Marktredwitz Lockdown: Unternehmerin schreibt Brandbrief nach München

Ein Bild aus glücklichen Tagen: Im Modehaus Frey in Marktredwitz drängten sich vor der Pandemie häufig die Kunden. Foto: /Archiv Florian Miedl

Caroline Frey und drei Kollegen schreiben einen Brandbrief an die Staatsregierung. Denn die Händler sehen die Zukunft der Grenzregion bedroht: Die Verzweiflung wachse.

Marktredwitz - „Geben Sie uns eine Perspektive, für unsere Kinder, für unsere Unternehmen, für die gesamte Bevölkerung:“ Mit diesem Appell wenden sich vier gewichtige Einzelhändler in einem offenen Brief an die Staatsregierung: Caroline Frey von der Unternehmensgruppe Frey, zu der ein großes Modehaus in Marktredwitz gehört, Christoph und Johannes Huber vom Modehaus Garhammer in Waldkirchen sowie Josef Kagerbauer von der Glasfirma Joska in Bodenmais.

Die in der vergangenen Woche gefassten Beschlüsse zum weiteren Umgang mit der Corona-Pandemie in Bayern „haben uns bis ins Mark erschüttert“, schreiben die Einzelhändler nach München. Denn die Entscheidung, alle bayerischen Landkreise mit Sieben-Tage-Inzidenzen über 100 im totalen Lockdown zu belassen, bedeute: „Rund zwei Millionen Menschen haben weiterhin keine Aussicht auf Lockerungen.“ Experten zufolge würden die Inzidenzen in den nächsten Wochen ansteigen. „Es ist daher davon auszugehen, dass insbesondere unsere Grenzlandkreise in den nächsten Wochen, möglicherweise sogar Monaten, keinerlei weitere Öffnungsschritte zu erwarten haben. Das heißt, unsere Schulen und Kindergärten bleiben zu, die Geschäfte geschlossen, gemeinsamer Sport bleibt verboten, und kulturelle Einrichtungen sind weiterhin zwangsgeschlossen.“

Belastungen „nicht mehr tragbar“

Die daraus entstehenden physischen und psychischen Belastungen für die Bevölkerung seien nicht mehr tragbar, finden die Unternehmer. Der tägliche bange Blick auf die Inzidenzzahlen zermürbe die Familien und jeden Einzelnen, viele Unternehmen mit ihren Mitarbeitern „stehen Millimeter vor dem endgültigen Abgrund. Die Verzweiflung in unserer Region wird jeden Tag größer, der Unmut über die politischen Entscheidungen ist riesig.“

Die Staatsregierung selbst habe festgestellt, dass der Eintrag aus Tschechien und Österreich der Hauptgrund für die hohen Inzidenzen in den Landkreisen sei. „Die Menschen in unserer Region sind ganz sicher nicht unvorsichtiger oder gehen leichtfertiger mit der Pandemie um. Zudem ist festzustellen, dass in der Grenzregion deutlich mehr getestet wird als in vielen Ballungszentren (zum Beispiel in München oder Regensburg). Diesen Faktor, aus dem sich automatisch höhere Inzidenzzahlen für unsere Landkreise ergeben, ignoriert die Staatsregierung völlig“, kritisieren die Geschäftsleute in ihrem Schreiben.

Forderung nach Chancengleichheit

Die vielen fleißigen Menschen hätten es in den vergangenen 25 Jahren geschafft, dass sich aus einer einst strukturschwachen, etwas abgehängten und oft belächelten Region ein starker, selbstbewusster und zukunftsfähiger Landstrich entwickelt habe. „Durch den jetzt eingeschlagenen Weg der Staatsregierung sehen wir die Zukunft der gesamten Region akut bedroht. Wir fordern daher Chancengleichheit für alle“, heißt es in dem Brief.

Allein die drei Unternehmen Frey, Garhammer und Joska beschäftigten 1 250 Mitarbeiter, über 90 Prozent davon seien Frauen. „Wir unterstützen im Jahr über mehrere hundert Vereine, soziale, karitative und kulturelle Einrichtungen. Wir sind täglich in Kontakt mit unseren Mitarbeiterinnen, die den Lockdown in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz erleben. Viele dieser Frauen sind durch die Mehrfachbelastung am Ende ihrer Kräfte, sind verzweifelt, fürchten um ihren Job.“ Ministerpräsident Markus Söder sagte, er verstehe die Enttäuschung der Menschen – doch es gehe um weit mehr als um Enttäuschung: „Es geht um die Existenz vieler Menschen, wirtschaftlich- aber im gleichen Maß auch psychisch“, machen die Schreiber klar.

„Jetzt können wir nicht mehr“

Die Menschen dafür zu bestrafen, dass sie in Grenznähe wohnen, sei nicht akzeptabel. „Hören Sie auf, mit zweierlei Maß zu messen“, fordern die Händler. Viele Betriebe in der Region seien seit Beginn der Pandemie keinen einzigen Tag geschlossen gewesen – zum Glück. „Aber unsere Unternehmen im Handel waren vier der letzten zwölf Monate komplett zwangsgeschlossen, in vielen anderen Bereichen wie der Gastronomie und Hotellerie sieht es noch schlimmer aus.“ Die betroffenen Unternehmen, Tausende Mitarbeiter, Tausende Kunden und die gesamte Bevölkerung der Region hätten trotzdem den Kurs der Staatsregierung solidarisch mitgetragen und so ihren gesamtgesellschaftlichen Beitrag zur Überwindung der Pandemie geleistet.

„Aber jetzt können wir nicht mehr. Sie lassen uns im Stich, Sie sind dabei, die Menschen unserer Region zu verlieren. Wir rufen Sie deshalb eindringlich dazu auf, der Bevölkerung in Landkreisen mit einer Inzidenz über 100 eine Hoffnung zu geben.“ In den nächsten Tagen werde der Anteil der Landkreise, die wieder komplett dicht gemacht würden, weiter steigen, befürchten die Unternehmer Frey, Huber und Garhammer. Sie beenden ihr Schreiben mit einem Appell an die Staatsregierung: „Erlauben Sie den Menschen und Unternehmern, ihre Arbeit zu machen und den Kindern, Kita und Schule zu besuchen. Natürlich mit den richtigen Schutzmaßnahmen und einem ausgefeilten Hygienekonzept. Lassen Sie unsere Region nicht sterben!“ red

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