Das Theater hat seine Dauerbrenner. Seit 2500 Jahren, nur ein paar Mal kurz für Jahrhunderte verschwindend, halten sich die Stücke der Autoren aus der griechischen Antike auf den Bühnen der Welt. Goethes "Faust" beherrscht seit 200 Jahren die Spielpläne der Schauspielhäuser in Deutschland, so wie es, seit gut 400 Jahren, die Werke Shakespeares in England tun. Mächtige Traditionen, kein Zweifel. Gleichwohl reicht keine Dichtung jener Weltliteraten an ein Stück heran, das gewiss nicht solchen Rang beansprucht und sie doch alle aussticht als das am längsten ununterbrochen gegebene Drama aller Zeiten: Seit 1952 ist in London Agatha Christies "Mausefalle" zu sehen, en suite. Sogar als die Produktion mit voller Ausstattung vom New Ambassadors Theatre - wo am morgigen Sonntag vor sechzig Jahren die Uraufführung vonstatten ging - 1974 ins nahe St. Martin's Theatre überwechselte, fiel keine einzige Vorstellung aus. Mit ihrer Handlung variiert "Die Mausefalle" ein Muster, das der Krimi-, Theater- und Kinofreund auch in anderen Verarbeitungen kennt, etwa aus dem Edgar-Wallace-Streifen "Das indische Tuch" oder aus François Ozons "Acht Frauen". Agatha Christie wählte ein Hotel, Monkswell Manor, zum Schauplatz und die Flucht eines Frauenmörders als Ausgangspunkt ihres amüsanten Thrillers. Bald halten sich, Gäste und Betreiber zusammengezählt, sieben Personen in der kleinen Herberge auf. Die versinkt im Schnee - und jeder der Abgeschnittenen ahnt, dass einer unter ihnen der gesuchte Killer ist. An die 25 000 Mal ging das Stück bisher allein in London über die Bühne. Solche Monotonie ist Schauspielern heutzutage nicht gut zuzumuten: Alljährlich darum wechselt die Theaterleitung das achtköpfige Ensemble aus. Testamentarisch verfügte Agatha Christie, die 1890 geborene, 1976 gestorbene Mutter von Miss Marple und Hercule Poirot, dass "Die Mausefalle", solange ein Theater sie spielt, fürs Kino tabu bleibt. Ein Stück mit solchem Zulauf mag keine hehre Dichtung sein: Weltliteratur, auf seine Art, ist es durchaus.
Kunst und Kultur Der Dauerbrenner
Von Michael Thumser 24.11.2012 - 00:00 Uhr