In Tröstau Franzobel bei der Wortkirchweih

Thomas Friedrich

Literarisches Stelldichein in Tröstau: Zu den Lokalmadatoren gesellen sich außerdem Alfred Schedl und Schauspieler der Luisenburg.

Das Wetter passte zur Stimmung bei der zweiten Wortkirchweih in Tröstau. Die kleine, aber feine Veranstaltung wartete mit großartigen Künstlern auf.

Wolfgang Hermann, Vorsitzender des Kultur- und Kunstvereins Tröstau, gab kleine Geschichten und Gedichte aus eigener Feder und von seinem Lieblingsdichter Robert Gernhardt zum Besten. Anschließend erklomm der extra aus Wien angereiste Alfred Schedl die originelle „Couchbühne“ und las Dorfgeschichten aus den „Niederungen“ von Herta Müller. Leider mussten Uschi Reifenberger und Klaus Kannegießer absagen, doch Wolfgang Hermann hatte den bekannten österreichischen Schriftsteller Franzobel aus Linz gewinnen können, der zurzeit für ein gemeinsames Projekt des Kulturvereins und des Bürgerforums Wunsiedel in Tröstau sein Domizil aufgeschlagen hat. Franzobel las aus seinem neuen, noch nicht veröffentlichten Buch „Einsteins Hirn“ und brachte interessante Aspekte zu dessen Verbleib zu Gehör. Danach hinterließ der Tröstauer Pfarrer Hans-Hermann Münch nachdenkliche Zuhörer, als er die Überlegungen seines katholischen Kollegen Thomas Frings vortrug, wieso er an Gott glaube, obwohl er nicht „funktioniere“.

Dialekt und Ringelnatz

Die auch Erwachsene zum Nachdenken anregenden Kindergeschichten von David Henry Wilson über die Erlebnisse des Jeremy James mit einem Elefanten auf dem Auto seines Vaters und seine Schwierigkeit, sich den Erwachsenen verständlich zu machen, trug die Rektorin der Kösseine-Schule in Tröstau, Maria Schindler, gekonnt vor. Zum Abschluss der ersten Runde begeisterte Jochen Kraus mit einer amüsanten und lehrreichen Einführung in den lokalen Sechsämterland-Dialekt und eigenen Texten.

Den zweiten Teil des Abends eröffnete die Weißenstädterin Kerstin Olga Hirschmann mit von ihr selbst verfassten Geschichten aus ihrer Heimatstadt. Danach entführte Andrea Friedrich die Besucher in die Welt der verlorenen Dinge mit einem Kapitel aus J. K. Rowlings „Jacks wundersame Reise mit dem Weihnachtsschwein“. Mit Gedichten von Joachim Ringelnatz und dem „Rezept gegen Grippe“ von Kurt Tucholsky brachte Thomas Friedrich die Zuhörer zum Schmunzeln. Zum Abschluss des zweiten Blocks erklomm Stefan Frank aus Wunsiedel schwungvoll die Couch und brachte die Jugenderfahrungen des Friedrich Christian Delius aus seinem Buch „Die Zukunft der Schönheit“ zu Gehör. Die Kooperation mit Kulturschaffenden aus den Nachbarstädten Weißenstadt und Wunsiedel ist ein erklärtes Ziel des Tröstauer Kulturvereins.

Auch das Publikum darf mal

Der dritte Teil der Wortkirchweih bei Winters Scheune wurde von den Akteuren der Luisenburg gestaltet. So kamen Schauspieler aus „Zeitelmoos“, „Der Sturm“, „Amadeus“, „Sister Act“ und „Trolle unter uns“. Charlotte Winter eröffnete am Klavier, bevor Julian Niedermeyer die „Couchbühne“ erklomm und sein Herz mit Geschichten aus seinem Buch „So etwas wie Freiheit” öffnete. Sehr kurzweilige Geschichten las danach Maurice David Ernst, und Christine Rotacker griff zum Akkordeon und führte aus, wie man als Zugereiste auch in Oberbayern „ankommt“.

Nach der Pause las Sunny Louis kurze Geschichten, danach ergriff Maurice Daniel Ernst wieder die Initiative und motivierte das Publikum, ans Mikrofon zu kommen, die Wortkirchweih zu leben, und selbst etwas vorzutragen. Die mehr als 80 Besucher bei Winters Scheune waren begeistert von den vielen neuen Talenten, die sich teilweise auch schon bereit erklärt haben, bei der nächsten Wortkirchweih vorzulesen.

Abschluss mit Chansons

Ganz entgegen der Stimmung kühlte der späte Abend etwas ab, und die vorher sommerlich Gekleideten waren froh, Jacken dabei zu haben. Als die Dunkelheit langsam einzog, erklomm Michael Jeske die Lesecouch, um verschiedene Stücke vorzutragen. Den Abschluss des Programms bildeten der Vorsitzende des Fördervereins „Freunde der Luisenburg“, Philipp Riedel, und seine Frau Sonnja Helfrecht-Riedel mit Texten und Chansons.

Wieder einmal konnte der Kultur- und Kunstverein Tröstau vor insgesamt über 150 Besuchern eindrucksvoll zeigen, wie auch in kleinen Gemeinden Kultur gelebt und zu Gehör gebracht werden kann. In direkten Gesprächen brachten die Besucher ihre Begeisterung über das ungewöhnliche und inspirierende Angebot des Kulturvereins zum Ausdruck, etwas, das in der Region in dieser Form nur selten zu finden ist.

 

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