Kulmbach Vom Glück, Menschen zu helfen

Der in Kulmbach aufgewachsene Zahnarzt Hanns-Werner Hey hat als "Pensionär" 15 Jahre Hilfseinsätze im Himalaya und in Kirgisistan geschoben. Nun ist der letzte Teil seiner Autobiographie erschienen.

Kulmbach - Nach vier Jahrzehnten schließen Hanns-Werner Hey und seine Frau Karla ihre Zahnarztpraxis in München. Endlich ohne Wecker aufwachen, ausgedehntes Frühstück mit Zeitung, Joggen im Wald - die absolute Freiheit. Doch nach vier Monaten gewinnt der Wunsch die Oberhand, noch weiter aktiv sein zu wollen und etwas zu bewirken.

Zur Person

Im April 1945 kommt die Flüchtlingsfamilie Hey nach Kulmbach. 1960 macht Hanns-Werner Hey am MGF-Gymnasium Abitur, dann Zahnmedizinstudium, das 1967 mit der Promotion abgeschlossen wird. 1971 Eröffnung einer Zahnarztpraxis in München.

2005 bricht Hey mit seiner Frau Karla zu einem ersten Hilfseinsatz nach Ladakh auf. Es folgen weitere Einsätze in Jimma (Äthiopien) und schließlich Kirgisistan. Hey hat mehrere standeskritische Schriften zur Zahnmedizin verfasst, unter anderem die dreiteilige SPIEGEL-Serie "Gutes Geld für schlechte Zähne", die bundesweit heftige Reaktionen hervorrief.

2016 erscheint der erste Teil seiner Lebenserinnerungen - "Der Mann ohne Kopf". Der jetzt erschienenen vierte Band beschließt Heys Autobiografie.


Al s 2005 in Ladakh, der nördlichsten Provinz Indiens, für eine neue zahnärztliche Behandlungsstation Ärzte gesucht werden, setzt er sich mit seiner Ehefrau ins Flugzeug nach Delhi. Aus dem ursprünglich vorgesehenen kürzeren Hilfsdienst wurden schließlich 15 Jahre im Einsatz für verschiedene Entwicklungshilfe-Projekte.

"Vom Wälzen schwerer Steine" handelt der vierte und letzte Teil der Autobiografie von Hanns-Werner Hey, die mit der Flucht der Familie von Schlesien nach Kulmbach 1945 begonnen hat. Hey, der am MGF-Gymnasium Abitur gemacht hat, ist ein hervorragender Beobachter. Er schreibt farbig, genau, lässt den Leser an seinem warmen Interesse für die Menschen teilnehmen.

Für seinen ersten Einsatz landet das Ehepaar Hey in Ladakhs Hauptstadt Leh, in 3600 Meter Höhe des Himalaya gelegen. Rasch sehen die Eheleute, dass die neue Zahnklinik vor riesigen Herausforderungen steht: Die hygienischen Verhältnisse, die sie antreffen, sind bedenklich. Zudem sind viele der für die Behandlung der Patienten dringend benötigten Apparaturen wie der Kapselmischer für das Füllungsmaterial, der Sterilisation-Autoklav oder das Röntgengerät defekt.

Schnell wird Hey bewusst, dass er sich die in Deutschland üblichen Standards schenken kann. Er muss improvisieren und versuchen, die Geräte selbst zu reparieren.

Außerhalb der Klinik-Mauern erleben Hey und seine Frau ein karges, menschenleeres Land mit farbigen Gebirgsformationen, Geröllwüsten, Märchenschluchten und Seen. Der Autor beschreibt, wie sie allmählich den ganz anderen inneren Rhythmus des Landes erfahren und auch den Buddhismus zu begreifen beginnen. In der Stadt Leh und bei ihren abenteuerlichen Fahrten im Jeep in die Bergregion erleben sie Menschen beim Meditieren.

Als Hey wieder Mönche an ihren Gebetstrommeln beobachtet, die mit kaum sichtbaren Lippenbewegungen Gebete murmeln, notiert er: "Jede Umdrehung der Mühle, die mehrere Mantras enthält, wie man uns erzählt, soll nicht nur den Weg zu dem eigenen guten Karma bereiten, sondern auch das Glück und den inneren Frieden der anderen Menschen befördern".

Ein Jahr später, 2006, stehen die Heys vor einer anderen grandiosen Hochgebirgslandschaft - in Kirgisistan. Doch die raue landschaftliche Schönheit des Landes an der Seidenstraße steht im herben Gegensatz zur Not vieler Menschen und dürftigen medizinischen Versorgung in der ehemaligen Sowjetrepublik.

Sie sind entsetzt über das Elend der Straßenkinder und vieler obdachloser Frauen in der Hauptstadt Bischkek. Sie sind das Opfer der illegalen, doch in Kirgisistan durchaus verbreiteten und kaum strafverfolgten Polygamie. Oft als Mädchen zwangsverheiratet, werden sie ausgenutzt und später nach Gutdünken verstoßen. Doch auch die Zahnkliniken des Landes sind in einem miserablen Zustand. Ihre Ausrüstung ist hoffnungslos veraltet.

Als Hey zum Beispiel einem Oberarzt beim Schleifen einer Zahnprothese zusieht, fühlt er sich in die Zahnarztpraxis seines Vaters in den Nachkriegsjahren in Kulmbach erinnert: Die Bohrmaschine wird von einem Transmissionsriemen über die Gelenke mehrerer beweglicher Metallarme angetrieben - der Horror vieler Patienten bis in die 1960er-Jahre, wie Hey anmerkt.

In den Jahren 2006 bis 2013 organisiert das Ehepaar im Auftrag der Bayerischen Ostgesellschaft zehn umfangreiche Hilfssendungen. Durch sie können zahlreiche Krankenhäuser mit medizinischen Diagnostik-Geräten, Verbrauchsmaterial, Klinikbetten und Rollstühlen versorgt werden. Durch weitere Spenden kann den Ärmsten des Landes mit einer 20-Euro-Minirente geholfen werden.

Hey spart die enormen Probleme bei den Hilfseinsätzen nicht aus: Korruption, Behördenwillkür, fehlende Unterstützung durch die Regierung. Schwere Steine sind zu wälzen. Doch, so schreibt Hey am Schluss, sie verlieren ihr Gewicht durch das Glück, Menschen zu treffen, die vor Problemen nicht kapitulieren und scheinbar unüberwindliche Hindernisse überwinden.

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Neuerscheinung Hanns-Werner Hey:

"Vom Wälzen schwerer Steine -

Erfahrungen, Begegnungen und Episoden aus fünfzehn Jahren medizinischer

und humanitärer Entwicklungshilfe"

Epubli-Verlag Berlin, ISBN: 9783753107523, 14,99 Euro

 

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