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Kunst und Kultur

„Heimat spielt sich im Kopf ab“: Regisseur Edgar Reitz wird 85

Der Filmemacher Edgar Reitz hat mit seinem monumentalen „Heimat“-Epos internationale Filmgeschichte geschrieben. Jetzt wird er 85 Jahre und plant den nächsten Teil.



München – Heimat ist in aller Munde. Spätestens seit die rechtspopulistische AfD als drittstärkste Fraktion im Bundestag sitzt, gibt es einen Art Wettbewerb um die Deutungshoheit dieses lange verpönten Begriffs. Und was meint Edgar Reitz, der Heimat-Spezialist schlechthin, dazu? „Man mag schon gar nicht mehr darüber reden“, sagt der in München lebende Regisseur, der mit seiner monumentalen „Heimat“-Saga in die Filmgeschichte eingegangen ist. „Als ich anfing, war das Wort tabuisiert. Ich wollte dem nachspüren, was da an wirklicher Lebenserfahrung drin steckt. Heute kehrt alles zurück in den nationalistischen Sumpf, aus dem wir es mit Mühe befreit haben. Da wird mir fast schlecht.“

Beim Telefoninterview wirkt Reitz, der am 1. November 85 Jahre alt wird, sehr klar, reflektiert und humorvoll. Im Hintergrund hört man, wie seine mehr als zwanzig Jahre jüngere Ehefrau, die Sängerin und Schauspielerin Salome Kammer, Stimmübungen vollführt. Sie wird am Geburtstag ihres Mannes in Wien auftreten. „Damit wir zusammen feiern können, werde ich zu ihr nach Wien fahren, wo meine jüngste Tochter lebt. Mir geht es gut, ich freue mich jeden Tag meines Lebens.“

Reitz lebt seit den 1950er Jahren in München. Die Landschaft seiner Kindheit und Jugend, den rheinland-pfälzischen Hunsrück, wo große Teile des „Heimat“-Filmepos spielen, das vom 19. Jahrhundert bis zur Jahrtausendwende das Leben mehrerer Generationen umfasst, verließ er kurz nach dem Abitur. „Ich hatte mit 16, 17 Jahren nur einen Gedanken: weg. Ich wollte raus aus der Provinz, wo ich mich in jeder Hinsicht eingeschränkt, kontrolliert, beobachtet fühlte. Weg in die Freiheit.“
Doch Jahre später, als er zu den Dreharbeiten in den Hunsrück zurückkehrte, „stellte sich heraus, dass vieles, was man in sich trägt, doch weiterlebt“, sagt Reitz nachdenklich. „Heimat ist etwas, das sich im Kopf abspielt, ein Schlachtfeld der Gefühle.“

Bevor Reitz zum fast legendären „Heimat“-Regisseur wurde, betätigte er sich als (Ko-)Autor zahlreicher Kurzfilme und Regisseur von Dokumentationen und Industriefilmen. 1962 trat er als Mitinitiator des Oberhausener Manifests für die Schaffung neuer cineastischer Ausdrucksformen ein und wurde ein Protagonist des „Neuen deutschen Films“.

Seinen ersten Achtungserfolg landete er mit dem Spielfilm „Mahlzeiten“ über eine auf tragische Weise scheiternde Ehe. Durchweg glänzend rezensiert wurde 1976 sein Spielfilm „Die Stunde Null“ über die kurze Zeitspanne zwischen Waffenstillstand und Friedensschluss im Jahre 1945, während seine bis dato aufwendigste Produktion über den Ulmer Flugpionier Albrecht Ludwig Berblinger, den „Schneider von Ulm“ floppte.

„Ich befand mich nach diesem Misserfolg in einer sehr verzwickten Lage“, erinnert sich Reitz. Der gekränkte Regisseur zog sich zurück und entwickelte den Plan, eine weit verzweigte Familiengeschichte aus dem Hunsrück zu erzählen, eine Chronik des 20. Jahrhunderts für das fiktive Dorf Schabbach. Ein anspruchsvolles Projekt. „Es ist meine Art, wenn es irgendwo nicht weitergeht, versuche ich es auf einem noch schwierigeren Weg“, sagt Reitz mit einem Anflug von Selbstironie.

Der mehr als 15-stündige Film „Heimat – Eine deutsche Chronik“ wurde 1984 in elf Teilen von der ARD ausgestrahlt und mit zehn Millionen Zuschauern ein so durchschlagender Erfolg, dass Reitz fortan, auch international, alle Tore offen standen. Es folgte „Die zweite Heimat - Chronik einer Jugend“ (1992) – in der 13-teiligen Reihe, die überwiegend in München spielt, hatte Salome Kammer als Clarissa Lichtblau eine der Hauptrollen inne. „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“ erschien 2004. Zuletzt stellte Reitz 2013 mit „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ den vorläufig letzten Teil seiner Saga vor. Darin geht es um die aus dem Hunsrück nach Übersee ausgewanderten Vorfahren von „Hermännchen“, dem Helden der vorherigen Folgen.

Gut möglich, dass es noch einen fünften Teil des „Heimat“-Epos geben wird. Zurzeit arbeitet Reitz an einer Erzählung, die chronologisch zwischen der „Anderen Heimat“ und „Heimat 1“ liegt und die Zeit der Industriellen Revolution im kaiserlichen Deutschland umfasst. Dort verortet Reitz „die Wurzeln der Katastrophen des 20. Jahrhunderts, dort wurden die Weichen für die Weltkriege gestellt“.

Eigentlich sei Heimat in Zeiten der Globalisierung nur noch eine Sehnsucht, meint der Meisterregisseur. „Ich fürchte, es wird einmal, vielleicht in 200, 300 Jahren, eine allgemeine Weltkultur geben. Die gesamte Menschheit wird sich durchmischen und das, was wir als nationale Lebensweisen und regionale Kulturen kennen, wird verschwinden. Daran werden auch irgendwelche Obergrenzen nichts ändern können.“
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30. 10. 2017
16:03 Uhr

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30. 10. 2017
16:03 Uhr



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