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Kunst und Kultur

Warten auf Freispruch: Moskaus Meisterregisseur Serebrennikow wird 50

Stuttgart, Hamburg, Berlin – auch deutsche Opern feiern Russlands Kultregisseur Serebrennikow. Nach langem Hausarrest ist er zwar auf freiem Fuß, reisen darf er aber nicht. An seinem 50. Geburtstag steht er trotz des Ärgers mit der Justiz auf dem Zenit seines Erfolgs.



Theaterregisseur Serebrennikow wird 50 Moscow
ARCHIV - 08.04.2019, Russland, Moscow: Kirill Serebrennikow, Theater- und Filmregisseur aus Russland, verlässt nach einer Verhandlung das Gericht. Nach langem Hausarrest ist er zwar auf freiem Fuß, reisen darf er aber nicht. An seinem 50. Geburtstag am 07.09.2019 steht er trotz des Ärgers mit der Justiz auf dem Zenit seines Erfolgs. (zu dpa "Warten auf Freispruch: Moskaus Meisterregisseur Serebrennikow wird 50") Foto: Pavel Golovkin/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ |   Foto: Pavel Golovkin

Moskau (dpa) – Ganz frei ist Kirill Serebrennikow noch immer nicht. Schon seit zwei Jahren zieht sich das Verfahren gegen den Filme- und Theatermacher wegen angeblicher Veruntreuung staatlicher Fördergelder hin. Der Prozess gegen den Regisseur gilt als Farce. Kulturschaffende sehen darin das Ziel, den mit vielen Preisen für seine tiefschürfenden Gesellschaftsporträts überhäuften Meister mundtot zu machen. Doch Serebrennikow („Der die Zeichen liest“), der an diesem Samstag (7. September) 50 Jahre alt wird, ist nicht zu stoppen.

In seinem Theater, dem Gogol Zentrum in Moskau, geht es nächste Woche irgendwie auch um seine eigenen bitteren Erfahrungen mit der Justiz. Dann feiert „Palatschi“ (Henker) nach dem Stück des britischen Dramatikers Martin McDonagh („Hangmen“) Premiere. Serebrennikow verlegt die Handlung um einen Henker, der nach Abschaffung der Todesstrafe eine Bar aufmacht, in einen Moskauer Vorort. Zuschauer, die sich Tickets von bis zu einigen Hundert Euro leisten können, erwartet ein Theaterabend um die Werte des Lebens. Es geht um Rechtsstaatlichkeit und Freiheit.

Serebrennikow ist zwar nach anderthalb Jahren im Hausarrest seit April wieder auf freiem Fuß. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich bei Kremlchef Wladimir Putin um den für seine doppelbödige Kunst bekannten Star bemüht. Reisen ins Ausland sind ihm aber verboten.

Die Opern in Stuttgart, Hamburg und Zürich etwa, aber auch das Theaterfestival in Avignon brachten seine Stücke deshalb zuletzt ohne ihn auf die Bühne. Serebrennikows Assistenten, die streng nach seinen Anweisungen arbeiten, erledigen diese Einsätze im Ausland. Doch die Hoffnung etwa auch an der Komischen Oper in Berlin, wo er 2020 inszenieren soll, ist groß, dass das Strafverfahren bald beendet ist.

Der Druck auf den russischen Justizapparat ist immens. Zehntausende unterschrieben eine Petition, darunter Schauspieler wie Cate Blanchett und Lars Eidinger, gegen die Verfolgung eines der „berühmtesten Gegenwartskünstler“. Besonders auch die Oper und die Landesregierung in Stuttgart setzten sich für ihn ein.

Ende März erhielt Serebrennikow in Abwesenheit den renommierten russischen Filmpreis „Nika“ – für die beste Regie. Sein 2018 auch in Deutschland gezeigter Film „Leto“ (Sommer) ist eine Hommage an Viktor Zoi, den sowjetischen Rockstar. Das russische Staatsfernsehen meinte einmal, dass der studierte Physiker für jemanden ohne echte Regieausbildung sehr gut im Geschäft stehe.

Zumindest legt nun eine im August präsentierte neue Expertise für das Moskauer Gericht nahe, dass Serebrennikows Team die Fördergelder wohl doch ordentlich ausgegeben hat. Die Richterin meinte sogar, es sei ein Kulturereignis entstanden. Das überraschte, denn lange hielt sich der leicht widerlegbare Vorwurf, es habe keine Aufführungen gegeben.

So erklärte Serebrennikow dieser Tage in Moskau auch bei einem Gespräch mit Studierenden, warum die Ticketpreise bisweilen (nicht immer) sehr hoch sind. „Wenn ein Theater unabhängig sein, seine eigene Meinung und kein Bettler sein will – dann muss es sich selbst tragen können“, meinte er. Weil Teile des Machtapparats und der russisch-orthodoxen Kirche immer wieder gegen ihn arbeiten, braucht er Geld aus nicht-staatlichen Quellen.

Einen Film über den Komponisten Peter Tschaikowski will Serebrennikow seit langem drehen. Russlands Kulturminister Wladimir Medinski entzog aber die Fördermittel. Der Grund: Erwähnt sollte auch die Homosexualität des in Russland beinahe heiligen Musikers. Ein Tabubruch. Auch Serebrennikows Ballett „Nurejew“ schaffte es nur mit Verzögerung an das Bolschoi Theater – ein Stück um den schwulen und später an Aids gestorbenen Startänzer Rudolf Nurejew.

Bei dem Treffen mit den Studierenden in Moskau wehrte der Künstler sich gegen den Eindruck, er sei ein Vertreter der Opposition in der Kultur. Aber seine künstlerische Freiheit bedeute ihm alles, sagte er. Geboren wurde Serebrennikow, der sich selbst als Buddhisten bezeichnet, am 7. September 1969 in Rostow am Don – als Sohn eines russischen Arztes und einer ukrainischen Lehrerin.

Klar wurde auch, dass er eben keinen Sinn darin sieht, ins Ausland zu gehen. Er will sich in Russland für die Freiheit einsetzen. „Ansonsten wird alles ganz schlecht.“ Viele russische Künstler sehen gerade in dem mit Problemen aufgeladenen Leben hier auch Treibstoff. Ausgehen dürften die Themen Serebrennikow noch lange nicht. Im Ausland wird er aber erst im Fall eines Freispruchs wieder inszenieren können – wenn er seinen Reisepass und damit seine uneingeschränkte Freiheit wieder erlangt.

Von Ulf Mauder, dpa

 

Veröffentlicht am:
06. 09. 2019
16:22 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
06. 09. 2019
16:22 Uhr



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