Er war aggressiv, als Maler in Berlin zumindest. Doch nachdem sich Ernst Ludwig Kirchner – 1905 einer der Gründer der expressionistischen Künstlergemeinschaft „Die Brücke“ – 34-jährig freiwillig für den Ersten Weltkrieg gemeldet hatte, hielt er nicht lang durch. Alsbald schickte man ihn wieder heimwärts, aufgerieben. So sehr hatten die Eindrücke seine Natur zerrüttet, dass er sich in Sanatorien und auf Kuren jahrelang erholen musste. In die deutsche Hauptstadt kehrte er nicht zurück; in der Schweiz fand er zu einer Ruhe, die sich in oft großzügigen, gar ins Wandgemälde-Format drängenden Landschaftsbildern manifestierte. Später stilisierte er seine Formen, nahm sich in den Farben zurück, näherte sich gar dem Kubismus. Heftiger, archaisch indes waren seine Anfänge gewesen: Intensiv setzte er sich als Maler, Holzschneider und Holzbildhauer mit der Bildwelt der Urbevölkerung in Ozeanien auseinander. Das lag im Zug der Zeit: Auch von exotischen Masken – etwa aus Afrika – ließen sich die expressionistischen Künstler anregen; und natürlich von Vollendern und Neuerern wie van Gogh und Gaugin, Munch und Matisse. Alles, nur nicht die distanzierte Wirklichkeit nachschildern (wie’s die Naturalisten unternahmen); und schon gar nicht in großbürgerlicher Salon-Schönmalerei Sagen, Mythen, hehre Episoden der Geschichte luxuriös beschwören – das hatten sie sich vorgenommen. Nur der spontane Ausdruck des Ich, des Innern, der Fantasie zählte fortan. Kirchner, der Aggressive, ließ mit seinem Umzug nach Berlin 1911 den Moloch Großstadt in grell-prägnanten, farb- und zeichenstarken Szenen aufstehen und spiegelte die überhitzte Zeit auf flächenhaft reduzierten Schauplätzen, zwischen Zwielichtern und abseitigem Schatten, in entstellten Gestalten, maskenhaften Gesichtern. Die Nazis hielten dergleichen nicht für Kunst: Auch auf Kirchner traf ihr Bannstrahl. Am morgigen Sonntag vor siebzig Jahren ging er, einer der Wegweiser der Expressionisten, in den Tod, um seine Freiheit fürchtend, keine Zukunft im Blick.