Ein Maler wird zum Modell. "Edvard Munch war sehr exzentrisch", sagte der Norweger Steffen Kverneland in einem Interview mit der Berliner Morgenpost über seinen berühmten Landsmann. "Ich glaube, dass ein Künstler, der in seiner Kammer sitzt und immer nur malt, sich an keine Umwelt anpassen muss. Er wird dabei immer kantiger, spleeniger, extravaganter." In diesem Sinn "überzeichnete" der Vierzigjährige in seiner jüngst erschienenen graphic novel über das Idol dessen Kinn, "und fertig war die Comicfigur". Puristen, die bei Comic nur "Schund" assoziieren, mögen den wegweisenden Maler und Grafiker, der heute vor 150 Jahren zur Welt kam (und 1944 starb), ungebührlich auf Micky-Maus-Niveau geschmälert sehen. Immerhin verdankt die Kunstgeschichte ihm, einem der Vordenker und ersten Vollender des Expressionismus, mit dem (in verschiedenen Varianten ausgeführten) "Schrei" eines ihrer populärsten Gemälde. In ihm und ebenso in skandalträchtigen Schöpfungen wie der erotisch begehrlichen "Madonna" mischte Munch um 1900 das Verfalls- und Fäulnisparfüm des "dekadenten" Fin de Siècle aus Ingredienzien des Symbolismus und des Jugendstils und destillierte sie durch seine eigene, die Konturen in Schwingung und Auflösung versetzende Farb- und Formfantasie. Aufsehen erregt seine Bildwelt bei jeder neuen Ausstellung; und elektrisiert gelegentlich sogar die Regenbogenpresse: so 2012, als ein "Schrei" in New York unter den Hammer kam und für neunzig Millionen Euro den Besitzer wechselte. Oder 1994: Da stahlen Diebe eine Version des "Schreis" aus Norwegens Nationalgalerie. Andere Ganoven brachten 2004 eine weitere Fassung, dazu eine Ausfertigung der "Madonna" an sich. Jedes Mal tauchten die Kunstwerke wieder auf. So wie jetzt in München etliche Grafiken Munchs: In der Sammlung von Cornelius Gurlitt fanden sie sich und also bei einem besonders exzentrischen Traumwandler der Kunst.
Kunst und Kultur Geraubte Schreie
Von Michael Thumser 12.12.2013 - 00:00 Uhr