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Dicke Luft

Wie jetzt? Irgendwas verpasst? Gestern noch als Diesel-Fahrer in der Sympathie-Skala weit unterhalb von Reinhard Grindel - und heute soll plötzlich alles gar nicht so schlimm sein? Ist man mit einem sanft nagelnden Selbstzünder jetzt vielleicht doch kein mobiler Massenmörder? Und darf man womöglich auch mit Euro 5 noch seine Bürgerrechte behalten?



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Die schlauesten der schlauen Köpfe in dieser Republik geben dieser Hoffnung neue Nahrung. Nicht das lange Zeit so gescholtene Stickoxid sei die wahre Alltagsgefahr in der Luft, hat die Nationale Akademie der Wissenschaften in Halle kürzlich herausgefunden. Es ist der Feinstaub, der uns kaputtmacht.

Zum Durchatmen ist das kein rechter Anlass. Allerdings bestehen gute Gründe, dieser Feststellung zu glauben. Schon weil an der unabhängigen und nur dem Gemeinwohl verpflichteten "Leopoldina" eben keine Lobbyisten Dienst tun – vor allem aber, weil dort Andreas Scheuer nichts zu sagen hat: Jener Bundesverkehrsminister, dem ein komplett falsch berechneter Grenzwert immer noch lieber ist als ein ambitionierter.

Und so gerät die überaus üblich gewordene These vom Alleinsünder Diesel ins Wanken. Erstens, weil auch der Ottomotor in Sachen Feinstaub gehörig in Verruf steht. Zumindest wenn er als Direkteinspritzer tätig ist. Erst seit vergangenem September greift dort eine Grenze, die Partikel-Filter für neu zugelassene Benziner vorschreibt. Mehr aber noch wackelt das deutsche Luft-Bild, weil sehr viel massiver als im Brennraum der tückische Feinstaub durch Abrieb entsteht. An Kupplungsscheiben, Bremsbelägen, Reifen und Keilriemen zum Beispiel. Völlig egal, mit welchem Sprit man unterwegs ist.

Was aber noch viel wichtiger ist: Vier Fünftel der Kleinst-Partikel haben mit dem Auto nicht
das Mindeste zu tun. Feinstaub fällt bei Kraftwerken an, bei Industriebetrieben, in der Landwirtschaft – und selbstverständlich kommt er aus jedem ­heimischen Schornstein. Und dann wären da noch Ruß, Sandkörnchen, Salzkristalle und ­Pollen. Selbst wer einen Sack Zement in den Mischer kippt oder nur ein Teelicht entzündet, setzt Feinstaub frei. Von Rauchern gar nicht erst zu reden.

Noch nicht mal das viel gepriesene Elektro­auto ist da eine echte Abhilfe. Denn gebremst und gummigerubbelt wird mit Batterie-Mobilen auch. Und folglich geht das Streben der großen Koalition nach "zügiger Flottenerneuerung mit real emissionsarmen Fahrzeugen" in Sachen Feinstaub völlig daneben. Unabhängig von dem reichlich plumpen Versuch, dem braven Deutschen mal wieder den massenhaften Kauf von Neuwagen ans Herz zu legen.

Natürlich bedeutet das nicht, in dem Bemühen um sauberere Motoren nachzulassen. Viel zu lange gaben sich die Herren Scheuer und Dobrindt, wie zuvor schon die Herren Ramsauer, Tiefensee und Stolpe, mit Zertifikaten zufrieden, die sich die Hersteller selbst ausgestellt hatten. Wer nach wirklich besserer Luft rief, geriet umgehend in den Verdacht, bloß der heimischen Automobilindustrie schaden zu wollen.

Man wüsste allerdings schon gerne, wie das politische Berlin denn so vorzugehen gedenkt. Ob der vorrangige Kampf künftig dem Klima-Gas CO2 gilt, weiter dem Stickstoffdioxid – oder nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaftler vielleicht doch eher dem Feinstaub? Alles zu "Irgendwas mit schlechter Luft" zu verwirbeln und dann den Diesel aus Innenstädten zu verbannen, ist spätestens seit dem "Leopoldina"-Gutachten kein tragfähiges Konzept mehr.

Wer als Regierung wirklich dauerhaft sauberere Luft will, müsste tatsächlich den Verkehr an sich verbannen. Vorrangig aus den hoch belasteten Innenstädten. Besser noch, man würde sämtliche Staub-Quellen ins Visier nehmen. Was gegenüber Industrie und Landwirtschaft aber ganz sicher kein Minister ernsthaft erwägen dürfte.

Schon gar nicht allerdings dürften die ver­antwortlichen Politiker zu Hause ein Feuerchen entfachen. Für ein gemütliches Stündchen vor dem lodernden Kamin oder am Schwedenofen kann man nämlich guten Gewissens 100 Kilometer mit dem Auto fahren. Sogar mit einem Euro-5-Diesel.

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Wolfgang Plank

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Veröffentlicht am:
26. 04. 2019
12:00 Uhr

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