Horrordrittel für Selb Eispiraten machen einfache Beute

Christian Dreßel

Ein absolutes Debakel haben die Wölfe beim 2:6 gegen den Erzrivalen aus Crimmitschau erlebt. Im zweiten Drittel fangen sie sich gleich fünf Gegentreffer.

Großes Entsetzen unter dem Großteil der 1920 Zuschauer in der Selber Netzsch-Arena: Im Lokalduell erlebten völlig indisponierte Wölfe in der DEL2 gegen die Eispiraten Crimmitschau am Sonntag beim 2:6 ein absolutes Trauma. Der zweite Abschnitt offenbart einen Klassenunterschied – und das obwohl Selb und Crimmitschau in der Tabelle nur ein Platz trennt. Fünf Gegentreffer mussten die Hausherren darin schlucken, ihr Coach Sergej Waßmiller tobte hinterher zurecht: „Das zweite Drittel war eine absolute Katastrophe.“ Er sehe akuten Redebedarf. Zwar betrieben seine Schützlinge im letzten Drittel mit zwei Treffern noch Ergebniskosmetik, am Kantersieg der Sachsen änderte das aber nichts mehr. Die Crimmitschauer rücken dadurch bis auf einen Punkt an die Fichtelgebirgler heran. „Es war ein sehr wichtiger Erfolg für uns gegen einen direkten Konkurrenten“, freute sich deren Trainer Marian Bazany nach der Partie. Der Weg für Selb zu Platz zehn, der nicht in die Abstiegs-Play-offs muss, wird durch die deutliche Niederlage immer länger.

Keine Strafe – Nick Miglio darf spielen

Dabei gab es vor Spielbeginn noch gute Nachrichten für die Wölfe: Das gegen Topscorer Nick Miglio eingeleitete Ermittlungsverfahren wegen seines Puckwurfes am Freitag in Kassel wurde eingestellt. Der Topscorer stand also zur Verfügung. In Lucas Flade und Michael Schaaf kehrten zudem zwei Spieler in die zuletzt ausgedünnten Verteidigungsreihen zurück. Der etatmäßige Goalie Michael Bitzer übernahm erwartungsgemäß wieder für Michel Weidekamp.

Von Beginn an entwickelte sich ein intensiv geführtes Kellerduell, in dem das Heimteam zunächst die reifere Spielanlage zeigte und Crimmitschau sich aufs Kontern verlegte. Echte Hochkaräter waren im ersten Drittel aber auf beiden Seiten Mangelware. Bitzer musste einen gefährlichen Schuss der Gäste aus dem hohen Slot (2.) parieren, eine Großchance von Wölfe-Angreifer Martin Hlozek wurde geblockt (4.). Gerade als Selb die Kontrolle übernahm, eilte Eispirat Patrick Pohl auf der linken Seite auf und davon und setzte seinen wuchtigen Abschluss über Bitzers Fanghand in den Winkel (10.). Kevin Lavallée und Jakub Kania versuchten den umgehenden Ausgleich zu erzielen, scheiterten aber in der gleichen Sequenz an Gäste-Schlussmann Ilya Sharipov (13.). Die Wölfe waren zwar bemüht, doch Ungenauigkeiten im Zusammenspiel und die dicht gestaffelte Crimmitschauer Verteidigung verhinderten Gefährliches. Die Führung der Eispiraten zum Ende des ersten Drittels war dennoch etwas schmeichelhaft.

Selb viel zu passiv in Horrordrittel

Zu Beginn der zweiten Spielphase drückte Selb – und erlebte dann traumatische vier Minuten. Erst bestraften die Sachsen die kleinliche Zeitstrafe für Lucas Flade wegen Hakens kurz vor Ende ihres Powerplay, als Timo Gams einen verunglückten Distanzschuss ins Wölfe-Tor abfälschte (25.). Dann hatten die Hausherren in einer Spielszene mehrere Großchancen: Miglio stocherte und schoß mehrmals vergebens, ein Eispirat traf unfreiwillig, aber ohne Folgen den eigenen Pfosten (27.). Bitter für die Wölfe, vor allem mit Blick auf die anschließenden zwei Minuten. Die nutzte der Gast nämlich gleich für zwei weitere Treffer. Alexis D’Aoust durfte unter freundlichem Begleitschutz der Selber hinter derem Tor startend vor das Gehäuse ziehen und zum 0:3 vollenden (29.), 30 Sekunden später legte Scott Feser mit einem Schuss ins kurze Eck gegen eine völlig desorientierte Verteidigung zum 0:4 nach (29.).

Spätestens jetzt hatte Wölfe-Trainer Sergej Waßmiller genug gesehen und nahm eine dringend benötigte Auszeit. Weidekamp nahm nun die Position von Bitzer ein – und durfte prompt selbst zwei Scheiben aus seinem Netz holen. Pohl erzielte – völlig alleine gelassen – seinen zweiten Treffer und den fünften der Crimmitschauer (32.). Wenig überraschend sagte der Doppeltorschütze nach der Partie überschwänglich: „Heute ist es geflutscht.“ Dafür benötigte es im zweiten Drittel eigentlich keines Beweises mehr, doch Weidekamp offenbarte eine Schwäche beim Schlenzer von Mathieu Lemay, der mit seinem eiskalten Abstauber die Gäste ein sechstes Mal jubeln ließ. (37.).

Kabinengespräch angekündigt

Sicherlich sind fünf Gegentreffer in einem Drittel immer desaströs. Die Art und Weise, wie sich die Selber diese einfingen, warf aber Fragen auf. Vor allem vor dem Hintergrund der Rivalität beider Teams und der tabellarischen Brisanz. Klar, die überfallartige Spielweise der Eispiraten traf die Wölfe mit voller Wucht – eine echte Gegenwehr zeigten die gegen ihren Erzrivalen allerdings zu keiner Zeit. In der zweiten Drittelpause stellte Weidekamp sichtlich mitgenommen fest: „Wir sind immer einen Ticken zu langsam, immer einen Schritt zu spät“ und schob in Richtung der Mannschaftskollegen nach: „Ich mache mir auch Gedanken, woran das liegt. Aber das müssen wir danach in der Kabine ansprechen.“ Weidekamp könnte damit größere Probleme gemeint haben, die sich nicht kurzfristig beheben lassen. Immerhin schafften es die Selber, das Spiel im letzten Spielabschnitt zu neutralisieren. Entgegen kam ihnen dabei, dass die Gäste nicht mehr alles investieren mussten. So gelang Mark McNeill der Ehrentreffer, einen Konter knallte er sehenswert per Schlagschuss ins Tor (50.). Die letzten drei Treffer für die Wölfe – zwei davon am Freitag beim Tabellenführer in Kassel – erzielte der Kanadier. Diese Serie beendete Michael Schaaf, der zwei Minuten vor der Schlusssirene den 2:6-Endstand herstellte.

Ein wenig Balsam auf die geschundene Wölfe-Seele, sodass auch der knurrige Waßmiller die Heimfans, die trotz des Spielverlaufs die Selber lautstark durchweg unterstützten, sowie seine Spieler für die spät gezeigte Moral lobte. Gleichzeitig forderte er aber gegen die Bayreuth Tigers am kommenden Freitag (20 Uhr) vom Team ein „anderes Gesicht“ ein. Das Tabellenschlusslicht brachte sich seinerseits mit einem überraschenden 4:2-Sieg in Regensburg in Position für das Derby. Ganz anders als die Wölfe.

Selber Wölfe: Bitzer, Weidekamp – Fern, Lavallée, Kania, Noack, Klughardt, Kruminsch, Miglio, Trska, Melnikov, Hlozek, Woltmann, Schwamberger, Hammerbauer, Deeg, Gelke, Vantuch, Schaaf, McNeill.

Schiedsrichter: Schütz, Naust. – Zuschauer: 1920. – Tore: 10. Min. Pohl (Reisnecker) 0:1, 25. Min. Gams (Scalzo , Pohl) 0:2, 29. Min. D’Aoust (Lemay, Kanninen) 0:3, 29. Min. Scott Feser (Schietzold, Walsh) 0:4, 32. Min. Pohl ( Reisnecker) 0:5, 37. Min. Lemay ( Scalzo , D’Aoust) 0:6, 50. Min. McNeill1:6, 59. Min. Schaaf (Gelke, Schwamberger) 2:6. – Strafminuten: Selb 6, Crimmitschau 4.

 

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