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Wo der Pilgerweg am grünsten ist

Die letzte von sieben Etappen auf dem Ökumenischen Pilgerweg führt unseren Autor durch den Süden Thüringens und quert bei Eisenach den Rennsteig. In Vacha ist das Ziel erreicht.



Bereits im 14.Jahrhundert gab es in Wünschensuhl diese Kirche. Sie wurde mehrfach erweitert und umgebaut. Fotos: Marco Schreiber, dpa   » zu den Bildern

Auf seinem letzten Abschnitt ist der Pilgerweg grün. Nach vielen Kilometern am Rand von Landstraßen, nach Stunden auf Feldwegen durch staubige Ackerlandschaft, nach sechs Etappen durch Mitteldeutschland soll die letzte die grünste werden. Sie führt uns von Mechterstädt über die Hörselberge, durch Eisenach und ein gutes Stück den Rennsteig entlang, bevor der Weg über Wünschensuhl nach Vacha schwenkt. Auch die letzten Kilometer sind grün, und weil es durch dichten Wald fast immer bergab geht, laufen sie sich fast wie von selbst.

Für mich kommt das Ende der etappenweise Pilgerreise so noch schneller als für meine Weggefährten. Den Weg von Freyburg nach Mechterstädt musste ich sie allein ziehen lasse, eine Erkältung hatte mich am Pilgern gehindert. Ganz sicher werde ich den Weg nachholen, immerhin habe ich nicht nur die Domstadt Naumburg verpasst, wo die berühmte Stifterfigur Uta über die Gläubigen wacht, sondern auch Erfurt und Gotha. Wobei dieser Teil längst nicht so grün gewesen sei wie der letzte, den wir jetzt im Mai durchwandern, versichern die Mitwanderer.

Zunächst wird es laut. Auf dem Großen Hörselberg, den wir eine gute Stunde nach dem Aufbruch in Mechterstädt erreichen, wird Himmelfahrt gefeiert. Es gibt Bier, Bratwurst und Ballermann-Musik, auf der Wiese hat sich Feiervolk breit gemacht. Für die Altvorderen wäre das unvorstellbar gewesen. Aus Angst vor dem Schlachtengott Wotan, der lockenden Venus, Frau Holle oder mancherlei Teufel und Hexen hätten selbst Pilger den zu allen Zeiten heiligen Hörselberg gemieden und den Weg im Tal genutzt.

Im Eisenacher Diakonissenmutterhaus, der Unterkunft für diese Nacht, treffen wir einen älteren Herrn, der seit einigen Jahren im Frühling von der Wartburgstadt nach Vacha wandert und die Infrastruktur des Ökumenischen Pilgerwegs nutzt. Da er die 42 Kilometer lange Strecke an einem Tag läuft, bricht er schon im Morgengrauen auf. Wir starten nach einem gemütlichen Frühstück in einem Bäckereicafé und steigen gut gestärkt zur Wartburg hinauf.

Die Geschichte der Burg als Luthers Exil ist hinlänglich bekannt. Weniger bekannt ist die zwiespältige Haltung des Reformators zum Pilgern. Ebenso wie den Ablasshandel lehnte Martin Luther die Idee ab, sich mit einer Wallfahrt von Sünden zu befreien. Das sei Narrenwerk, soll er gesagt haben, Gott habe das Pilgern nicht befohlen. Andererseits: "Es mag meinetwegen laufen, wer nicht bleiben kann." Nur soll er sich eben nicht das Seelenheil davon versprechen.

Wir versprechen uns Ruhe und Erholung, eine Auszeit vom Alltag, und lassen deshalb Wartburg und Touristenrummel links liegen. Der Weg durch den frühlingsfrischen Mischwald bringt uns nach kurzer Zeit zum Rennsteig. Fast eine Stunde folgt der Pilger- dem Kammweg, unter den Füßen knirscht der Kies. Viel zu schnell sind wir in Wünschensuhl, wo sich mehrere Nachbarn zusammengetan haben, um den Pilgern die Herberge aufzuschließen. In der Baracke gibt es eine heiße Dusche und bequeme Matratzen, im Küchenschrank Kaffee, Nudeln und Sauce im Glas – was will man mehr nach einem bewegten Tag?

Das letzte Wegstück bietet noch einmal alles auf, was den Pilger- zu einem ganz besonderen Wanderweg macht. Natur und Geschichte, Waldweg und asphaltierter Fußweg neben vielbefahrener Straße, freundliche Einladung zur Einkehr auf einem Hof am Straßenrand. "Pilger dürfen auf dem Hof rasten" steht in ungelenken Buchstaben auf einem Schild am Gartenzaun in Oberzella.

In Vacha, nachdem wir die Werra überquert haben, erinnert uns ein kleines Schild am Wegrand ein letztes Mal an den Ursprung des Ökumenischen Pilgerwegs. Er folgt dem Verlauf der mittelalterlichen Via Regia, einem Handelsweg, der unter königlichem Schutz stand. Er verbindet Santiago de Compostela, Ziel der Jakobspilger, mit Bordeaux, Paris und Leipzig und führt über Breslau bis Moskau oder nach Kiew. Weil aus ganz Europa Pilger zum Grab des heiligen Jakob aufbrachen, wird manchmal auch von den Wegen der Jakobspilger gesprochen. Sie alle führten, ob von Rom kommend, von Köln oder Stettin, in die Pyrenäen und zum Grab des Heiligen Jakob.

Aus Vacha soll auch der Verfasser des ersten deutschsprachigen Pilgerführers stammen. Hermann Küng von Vach war 1479 Mönch im Servitenkloster und pilgerte über Genf, Montpellier und Tolouse nach Santiago de Compostela. Sein Rückweg führte ihn über Paris und Brüssel nach Aachen. Von seinem Kloster steht heute nur noch der Chor, er wird als Friedhofskapelle genutzt.

Unser letztes Quartier liegt nahe der Kirche im Dachgeschoss des Pfarrhauses. Hier bekommen wir einen dunkelblauen Anstecker, groß wie ein Zehn-Cent-Stück. Das Symbol des Jakobsweges ist darauf abgebildet, die Muschel vor zwei gekreuzten Stäben, und die Werrabrücke mit ihren drei Bögen. "Ökumenischer Pilgerweg auf der Via Regia" lautet die Umschrift, "Görlitz – Vacha 450 Kilometer". Von einer Brücke zur anderen sind wir gelaufen, die Altstadtbrücke in Görlitz war unser Ausgangspunkt.

Was vom Weg bleibt? Der Wunsch, ihn noch einmal und dann an einem Stück zu laufen, am besten allein, wie es die Pilger zu allen Zeiten taten. Der Idee, weiterzulaufen, nach Fulda und dann über Würzburg und Rothenburg nach Speyer und Metz. Oder über Frankfurt und Trier mit einem Abstecher nach Köln und weiter Richtung Aachen, wie Mönch Hermann vor einem halben Jahrtausend. Dankbarkeit stellt sich ein beim Gedanken an die vielen Helfer, die den Weg jährlich neu beschildern, die Beschreibung aktuell halten und die ihre Türen ganz selbstverständlich für Wanderer öffnen. Und das oft auf der Basis einer Spende, deren Höhe selbst gewählt werden kann.

Was bleibt, sind auch die Eindrücke von einem Stück Mitteldeutschland, das ich ohne den Pilgerweg nie besucht hätte. Kleine Städte und winzige Dörfer, verbunden durch den Weg und eine lange Geschichte. Der gemeinsame Weg hat mich auch meinen Freunden näher gebracht. Wir wollen weiterlaufen, so viel ist sicher, wir wissen nur noch nicht, welchen Weg wir uns als nächstes vornehmen.

 

WAS PILGER WISSEN SOLLTEN
Wandern auf den Spuren der Jakobspilger, und das fast vor der Haustür – auf der Via Regia in Mitteldeutschland geht das auch etappenweise. Die mittelalterliche Handelsstraße wurde 2003 zwischen Görlitz und Vacha als ökumenischer Pilgerweg eingerichtet. Er gehört seitdem zum stetig wachsenden Netz der Jakobswege in Europa, die im spanische Santiago de Compostela am Grab des Heiligen zusammenlaufen.

 

Das Handbuch enthält neben einer Wegbeschreibung mit Herbergsadressen viele Zusatzinformationen zur Orts- und Landesgeschichte. Das Buch kostet zwölf Euro plus Versandkosten und kann im Internet bestellt werden www.oekumenischerpilgerweg.de. Aktuelle Ergänzungen werden als Download zur Verfügung gestellt.

Der Pilgerausweis ist der Schlüssel zu den Herbergen und dem Pilgerhandbuch des Vereins Ökumenischer Pilgerweg beigelegt. Einzeln kostet er zwei Euro. Die Stationen der Reise werden per Stempel in den Herbergen und von vielen Kirchgemeinden dokumentiert.

 

Autor

Marco Schreiber
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
31. 05. 2019
11:30 Uhr

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