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Kunst und Kultur

Im Parallel-Universum

Das 50. Festival gerät zum Monument für den verstorbenen Hofer-Filmtage-Gründer Badewitz. Durchwachsen, aber stabil präsentiert sich das deutsche Kino. Ein Längsschnitt.



Das Central-Kino in der Altstadt. Hier und im Scala waren bis zum Sonntag über 120 kurze und lange Spiel- und Dokumentarfilme zu sehen: "Man hatte den Eindruck, dass Heinz gleich um irgendeine Ecke kommt."	Foto: Frank Wunderatsch
Das Central-Kino in der Altstadt. Hier und im Scala waren bis zum Sonntag über 120 kurze und lange Spiel- und Dokumentarfilme zu sehen: "Man hatte den Eindruck, dass Heinz gleich um irgendeine Ecke kommt." Foto: Frank Wunderatsch  

Hof - Eine "Trauerfeier" sollte das Festival nicht werden. Das hatte Alfred Holighaus am Eröffnungsabend zugesagt. Natürlich konnten er und seine Mitstreiter vom Organisations-Kuratorium, Linda Söfker und Thorsten Schaumann, das Versprechen nicht halten. Sechs Tage lang wuchsen sich die 50. Internationalen Hofer Filmtage zum kinematografischen Memorial für einen kaum Ersetzbaren aus.

Kein Regisseur, kein Darsteller, sofern er nur ein Mal von Heinz Badewitz ans Herz gedrückt wurde, der nicht in schmerzlich-vermissenden Worten des Unentbehrlichen gedenkt. "Eine unglaubliche Dankbarkeit" für ihn hegt etwa Andreas Arnstedt, der 2009 mit "Die Entbehrlichen" den Eingang ins "Badewitz-Universum" fand. Axel Ranisch, der quirlige Regisseur einer ebensolchen Posse ("Familie Lotzmann auf den Barrikaden") hat "in Hof den Eindruck, dass Heinz gleich um irgendeine Ecke kommt". Und Aylin Tezel, als sie den Preis der Stadt entgegennimmt, erinnert sich: "Der Heinz hat die innigsten Umarmungen verteilt, die mindestens zehn Sekunden dauerten." Den Gästen des Festakts gibt die faszinierende Aktrice eine Losung mit auf den Weg zurück in die Kinos, die "dem Heinz" gefallen hätte: "Auf die Liebe! Auf die Freundschaft! Auf die Filme!"

Auf die Filme ließ sich das auswählende Organisatoren-Trio ausdrücklich mit dem Blick des Verewigten ein. Anders aber als von Badewitz geplant, blicken sie mit einer Retrospektive zurück. Ein paar Höhepunkte aus 49 Jahren Filmtagen reihen sie zur Perlenschnur: kurze Wahnsinnstaten allererster Beiträger ebenso wie Doris Dörries "Männer" oder Tom Tykwers "Tödliche Maria". Heroen, die einst als noch namenlose Zwerge in Hof herauskamen, erweisen dem Festival die Ehre, neue Produktionen mitzubringen. Aber sie enttäuschen: Werner Herzog mit einem teils anfängerhaft inszenierten, ermüdend vordergründigen ökologischen Untergangsszenario ("Salt and Fire"); Wim Wenders in "Die schönen Tage von Aranjuez" mit einem ereignislosen Peter-Handke-Dialog über Liebe und Lust; der sülzende Sermon wird in einem Haus-und-Garten-Ambiente von impressionistischem Liebreiz à la Monet rezitiert, ohne einen Funken Erotik, dafür mit dem Pathos unerträglicher Prätention.

Überhaupt geht die Auswahl deutschsprachiger Beiträge heuer nicht als erstklassiger Jahrgang durch. Aber natürlich gab es Lichtblicke, Glanzstücke auch. Eine beinah hoffnungslose Krankheitsgeschichte wagt No-Budget-Filmer Andreas Arnstedt mit "Short Term Memory Loss": Ein Boxer, seit einem Unfall ohne Kurzzeitgedächtnis, droht durch seine Unzurechnungsfähigkeit ungewollt das Leben seiner Familie zu zerstören. Als Ehefrau, verzweifelt liebend, gleichwohl zu einem hinterhältigen Schlussstrich gezwungen, wächst Veronica Ferres deutlich über das Mittelmaß hinaus, in dem sie während Herzogs "Salt and Fire" tapsig verharrt.

Wie Heinz Badewitz behalten die Kuratoren sowohl das sogenannte Private, dem alles Gesellschaftliche freilich erst entspringt, als auch den Geist und Zug der Zeit im Blick. Dem Flüchtlingselend widmen sich etliche deutsch- und notgedrungen mehrsprachige Spiel- wie Dokumentarfilme. Sachlich beobachtend dokumentiert Vivien Hartmann in "Spree-Hotel" die absurde Spannung, die dem monatelang tatenlosen Abwarten von Asylsuchenden in einem einstigen Bautzener Vier-Sterne-Hotel entspringt. Unbehauste Einzelgänger der Großstadt verfolgt Jan Krüger eine Weile durch Berlin-Neukölln: "Die Geschwister" Bruno und Sonja aus Osteuropa erwecken einen eigenbrötlerischen Wohnungsmanager zu freigiebiger Mitmenschlichkeit; oder genießt er nur, dass die beiden ihm dankbar sein müssen? In dem zwiespältigen Psychogramm formiert der hellhörige Regisseur ein loses Beziehungsdreieck, darin Abhängigkeit, Freundschaft, Liebe ununterscheidbar ineinander übergehen.

Mit Undurchsichtigkeiten brenzligerer Art spielt Sherry Horman umso tempo- und druckreicher in einem Politthriller, der durch Wirklichkeitsnähe fesselt. "Tödliche Geheimnisse" wollen zwei Journalistinnen aufdecken, um durch den Knüller ihr Nachrichtenmagazin zu retten. Aber hinter dem vermeintlichen "Scoop" öffnet sich voller Täuschungen ein Irrgang aus Korruption und Verschwörung, den Motoren internationaler Politik. Mit Verlass auf die grandiosen Damen Kunzendorf, Engelke und Riemann verwickelt die Regisseurin sowohl die Fäden der globalen Wirtschaft als auch Familien- und Freundschaftsverhältnisse. Mutig in ihrer Parteilichkeit, zieht sie gegen TTIP und die Weltmacht von Konzernen wie Monsanto zu Felde.

Aufs Zeitgeschehen bezieht sich gleichfalls Dominik Graf: Wendungsreich rollt er in "Am Abend aller Tage" eine fiktive Version des Falles um den Kunstsammler Cornelius Gurlitt und den Bilderfund in dessen Schwabinger Wohnung auf. Weil der Regisseur eingestandenermaßen die Ästhetik der Siebziger und Achtziger schätzt, sehen seine Bilder, nicht ohne Reiz, aus wie aus einem "Tatort" von vor dreißig Jahren. Auf das Bild, das Gemalte wie auf das maßgebliche Medium des Kinos, besinnt sich Christian Schwochow in "Paula". Allgemein vom Frauendasein um 1900, speziell vom kurzen Leben und von der Eigenwilligkeit der Malerin Paula Modersohn-Becker erzählt er. An die herausragende Schauspielerei manch anderen Festival-Beitrags reicht sein Ensemble nicht ganz heran; dennoch entsteht das subtile Porträt einer sich jedem Anpassungsdruck verweigernden Frauenseele in Landschafts- und Epochenpanoramen von imponierender Feinheit und Kraft.

Und jetzt? Gibt es "Hof" noch? Vom 24. bis zum 29. Oktober 2017 soll es "Hof" wieder geben. Rückblickend hat das Festival das "Long Term Memory", das Langzeitgedächtnis der Filmtage ausgelotet und durch eine Gegenwart von stabiler Lebensfähigkeit ergänzt. Nun gilt es, einen Unentbehrlichen zu ersetzen. Der künftige Festivalchef muss sein wie Badewitz - und ganz anders. Dann besteht Hoffnung, dass das vom "Heinz" geschaffene "Universum" weiter leuchtend expandiert.

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O-Töne: Festival-Resümees

Kurator Alfred Holighaus

Die Resonanz war beeindruckend bis überwältigend. Es gab ein auffallend starkes Bedürfnis des Publikums, sich zum Programm und zur Atmosphäre zu äußern. Und zwar positiv. Mir hat sehr die Mischung der Gäste gefallen - von Wim Wenders bis Tini Tüllmann, von Hanna Schygulla bis Aylin Tezel. So kann, so muss es weiter gehen.

Pressesprecherin Ana Radica

Wir haben mit etwas weniger als 30 000 belegten Sitzplätzen das Rekordergebnis von 2015 nicht ganz erreicht. Trotzdem war das Festival das am zweitstärksten besuchte aller Zeiten. In den kommenden Wochen wird der Verein ein tragfähiges Konzept für die Zukunft erarbeiten. Bis Ende des Jahres soll ein fähiger neuer Leiter gefunden sein.

Andreas Walter, kommissarischer Vorsitzender des Cine Centers Hof

Alles verlief sehr entspannt. Mit der Hoftex-Halle als zentraler Anlaufstelle probierten wir etwas Neues und stießen auf überwältigende Resonanz. Die Basis hält. Zuschussträger haben weitere Unterstützung zugesagt, und wir haben gezeigt, dass wir das Festival auch ohne Heinz Badewitz stemmen können. ts-r

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Von Michael Thumser
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Veröffentlicht am:
31. 10. 2016
00:00 Uhr

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Von Michael Thumser

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31. 10. 2016
00:00 Uhr



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