gebiete zurückerobern. Die russischen Armee stehen offenbar unter Druck. Ich frage mich: Was wollen diese unausgebildeten Reservisten hier im Krieg? Es klingt nicht schön, aber es ist so: Putin wirft sie den Ukrainern zum Fraß vor. Die Proteste in Russland selbst reichen noch nicht. Die breite Masse will den Krieg vielleicht nicht, aber sie sagt: Was kann ich dagegen tun? Vielleicht werden die Mütter jener Männer aufstehen, die nun eingezogen werden. Das ist meine Hoffnung.

Hans-Thomas Simmler aus Mainleus hält sich seit vielen Monaten in der Ukraine auf. Nach Angriffen der Russen in der Nähe des Atomkraftwerks Saporischschja ist er nun im Westen des Landes untergekommen.

Autor

 

Bilder