Herr Sommer, Ökonomen befürchten für Deutschland einen Anstieg der Arbeitslosigkeit auf bis zu fünf Millionen Menschen. Können Sie noch ruhig schlafen?
Ich beteilige mich nicht an solchen Prognosen. Unsere Ökonomen blamieren sich seit längerem gründlich und müssen ihre Vorhersagen fast wöchentlich korrigieren. Dennoch bereitet mir die schlimme globale Krise schlaflose Nächte.
Sind Krisenzeiten auch schlechte Zeiten für die Gewerkschaften?
Wir sind noch nie Krisengewinnler gewesen und die Beschäftigten schon gar nicht.
Deshalb ist eine unserer zentralen Forderungen, dass die Lasten der Krisenbekämpfung jene tragen, die uns in diese Misere gebracht haben: die Finanzjongleure und die Superreichen.
Andererseits lassen sich spürbare Lohnerhöhungen bei guter Beschäftigungslage leichter durchsetzen.
Das ist richtig. Aber auch hier brauchen wir ein Umdenken. Die schlechte Binnennachfrage und der hohe Exportanteil sind Gründe dafür, dass die Krise Deutschland besonders stark trifft. Deshalb müssen wir umsteuern, indem wir auch durch reale Lohnsteigerungen den Binnenmarkt stärken.
Was nützt ein Mindestlohn, wenn viele Menschen um ihren Job bangen?
Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Existenz sichernde Mindestlöhne sind ein Gebot der Gerechtigkeit und unabdingbarer Bestandteil menschenwürdiger Arbeit. Wenn jetzt zuerst vielerorts die deutlich schlechter bezahlten Leiharbeiter und prekär Beschäftigte entlassen werden, zeigt das, dass geringe Löhne nicht vor Arbeitslosigkeit schützen.
Arbeitsminister Olaf Scholz hat einen neuen Vorschlag für Lohnuntergrenzen bei der Zeitarbeit unterbreitet. Findet der Plan Ihre Unterstützung?
Das von der Union provozierte Gezerre um den Mindestlohn in der Zeitarbeit ist unerträglich. Ich konstatiere, dass Herr Scholz sich um eine Lösung bemüht und die Union jeden Vorschlag blockiert. Die CDU/ CSU muss sich endlich bewegen. Unser Anspruch ist klar: Der Mindestlohn in der Zeitarbeit muss sich dabei an unserem repräsentativen Tarifvertrag orientieren.
Die Internationale Arbeitsorganisation ILO schlägt einen globalen Pakt für Arbeitsplätze vor. Brauchen wir nach dem Bankenrettungspaket auch einen Schutzschirm für Jobs?
Die Menschen könnten es nicht verstehen, wenn weltweit Billionen Euro zur Rettung der Banken fließen, aber nichts oder wenig zur Rettung der durch die Finanzkrise bedrohten Arbeitsplätze bereitgestellt würde. Wir brauchen deshalb national, EU-weit und global abgestimmte Programme zur Sicherung vorwiegend industrieller Arbeitsplätze und systemrelevanter Unternehmen.
Die Kanzlerin will nächste Woche den Autobauer Opel besuchen. Welche Botschaft sollte sie dort vermitteln?
Dass die Bundesregierung alles unternehmen wird, um die Arbeitsplätze zur retten und dass sie dafür keine Option ausschließt. In der Krise muss Existenzsicherung die oberste Maxime auch des politischen Handelns sein. Das gilt allgemein, aber ganz besonders für systemrelevante und zukunftsfähige Betriebe. Niemand kann bestreiten, dass Opel für zahlreiche Regionen und Bundesländer eine hohe systemrelevante Bedeutung hat.
Die FDP hat gute Chancen, nach der Bundestagswahl mitzuregieren. Muss sich der DGB damit auf härtere politische Zeiten einstellen?
Das hängt entscheidend von dem Koalitionspartner oder von den beiden Parteien ab, mit denen die FDP eine Regierung bilden könnte, falls es das Wahlergebnis hergeben wird. Aber ich kann doch nicht vor der Wahl über Koalitionen und Koalitionsvereinbarungen spekulieren. Mit ihrem Wahlprogramm allerdings vertritt die FDP Positionen, die wir entschieden bekämpfen: weitere Aufweichung des Kündigungsschutzes, Einschränkung der Mitbestimmung, einen armen Staat durch massive Steuersenkungen oder Diskriminierung des gesetzlichen Mindestlohns.