So!: Wie muss man sich den Astronautenalltag auf Erden vorstellen?
Hans Schlegel: In den letzten Monaten vor dem Start zählt vor allem das genaue Zusammenspiel der siebenköpfigen Crew. Wir simulieren sämtliche Flugabschnitte, oft ganze Tage am Stück. Für die Weltraumspaziergänge üben wir mit voller Ausrüstung in einem Tauchtank der NASA. Zusätzlich fliegen wir regelmäßig in zweisitzigen T-38-Jets, wobei ich für Navigation und Kommunikation verantwortlich bin und den Piloten in allen Funktionen überwachen muss. Abgesehen von dutzenden Meetings müssen wir auch über die Systeme, die wissenschaftlichen Experimente und Notfallprozeduren Bescheid wissen. Dem Shuttle-Flug geht ein hartes Lernpensum voraus.
So!: Was fühlen Sie, wenn Sie an den Start denken?
Schlegel: Die Prozeduren werden vorher hundertmal durchgespielt, jeder Ablauf muss stimmen. Die Simulationen führen zu einer großen Routine. Aber eines kann ich Ihnen sagen: Jedem, der auf zwei Millionen Kilo hochexplosivem Treibstoff sitzt und gleich ins All geschossen wird, geht eine gewisse Aufregung durch den Bauch.
So!: Wie anstrengend ist der Raum-Flug selbst?
Schlegel: Beim Start werden wir mit dem dreifachen unseres Körpergewichts in die Sitze gepresst, das ist eine Belastung. Im All kommt die Gewöhnung an die Schwerelosigkeit hinzu, der Organismus braucht dabei eine gewisse Fitness, um die anfängliche Übelkeit zu überwinden. Und wir müssen körperlich und mental fit genug sein, um knapp zwei Wochen lang konzentrierte 16-Stunden-Tage mit einem sehr vollen Programm zu schaffen. Auch das Arbeiten im Raumanzug ist physisch anstrengend.
So!: Wie muss man sich das vorstellen?
Schlegel: Der Anzug steht unter Druck. Für jede Bewegung braucht man mehr Kraft als sonst, sei es beim Vorbeugen des Oberkörpers, beim Strecken eines Arms oder beim Zugreifen in den klobigen Handschuhen. Nach sechs Stunden im freien Weltraum ist das so etwas wie ein Marathonlauf. Wenn wir uns außen an der Station von Punkt A nach B bewegen, müssen wir diese kleinen Pausen darum zur bewussten Entspannung nutzen. Dennoch, zum Ende des Einsatzes hat man sehr müde Unterarme, die Griffkraft lässt nach.
So!: Sie sind nicht mehr der Jüngste, der nächste in der Crew ist neun Jahre jünger. Wie halten Sie sich fit?
Schlegel: Ich mache jeden Tag zwei Stunden Sport Laufen, Schwimmen, Kraftübungen. Die Kunst liegt darin, das Training richtig zu dosieren und sich nicht zu überlasten. Vor dem Flug wäre das denkbar ungünstig. Wir haben dafür spezielle Trainer, mit denen wir unser Programm gestalten. Nach dem sehr technischen Tagesablauf hilft der Sport aber auch, um Abstand zu gewinnen, mal abzuschalten.
So!: Könnten Sie einen Marathon laufen?
Schlegel: Ja. Früher bin ich ihn in 3,5 Stunden gelaufen, heute bräuchte ich über vier Stunden.
So!: Können Sie sich noch an den Moment erinnern, als man Ihnen sagte: Du wirst fliegen!
Schlegel: Ich erinnere mich genau. Aber Sie werden lachen, denn es war anders, als man vielleicht vermutet. Wir Astronauten werden sehr stark als Teamplayer ausgebildet. Wir waren damals fünf, aber nur zwei wurden als Flugastronauten benannt. Einer davon zu sein war ein großes Glücksgefühl, aber man denkt sofort an die anderen. Wie müssen sie sich fühlen, nach all dem Einsatz? Der Moment war also ein Zwiespalt. Eine Mischung aus Freude und großer Enttäuschung für die Kollegen.
So!: Werden Sie im All überhaupt Zeit haben, die Aussicht zu genießen?
Schlegel: Wir haben eine Choreographie, in der jeder Schritt minutiös festgelegt ist. Ich werde mich bemühen, so schnell und effizient wie möglich zu arbeiten. Der Blick auf die Erde ist höchstens ein Beiprodukt dieser Prozedur, wo ich vielleicht ein, zwei Sekunden Zeit habe, um aus dem Augenwinkel nach unten zu schauen. Nur wenn wir vor unserem Zeitplan liegen, könnte es sein, dass ich einige Minuten habe, um die Erde im Großformat zu betrachen.
Interview: Marc Bielefeld
.
KURZ & KNAPP
.
Hans Schlegel (56), Vater von sieben Kindern, ist Träger des Verdienstkreuzes Erster Klasse und absolviert derzeit ein Programm, bei dem den meisten Managern die Hosen schlottern dürften. 16-Stunden-Tage, Testflüge in Überschalljets, Instrumententraining, Technik-Briefings, Stunden im Tauchtank. All das, tagelang, wochenlang, monatelang. Es ist jetzt die heiße Phase bis zum Start der Mission STS-122. Schlegel wird als Missionsspezialist zur ISS mitfliegen. Er muss das Forschungsmodul in der offenen Ladebucht des Shuttle für das Andockmanöver präparieren. Für die Außenarbeiten muss er raus ins All. Seit 1998 hat sich Schlegel auf seine Mission zur ISS vorbereitet.