Prag - Im Keller des Hauses, in dem Pavel Skrans wohnt, stehen acht bewaffnete Männer in schwarzen Sicherheitswesten am Stromzähler. "Sie bedrohten mich, behaupteten, dass eine Plombe fehlt, und sagten, das sei Diebstahl", erzählt Skrans. "Dann schalteten sie den Strom ab." Einige Stunden später, gegen Mitternacht, wird Skrans in die Zentrale des Trupps zitiert. Im Raum sitzen zwei Männer in Uniform. "Sie fragten mich, wie viel Geld ich bei mir habe, und verlangten drei Millionen Kronen" - 120 000 Euro.
Das Sonderkommando gehört dem mächtigsten Unternehmen Tschechiens, dem Stromkonzern CEZ, der mehrheitlich in Staatsbesitz ist und zu den Top Ten der europäischen Energieversorger zählt. Es hat allein die Aufgabe, säumige Zahler und angebliche Stromdiebe zur Räson zu bringen. Die Firma nimmt Arbeit der Polizei in die eigene Hand.
Der Vorfall, den Skrans jetzt tschechischen Medien geschildert hat, liegt schon vier Jahre zurück. Die Nachhaltigkeit der brutalen Einschüchterungs-Methoden dieses CEZ-Kommandos hat jedoch gelitten, seitdem vor Kurzem tschechischen Zeitungen und Rundfunk- und Fernsehstationen hochbrisante Videos zugespielt worden sind, und mit ihrer Veröffentlichung ein Entrüstungssturm losgebrochen ist. Die Aufnahmen zeigen, wie die Einheit namens NTZ - Abteilung für nicht-technische Verluste - auf einem Schießplatz trainiert, gefesselte Gefangene mit übergestülpten schwarzen Säcken abführt und Hühner köpft. Polizei und Staatsanwaltschaft haben sich eingeschaltet; gegen 32 dieser "Strom-Sheriffs" ist inzwischen Anklage erhoben worden.
Den Chef des Stromgiganten, Martin Roman, stört es wenig, dass er in Tschechien ob seiner paramilitärischen Inkasso-Truppe, deren Aufmachung der Uniform der Bereitschaftspolizei täuschend ähnlich sieht, ins Kreuzfeuer öffentlicher Kritik geraten ist: Zwar arbeite er verstärkt mit der Polizei zusammen, aber "im Interesse aller ehrlichen Kunden wird unsere Jagd auf Stromdiebe fortgesetzt", sagte der 40-jährige Firmenboss in einer Stellungnahme. Und weiter: "Wer nichts anfasst, der kann nichts verderben. Strom wird hierzulande in großem Stil geklaut. Die Stromdiebe sind in bewaffneten Gangs organisiert, die vor nichts zurückschrecken und äußerst gewaltbereit sind." Die NTZ bleibe. Sie habe in den fünf Jahren ihres Bestehens Verluste von 500 Millionen Kronen (20 Millionen Euro) abgewehrt und 15 000 Fälle von Stromdiebstahl aufgedeckt.
Unterstützung erhält Roman von Innenminister Martin Pecina. "Irgendjemand", sagte er, "muss gegen die notorischen Schuldner vorgehen. Die Frage ist, ob das der Konzern sein muss oder eher der Staat. Aber wir sind nicht in der Ukraine, wo sich jeder ans Stromnetz anschließt, ohne zu zahlen. Das lassen wir nicht zu."
Der frühere sozialdemokratische Innenminister Frantisek Bublan dagegen forderte die Auflösung des NTZ-Kommandos. Seine Partei habe zwar Verständnis, dass Stromdiebstahl für den Konzern "ein ernstes Problem" sei. "Es gibt aber Anzeichen für massive Drohungen und gar Gewaltanwendung. Es ist daher keineswegs zu akzeptieren, wenn persönliche Rechte von Bürgern derart verletzt werden."
CEZ ist Staat im Staat. Der riesige Konzern, der 15 Kohlekraftwerke und die beiden Atommeiler Temelin und Dukovany betreibt, produziert 75 Prozent der Energie des Landes. Die Fremdeinspeisung erneuerbarer Energien vorwiegend aus Windkraft und Photovoltaik ins Stromnetz, das einem weiteren Staatsunternehmen - CEPS - gehört, geht Roman gehörig gegen den Strich. Er hat ganz andere Pläne: Für fünf Milliarden Euro will er das umstrittene Kernkraftwerk Temelin in Südböhmen um zwei Blöcke erweitern und die Leistung auf 3700 Megawatt nahezu verdoppeln.
Die beiden großen tschechischen Parteien, die Demokratische Bürgerpartei ODS und die Sozialdemokraten, haben Roman dafür bereits Zustimmung signalisiert. Und so kam nun, Mitte Februar, eine "Warnung" des staatlichen Netzbetreibers, der Boom der Solar- und Windenergiebranche belaste das Stromnetz über Gebühr und gefährde die Stabilität der Stromversorgung. CEZ und Eon, zweitgrößte Energiefirma im Lande, reagierten wie auf Kommando und erklärten, bis auf Weiteres keine neuen Anlagen mit Strom aus alternativer Energie anzuschließen. Eine Eon-Sprecherin sagte, es sei völlig unklar, wie lange die Sperre gelte.
CEPS-Generaldirektor Petr Zeman kritisierte, dass Tschechien vor allem auch für ausländische Investoren ein "Photovoltaik-Paradies" geworden sei - eines, das den Staat teuer kommt: Zwar liegt der Anteil des Sonnenstroms an der Energiemenge mit einer installierten Anlagen-Leistung von rund 170 Megawatt nur bei 0,4 Prozent und der Anteil der Windkraft mit einer Leistung von etwa 200 Megawatt nur bei 0,5 Prozent und damit 125 Mal niedriger als in Deutschland.
Aber nirgendwo in Europa sind die Vergütungen für alternativen Strom höher als bei unserem Nachbarn. Und anders als in Deutschland, wo die Subventionen auf den Stromverbraucher abgewälzt werden, kommt in Tschechien die Staatskasse dafür auf. Bis zu 50 Cent gibt es für eine Kilowattstunde, auch wenn die Förderung wie in Deutschland sukzessive sinkt. Dennoch wächst die Zahl solcher Anlagen in Tschechien von Jahr zu Jahr teils um über 100 Prozent.
Einem wie dem CEZ-Chef Roman, der die Energieversorgung des Landes mit Kohle- und Atomstrom diktiert, kann das nicht recht sein. Und so geht das Staatsunternehmen mit der Unterstützung staatlicher Verbündeter offenbar sehr erfolgreich gegen eine Entwicklung an, die das einträgliche Geschäft schon bald vermasseln könnte.