So!: Ihre neue CD „Nah und wichtig“ ist vor knapp zwei Wochen in die Plattenläden gekommen. Wer war Ihnen denn beim Entstehen dieser CD besonders nah und wichtig?
Klaus Lage: Naja, erst mal die Leute, die mitgeholfen haben, dass dieses Album überhaupt zustande gekommen ist. Also die Band, die Musiker. Das war natürlich die Grundvoraussetzung. Das gilt im Besonderen für meinen langjährigen Mit-Musiker und Keyboarder Bo Heart, der das Album für mich auch produziert hat. Es war sehr wichtig, dass das eine funktionierende Gemeinschaft war, dass wir wieder miteinander als Band funktioniert haben Was die Inhalte angeht, da waren natürlich die Leute wichtig, über die ich schreibe, über die ich meine Geschichten erzähle. Menschen, die einem nahe stehen und die einem wichtig sind.
So!: „Nah und wichtig“ ist in einem Hamburger Proberaum ganz organisch gewachsen...
Lage: Das stimmt.
So!: Sie haben die Musik dort gemeinsam mit Ihrer Band entwickelt. Ganz klassisch...
Lage: Ich hatte die meisten Texte schon fertig geschrieben und habe sie dann an die Kollegen aus der Band verteilt, an Lothar Atwell, an Jürgen Scholz, an Bo Heart und an mich selbst. Ich habe natürlich auch ein bisschen mitkomponiert. Jeder hat dann seine Texte vertont und davon zu Hause ein Demo gemacht. Aber so ein Demo ist immer der sehr spezielle Geschmack eines Einzelnen. Wir haben uns dann nicht im Studio getroffen, sondern erst einmal im Proberaum. Dort wurden all die Diskussionen geführt - durchaus kontrovers übrigens -, wie man ein Stück entwickelt, wie man es arrangiert und wie man es letztendlich einspielt. Da kann durchaus einer was komponiert haben und im Proberaum mit der Band wird das wieder völlig anders arrangiert. Als wir dann ins Studio gegangen sind, brauchten wir es nur noch einzuspielen. Wir mussten nur noch richtig spielen, aber wir haben gewusst, was wir spielen. Das war nicht immer so in der Vergangenheit. Ich habe einige Platten gemacht, wo wir im Studio festgestellt haben: Das funktioniert gar nicht so gut, wie man sich das vorgestellt hatte. Diesmal lief es wesentlich zielgerichteter ab. Wir haben sehr lange geprobt und sind gut vorbereitet ins Studio gegangen. Die Studiozeit war dann gar nicht mehr so lang.
So!: Alle, die die CD schon gehört haben, schwärmen, dass Sie darauf in ganz großer Form sind. Deckt sich das mit Ihrer eigenen Einschätzung?
Lage: Sagen wir mal so: Ich glaube, dass dieser Eindruck bei vielen Leuten entsteht, weil ich vielleicht wieder näher dran bin an dem, was mich bekannt oder sogar berühmt gemacht hat. Das heißt, dass „Nah und wichtig“ stilistisch wieder an das anknüpft, was ich früher gemacht habe. Ich habe mir einige Exkursionen gegönnt, die sind mir auch lieb und wichtig – also auch „nah und wichtig“, wenn man so will. Zum Teil ein wenig ins akustische Fach oder mit ein bisschen anderer Instrumentierung, als es sie die klassische Rockband bietet. Aber jetzt habe ich wieder eine klassische Rockband und das mögen die Leute offensichtlich gerne. So sehen mich wohl auch viele oder sie erkennen mich darin wieder. Es ist ja immer schwierig für einen Künstler, wenn er ein neues Format aufschlägt, die gleiche Akzeptanz zu bekommen, wie wenn er seine erfolgreichen Pfade nicht verlässt. Ich finde, für einen Künstler ist es aber auch wichtig, dass er mal andere Sachen ausprobiert, andere Wege beschreitet. Auch, um seine eigenen Grenzen zu erkennen. Das werde ich auch immer wieder machen. Es liegt immer mit daran, welche Kollegen man hat und wie die Band funktioniert. Das hat sich einfach ganz homogen ergeben. Es ist ja genauso wie in einer Fußballmannschaft: Wenn man nur Techniker in der Mannschaft hat, dann kann man eben kein nur kampfbetontes Spiel aufziehen. Diesmal war es also so, dass sich das von der Band her so angeboten hat. Und weil wir das alle so empfunden haben, haben wir es auch so gemacht. Da geht man dann den geradesten Weg.
So!: In welcher Tradition sehen Sie sich? Eher als Liedermacher? Oder als Rockmusiker?
Lage: Ja, das ist eine gute Frage, weil: Das beschäftigt mich schon mein gesamtes künstlerisches Leben lang. (Klaus Lage lacht.) Ich habe sowohl als auch gearbeitet und mich bei beidem wohl gefühlt. Ich denke aber, ich bin eigentlich eher ein Rockmusiker als ein Liedermacher. Natürlich fängt man immer erst mal alleine an zu spielen. Man lernt Gitarre und spielt – wie die meisten – erst mal „House of the rising sun“ (Klaus Lage lacht.) Weil da eben alle fünf Griffe schon drin sind, die man später wieder brauchen wird. Aber dann habe ich mir sehr schnell Kollegen gesucht. Ich habe sehr früh angefangen, in Bands zu spielen. In der Schülerband ging das schon sehr früh los. Deshalb bin ich wohl eher Band-Rockmusiker als Liedermacher. Aber ich würde das gar nicht so stringent betonen wollen. Ich kann mir durchaus vorstellen, wieder mal als Liedermacher zu arbeiten. Das ist zwar schon lange her, aber es hat auch Spaß gemacht. Und es war eine wichtige Zeit für mich.
So!: Sie waren ja auch drei Mal beim Bardentreffen in Nürnberg...
Lage: Ich glaube sogar vier Mal. Ich bin einer von ganz wenigen, die da so oft aufgetreten sind. Moment... Ich denke fünf Mal sogar schon, weil ich zwei Mal alleine als klassischer Liedermacher da war, Ende der Siebziger. Dann haben wir mal mit einer akustischen Besetzung gespielt. Und zwei Mal als Rockband. Auf allen unterschiedlichen Bühnen. Es hat sich so entwickelt, dass ich eben beide Genres bedient habe.
So!: Sie sind seit dieser Woche auf Deutschland-Tournee. Am 26. Oktober kommen Sie zu uns in die Region, nach Helmbrechts im Kreis Hof. Wird man dabei viele der neuen Songs hören? Oder mehr die älteren Sachen?
Lage: Also, wir haben festgestellt, dass es sich ganz gut entwickelt, wenn man immer eine Mischung aus beidem macht. Man kann nicht – und will auch gar nicht – auf die alten Hits verzichten. Weil das die Leute hören möchten. Aber eben nicht immer nur die. Ich habe ein großes Repertoire, viele Songs, und deshalb immer das Problem: Welche hundert lasse ich weg? Man könnte es immer neu variieren und es würde trotzdem jedes Mal Leute geben, die fragen: Warum habt Ihr das nicht gespielt oder dies nicht gespielt? Man spielt eben 20, 25 Songs am Abend und dann sind zwei Stunden rum. Ich mache meistens einen Drittel-Mix: ein Drittel Hits, ein Drittel neue Songs und ein Drittel Werk-Katalog. Da haben wir relativ wenig manövrierbare Masse. Die Leute werden also die alten Hits hören, sie werden natürlich das neue Album vorgestellt bekommen. Und das, was dazwischen ist, ist eine kleine Auswahl – so sechs, sieben Lieder – aus fünfzehn LPs. Ich versuche immer, da einen schönen, netten, kleinen Querschnitt zusammenzustellen.
So!: Sie sind diesmal wieder mit einer klassischen Rockband auf Tournee. Wollen Sie es mal wieder richtig krachen lassen?
Lage: Ja, klar. Es ist schon ein gewisser Druck da. Und es wird auch richtig rockig zugehen. Unsere Stärke ist dabei ja nicht, richtig laut zu spielen. Aber natürlich wird das schon ein bisschen kräftiger werden als eine akustische oder Liedermacher-Besetzung. Auf dem neuen Album gibt es aber auch sehr leise Töne. Auch das wird passieren. Also: Es wird krachen und es wird durchaus auch sehr sensibel werden.
So!: Im Frühjahr erst haben Sie ein Doppel-Album herausgebracht: „Beste Lage“. Es sollte eine Werkschau auf Ihr gesamtes Schaffen bieten. Auf was haben Sie beim Zusammenstellen dieses Albums besonders geachtet?
Lage: Da hatte ich ein ähnliches Problem: Ich hatte gut 150 Songs zur Auswahl und habe davon 38 ausgesucht. Das ist natürlich schwer. Aber ich habe mich einfach von meiner Stimmung und von meinen persönlichen kleinen Vorlieben leiten lassen. Wenn ich es heute machen würde, würde ich nicht so wahnsinnig viel ändern. Vielleicht würden drei, vier andere Nummern drauf sein, die meiner jetzigen Stimmung besser entsprechen würden. Die Nummern, die drauf sind, gefallen mir alle gut – in ihren neuen Versionen. Es gibt ja da durchaus unterschiedliche Ansätze: Man kann so etwas chronologisch zusammenstellen, aber das wäre wohl mehr etwas für die Archivare. Es war mir nicht so wichtig, dass man von vorne anfängt, mit meiner ersten Single meinetwegen, von ´78. Ich finde es für den Zuhörer nicht so interessant, wenn er sich erst mal durch das ganze alte Zeug durchkämpfen muss. Ich habe es deshalb so gemacht, dass die Leute die Platte auflegen können und sich gleich wiederfinden im Thema Klaus Lage. Und auf der zweiten CD habe ich eine Mischung gemacht, bei der auch einige nicht ganz so bekannte Nummern dabei sind, um den Leuten vielleicht auch ein neues Feld zu erschließen. Ich habe also versucht, mich in die Rolle eines Zuhörers zu versetzen. Ich fragte mich: Was würde mich interessieren, wenn ich mir eine Compilation von einem Künstler zulegen wollte, den ich grundsätzlich gut finde, oder von dem ich ein paar Nummern kenne, die ich gut finde. So bin ich da vorgegangen. Es ist natürlich keine Nummer drauf, die ich jetzt völlig blöd finde.
So!: Sie haben die Songs alle neu bearbeitet, weil Sie sie „frisch, stimmig und überzeugend“ haben wollten...
Lage: Ja. Ich habe einen Tontechniker, der fast alle diese Titel aufgenommen und damals, in den Achtziger Jahren, auch gemischt hat. Den habe ich wieder reaktiviert und ihn gefragt, ob er mir das remastered. Dabei sollte er das Ganze soundlich an die heutigen Hörgewohnheiten annähern. Das heißt, ein bisschen mehr Druck, ein bisschen lauter und präsenter. Und er hat das sehr gut gemacht, soweit das technisch möglich war. Es geht ja nicht immer alles. Dadurch klingt natürlich alles etwas knackiger. „Monopoli“ oder „Tausendmal berührt“ sind vor 24 Jahren entstanden, das muss man einfach wissen. Wenn man das vergleicht mit Nummern, die heute abgemischt werden, dann ist das vom Sound her ein klarer Unterschied. Dem wollten wir uns angleichen. Und es sind auch zwei neue Nummern drauf, die noch unveröffentlicht waren. Damit man auch damit noch einen zusätzlichen Anreiz bieten kann.
So!: Es gibt ein Lied, das Sie bestimmt schon tausendundein Mal gespielt haben. Macht es immer noch „Zoom“, wenn Sie damit auf der Bühne stehen?
Lage: Davon können Sie sich überzeugen, wenn Sie in Helmbrechts oder bei einem meiner anderen Konzerte vorbeikommen. (Klaus Lage lacht.) Auf jeden Fall! Die Leute singen immer noch begeistert mit. Es macht immer noch Spaß, das mit den Leuten zusammen zu singen. Aber ich finde es schön, dass es nicht mehr so darauf fokussiert ist. Natürlich wollen es die Leute hören und es gehört auf jeden Fall immer zu einem Konzert von mir dazu. Aber inzwischen wissen die Leute, dass das nicht der einzige Hit ist, sondern dass es daneben noch eine Menge Lieder gibt, die sie auch kennen. Es entwickelt sich dann im Laufe des Abends und es ist eine logische Folge, dass irgendwann dieses Lied auch erscheint und die Leute es mitsingen wollen. Also singen wir es zusammen, immer etwas variiert. Wir geben uns da immer wieder Mühe, dass der Schluss von „Tausendmal berührt“ stets ein bisschen anders ist. (Klaus Lage lacht.) Aber es gehört bei einem Konzert auf jeden Fall dazu, das ist klar.
So!: Sie werden oft als „singender Sozialarbeiter“ bezeichnet. Das stimmt ja auch, denn das haben Sie gelernt...
Lage: Hmmm.
So!: Sind die Zeiten nicht so, dass Sie auch in Ihrem alten Beruf gerade jetzt dringend gebraucht würden in Deutschland?
Lage: Ja, natürlich. Aber: Wahrscheinlich wäre gar keine Planstelle für mich frei. (Klaus Lage lacht.) So wie’s im Moment aussieht, gibt es tatsächlich wohl eine Menge Nachholbedarf. Aber man muss natürlich auch wissen: Damit habe ich vor 32 Jahren aufgehört. Natürlich habe ich eine Menge Lebenserfahrung, aber ich könnte da jetzt nicht so ohne weiteres wieder einsteigen. Da müsste ich schon ein paar Auffrischungslehrgänge machen. (Klaus Lage lacht.) Bestimmte Sachen kann man immer machen, aber ... Das war ja auch die Entscheidung damals: Ich fand Sozialarbeiter einen tollen Beruf, ich habe dabei viel fürs Leben gelernt. Aber irgendwann muss man sich eben entscheiden: Will ich Musiker oder Pädagoge sein? Ich habe mich für Musiker entschieden, und das ist auch gut so. Dass einem das dann nachhängt, ist klar. Es ist ja nicht immer nur ein wohlmeinendes Kompliment gewesen. Von daher sehe ich das durchaus kritisch. Ich bin froh, dass ich einen anständigen Beruf gelernt habe. Wobei ich Musiker natürlich auch für einen sehr anständigen Beruf halte. Es gibt ja Leute, die dazu gar kein Verhältnis haben. Ich habe neulich dazu diese Anekdote gehört. Unterhalten sich zwei Omas. Da fragt die eine: Was macht denn Dein Enkel? Nichts. Ja, was denn genau? Musik. (Klaus Lage lacht.) Sicher werden Sozialarbeiter dringend gebraucht, aber mein Leben hat sich nun mal anders entwickelt. Und jetzt kann ich nicht plötzlich als Sozialromantiker daherkommen... Bei der gesellschaftlichen Entwicklung, da könnten wir lange darüber reden... Es müssten auch mehr Lehrer eingestellt werden, damit man kleinere Klassen bekommt. Wenn man das hätte, bräuchte man später auch nicht mehr so viele Sozialarbeiter. Das hängt ja alles miteinander zusammen.
So!: Ihr Lied „Monopoli“ aus den Achtzigern ist heute – leider – aktueller als je zuvor. Glauben Sie nach den internationalen Bankenpleiten der letzten Tage, dass die „Herren der Schlossallee“ jetzt einen entscheidenden Dämpfer bekommen haben?
Lage: Na ja, einen Dämpfer schon. Aber ob der entscheidend ist, weiß ich nicht. Ihnen wurde vor Augen geführt, dass das nicht alles einfach immer so weiter geht. Das ist wohl jedem völlig klar geworden. Ein Lied kann ja immer auch nur die Gegebenheiten reflektieren. Es kann nicht wirtschaftliche Verhältnisse verändern, zumal es ja auch schon über zwanzig Jahre alt ist. Aber es zeigt doch, dass sich immer wieder manifestiert, dass diese Leute einfach machen, was sie wollen, wenn man ihnen nicht auf die Finger haut.
So!: Sie sind unbestritten eine Institution im deutschen Rock-Geschäft. Sie stehen aber nicht mehr so im Fokus wie in den für Sie sehr erfolgreichen Achtziger Jahren. Eine Tatsache, die Sie mal als „nicht unbedingt negativ“ beschrieben haben. Lässt es sich als Künstler leichter arbeiten, wenn der Druck nachlässt, unbedingt den nächsten Hit produzieren zu müssen?
Lage: Auf jeden Fall. Natürlich freue ich mich, wenn meine neuen Lieder ankommen und die Leute sie mögen. Wenn ich dieses Feedback bekomme, dann reicht mir das eigentlich schon. Aber so etwas verselbstständigt sich eben auch. Und wenn es größer wird, als eigentlich nötig, dann wird es eben nicht nur angenehm, mit all den Begleiterscheinungen, sprich weniger Privatleben. Und natürlich auch Druck von Medien und Plattenfirmen. Die wollen dann immer mehr von einem. Für die müsste man am liebsten immer einfach nur weiter funktionieren. Denen wäre es natürlich am liebsten, dass man jedes Jahr ein „Tausendmal berührt“ fabriziert. Aber das ist doch weder künstlerisch interessant noch für einen selber als Person erstrebenswert. Natürlich freut man sich, wenn man großen Erfolg hat. Aber auch das hat eine Kehrseite. Das geht alles auf Kosten des privaten Lebens. Und wenn man immer und permanent unter Beobachtung steht, dann ist das kein schönes Leben. Finde ich jedenfalls. So etwas halte ich nicht unbedingt für erstrebenswert. Das gibt es halt nicht: Wasch’ mir den Pelz und mach’ mich nicht nass! Alles hat immer seine zwei Seiten. Wenn man Erfolg hat, oder viel Erfolg hat, dann hat man eben auch viel Öffentlichkeit. Und wenig Privates. Man wird dann gezwungen, sein Leben anders zu organisieren. Das ist nicht immer schön, aber es gehört eben mit dazu. Deshalb ist mein Ziel, dass ich mit meinen Leuten eine vernünftige LP mache, die auch den Leuten gefällt, und dass ich damit in die Situation versetzt werde, eine Tournee machen zu können, Konzerte zu geben. Aber den Riesen-Hype, den brauche ich nicht. Natürlich ist es ein bisschen anachronistisch, wenn man das so sieht. Aber gut: Das ist auch Teil meiner Lebenserfahrung, und auch vom Typ her bin ich nicht so angelegt, dass ich da so sehr scharf darauf bin. Aber ich will das jetzt nicht klein reden: Natürlich will ich auch, dass die Leute meine Platten mögen und dass sie erfolgreich sind. Dafür muss ich eben damit leben, dass ich etwas mehr als zum Beispiel ein normaler Sozialarbeiter im Fokus des Interesses stehe.
So!: Jemand hat mal gesagt, dass Positive am Musiker-Job sei, dass man nicht früh um acht im Büro sein müsse. Sie sind beides: Musiker und Geschäftsmann, Boss einer eigenen Plattenfirma. Sind Sie morgens um acht im Büro?
Lage: Das habe ich wieder sehr zurückgedreht. In den Neunziger Jahren und in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends habe ich das mehr gemacht. Und ich habe festgestellt, dass man schon präsent sein muss. Vielleicht nicht eben um acht, aber doch um zehn. Und dafür dann auch bis zehn oder elf Uhr abends im Büro arbeitet. Als Unternehmer hat man nun mal nicht einen Acht-bis-Fünf-Job, sondern man ist immer irgendwo zuständig und permanent gefragt. Ich habe festgestellt, dass ich das ganz interessant finde. Ich habe mein eigenes Label gegründet und wir haben ein paar Liedermacher und Kabarettisten produziert, wir haben Hörbücher produziert. Das fand ich alles ganz toll und auch ganz wichtig. Auch meine eigenen Platten habe ich selber gemacht, selber produziert, selber veröffentlicht, selber vertrieben, und so weiter. Aber es stellt sich dann relativ schnell heraus: Man ist mehr Geschäftsmann als Musiker. Oder: Man muss sich mehr mit administrativen und bürotechnischen und vertragstechnischen Details befassen. Also mehr trockene Büro-Arbeit, mehr am Telefon sitzen und verhandeln. Das ist mal eine Zeit lang ganz gut gewesen, auch als Erfahrung. Aber dann habe ich für mich festgestellt: Ich bin wieder in der gleichen Lage wie früher. Wieder musste ich mich entscheiden: Will ich das weiter verfolgen oder sollte der Fokus doch lieber auf dem Musikmachen liegen? Nun, ich bin in erster Linie Sänger – und das will ich eigentlich auch bleiben.
So!: Sie sind seit dreißig Jahren im Musikgeschäft. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Lage: Na ja. Da ist natürlich zunächst die technische Entwicklung. Als ich angefangen habe, gab es ja noch Kassetten und LPs. Eine Kopie herzustellen, hat damals eben eins zu eins an Zeit gedauert. Und das auch noch mit Qualitätsminderung. Jetzt hat sich die, sagen wir, Geschäftsgrundlage für Musiker grundlegend geändert, wenn es darum geht, etwas aufs Band zu bringen, zu veröffentlichen und zu vertreiben. Weil man heute in einem Bruchteil der Zeit die gleiche Qualität reproduzieren kann. Das ist ein ganz entscheidender Vorteil für das Publikum. Aber dadurch verliert natürlich Musik an Wert. Nicht inhaltlich, aber materiell. Weil sie einfacher und billiger zu reproduzieren ist. Für junge, nachstrebende Künstler wird das dann schwierig, weil sie etwas herstellen, das sie gar nicht mehr wertgerecht verbreiten können. Das ist eine entscheidende Änderung.
So!: Mitte der Neunziger Jahre haben Sie fünf Jahre lang keine Platte gemacht. Das ist für dieses Geschäft eine ziemlich lange Pause. Warum?
Lage: Ich glaube, weil ich zu dieser Zeit die Pause auch nötig hatte. Wir haben ´95 nochmal eine ganz große Deutschland-Tournee gemacht. Die Platte damals, das war „Katz und Maus“, hatten wir in Österreich und Los Angeles produziert. Michael Landau hat auf der Platte gespielt, ich habe in Los Angeles in den tollsten Studios aufgenommen. Das war wunderbar, eine tolle und aufregende Geschichte. Aber davor lagen eben auch 15 Jahre mit einer Platte pro Jahr und ein, zwei Tourneen pro Jahr. Da war dann auch mal ein bisschen die Luft raus. Das muss man einfach so sehen. Ich war irgendwie am Ende der Fahnenstange. Mehr ging nicht mehr. Da habe ich mich eben neu orientiert. Ich habe dann Musical gespielt – und mich einfach aus diesem ganz normalen Hamsterrad rausgenommen, mich um andere Dinge gekümmert. Eine Phase, in der ich aus der Rockband rausgegangen bin, mich zurückbesonnen habe und wieder zum Liedermacher wurde. Mit meinem Pianisten bin ich damals wieder auf die Bühne gegangen. Ein Instrument, eine Stimme. Bestuhlte Konzerte in Theatern. Im Grunde genommen zwar mit den gleichen Liedern, den alten Hits – und ein paar neuen Nummern. Und das hat auch funktioniert. In der Zeit war es einfach für mich nicht angesagt, mit einer Band zu arbeiten oder eine neue Platte zu produzieren. Dann liefen damals auch die Vorbereitungen, mir ein eigenes Studio aufzubauen und einen Plattenverlag, eben dass, was dann Ende der Neunziger und Anfang 2000 umgesetzt wurde. Eine Zeit, in der ich mich mal auf die andere Seite des Schreibtisches gesetzt habe. Nicht komponiert, keine Texte geschrieben, sondern versucht, ein Label und einen Verlag zu machen. Das war ganz gut. Und dadurch spitzt sich ja auch erst die Entscheidung zu: Was willst Du machen? Willst Du wieder Platten machen? Willst Du wieder eine Band haben? Und so weiter. Aber dazu braucht man wahrscheinlich erst mal ein bisschen eine Atempause.
So!: Sie haben Götz George den Schimanski-Song „Faust auf Faust“ auf den Leib geschrieben. Neulich hatte er 70. Geburtstag. Haben Sie denn mal angerufen und gratuliert?
Lage: Ach. Nee. Wir sehen uns hin und wieder. Dann trinken wir einen zusammen und reden ein bisschen. Aber das ist natürlich sehr selten. Und es ist auch nicht so, dass wir jetzt ein sehr privates Verhältnis hätten. Auch Götz lebt ja eher zurückgezogen und er wohnt ja auch gar nicht in Deutschland. Wenn wir uns sehen, dann freuen wir uns. Und ich weiß auch, dass er den Song gerne mag. Wir haben ein sehr nettes Verhältnis, aber es wäre übertrieben, zu sagen, dass wir privat befreundet wären. Aber: Wenn man ihn nach mir fragt, wird er wohl nicht sagen: Ach, der Idiot. Das glaube ich nicht. (Klaus Lage lacht.)
So!: Filmmusik ist nach wie vor eine Ihrer großen Leidenschaften...
Lage: Auf jeden Fall. Weil ich selber gerne ins Kino gehe. Und sie wissen ja: Wenn Sie einen Film ohne Musik sehen, dann ist der doch ziemlich langweilig. Durch die Musik werden eben die Emotionen vorbereitet. Ich bin zwar jetzt kein großer Filmkomponist, aber was wir in diesem Sektor gemacht haben, hat mir immer gut gefallen. Wenn es da etwas Interessantes gibt, dann bin ich immer wieder dabei.
So!: Wie wird denn der nächste Film mit Klaus-Lage-Musik heißen?
Lage: Leider gibt es da nichts Konkretes. Vielleicht erinnert sich ja jemand an mich, wenn Sie was darüber schreiben. (Klaus Lage lacht.) Ich würde das natürlich gerne wieder machen, möglicherweise ergibt sich ja etwas. Aber es liegt auch daran, dass ich eher als Songschreiber gesehen werde und nicht als Komponist durchgängiger Filmmusiken. Die Regisseure denken da nicht gleich an mich. Da heißt es eher: Der könnte zu dem Film vielleicht einen ganz guten Titel schreiben, also einen einzelnen Song, nicht die ganze Filmmusik. Obwohl ich auch dafür sehr offen wäre. (Klaus Lage lacht.) Aber in dieser Szene läuft es sowieso oft so, dass einer einen kennt, der einen kennt...
So!: Sie haben mit Ihren Musiker-Kollegen Peter Maffay, den Scorpions und Marius Müller-Westernhagen Ende der Neunziger Jahre die Gesellschaft Deutsches Rock-Radio gegründet. Erklärtes Ziel war: Mehr Rock statt Pop im Radio. Ein gescheitertes Projekt, oder?
Lage: Gescheitert will ich mal gar nicht sagen. Aber es ist einfach so, dass ich da ein bisschen idealistisch hineingegangen bin. Ich hatte mir vorgestellt, dass man seine eigene Note einbringen kann. Aber Radio ist eben auch ein Wirtschaftszweig und funktioniert auch so. Radio funktioniert nur, wenn man entsprechende Einschaltquoten hat, wenn man bestimmte Werbezeiten verkaufen kann. Das ist alles das, was mich nicht so interessiert hat. Deshalb habe ich mich da ein bisschen rausgenommen. Jetzt verfolge ich die Sache nur noch am Rande.
So!: Welche Hobbies haben Sie denn noch neben der Musik?
Lage: Neben der Musik bin ich sehr interessiert an der Fußball-Bundesliga. Ich bin Fan von Werder Bremen und die Spiele gucke ich mir auch immer sehr gerne an. Das hat natürlich seine Höhen und Tiefen, das kennt Ihr in Franken ja vom Club. Ich gehe mal davon aus, dass es in Hof auch viele Club-Fans gibt, es liegt ja zumindest nahe. Die haben auch eine Menge Aufs und Abs hinter sich als Verein mit langer Tradition. Da gibt es dann eben, wie letztes Wochenende bei Werder, immer wieder mal was auf die Mütze. (Klaus Lage lacht.) Ja, dann fahre ich gerne Rad und gehe auch gerne wandern und spazieren, schwimme gerne. Also alles, was man mit zunehmendem Alter noch gut machen kann (Klaus Lage lacht.) Wandern, Radfahren und Schwimmen sind so die Sportarten, die ich noch gut und gerne betreibe. Dann lese ich auch ganz gerne, aber weniger zwischendrin, sondern das passiert dann meistens im Urlaub.
So!: Sie haben aber gar nicht protestiert, als ich Musik eben auch als Hobby genannt habe?
Lage: Nein, auf gar keinen Fall. Da schalte ich mir ein Format-Radio ein: Ich höre sehr gerne auch Klassik und Jazz. Es ist also nicht so, dass ich permanent Rock-Musik oder die gängigen, beliebten Radiosender hören würde. Das passiert alles auch, aber es gibt auch ganze Nachmittage, an denen bei uns zu Hause einfach nur Klassik läuft. Das entspannt. Oder ich lege mir atmosphärische Jazz-Geschichten auf. Oder es gibt mal einen ganzen Nachmittag nur Blues. Da lasse ich mich einfach sehr von meiner Stimmung leiten.
So!: Welche Wünsche und Ziele haben Sie für die Zukunft?
Lage: Das ist natürlich eine Binse, aber: Erster aller Wünsche ist zunächst einmal Gesundheit. Klar nimmt es mit zunehmenden Alter zu, dass man sich das wünscht. Ohne, dass ich jetzt ins große Jammertal fallen will, aber: Es wird nicht einfacher. Gesundheit ist also die Grundvoraussetzung. Und dann würde ich mir natürlich auch schon wünschen, dass sich bei uns im Land mal die Verhältnisse einigermaßen konsolidieren. Dass es den Leuten gut geht, dass jeder das machen kann, was er will und damit zufrieden ist. Und: Dass ich eben noch möglichst lange Musik machen kann. In welcher Form auch immer, ob das auf CD ist oder live auf der Bühne, was natürlich immer schön ist. Aber dazu muss man natürlich auch einigermaßen gesund und fit sein. Schon wenn man heiser ist oder erkältet, wird es schwierig. Dann verflucht man immer den Beruf des Sängers.

CD-TIPP

Klaus Lage, "Nah und wichtig", EMI Music Germany

KONZERT-TIPP

Klaus Lage spielt mit seiner Band live bei den "Kulturwelten" in Helmbrechts am Sonntag, 26. Oktober 2008, um 20 Uhr im Bürgersaal. Karten dazu gibt es noch im Textilmuseum Helmbrechts und im Ticket-Shop unserer Zeitung.