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Kunst und Kultur

"Wir machen keine Museumsmusik"

Klingt Bach in Leipzig besonders? Und ist es eine Last, die weltberühmten Thomaner zu leiten? Der Sänger und Dirigent Gotthold Schwarz klärt uns im Gespräch auf.



Der 1212 gegründete Thomanerchor zählt zu den ältesten Knabenchören Deutschlands. Er gehörte damals zum Augustiner-Chorherrenstift des Klosters St. Thomas in Leipzig. Von 1723 bis 1750 war Johann Sebastian Bach als Thomaskantor in Leipzig angestellt. Foto: Matthias Knoch
Der 1212 gegründete Thomanerchor zählt zu den ältesten Knabenchören Deutschlands. Er gehörte damals zum Augustiner-Chorherrenstift des Klosters St. Thomas in Leipzig. Von 1723 bis 1750 war Johann Sebastian Bach als Thomaskantor in Leipzig angestellt. Foto: Matthias Knoch   » zu den Bildern

Herr Schwarz, wie haben Sie sich gefühlt, als die Leipziger Ratsversammlung Sie 2016 in das Amt des Thomaskantors berufen hat?

Zur Person

Im Jahr 1952 in Zwickau geboren, machte der Kantorensohn Gotthold Schwarz erst eine Buchhändlerlehre und studierte anschließend Kirchenmusik, Orgel und Gesang in Dresden und Leipzig. Anschließend begann der Bassbariton eine rege internationale Tätigkeit vor allem als Oratoriensänger. Ab Anfang der 1980er-Jahre trat Schwarz zunehmend auch als Dirigent in Erscheinung. 2015 übernahm er interimistisch die Leitung des Leipziger Thomanerchors. Seit 2016 ist er offiziell Thomaskantor.


Natürlich habe ich große Freude gespürt, zugleich aber auch die Verantwortung, die damit auf mich zukommen würde. Da ich den Vorgänger immer wieder vertreten hatte und bereits interimistisch tätig war, habe ich aber gewusst, welchen Rahmen diese Arbeit einnimmt.

Ihre Amtsbezeichnung ist

"17. Thomaskantor nach Johann Sebastian Bach". Spüren Sie diese Last in Ihrem Amt?

Zuallererst ist es unser Anliegen und unsere Verpflichtung, jedem Werk in bester musikalischer Qualität Woche für Woche gerecht zu werden. Nicht nur dem Werk Bachs, was naturgemäß eine besondere Bedeutung für uns hat, sondern aller Komponisten, die wir hier aufführen. Als Last würde ich das nicht bezeichnen, sondern als eine Aufgabe, der ich mich gern und mit aller Energie widme.

Vor einigen Tagen war die Nachricht zu lesen, die Thomaner würden nun auch außerhalb Leipzigs Nachwuchs suchen. Gehen Ihnen die Sänger aus?

Nein, das kann man überhaupt nicht sagen. Im Gegenteil, es war schon immer so, dass die Thomaner auch Nachwuchs von außerhalb hatten. Zu Bachs Zeit etwa durften nur diejenigen Alumnen werden, die nicht aus Leipzig kamen. Man könnte auch sagen, dass es wichtig ist, dass wir Kinder aufnehmen, die einen Blick von außen auf Leipzig haben.

Die Jungen sind neben der Schule mit Chorproben, Stimmbildung, Motetten, Gottesdiensten, Tourneen und Konzerten gefordert. Welcher Teil Ihrer Persönlichkeit muss da überwiegen - der Musiker oder der Pädagoge?

Im Prinzip hält sich das die Waage. Allerdings steht schon der künstlerische Auftrag im Vordergrund, wenn es darum geht, am Freitag und Samstag die Motette mit A-cappella-Werken und am Sonnabend die Kantate für den jeweiligen Sonntag des Kirchenjahres mit dem Orchester zu musizieren. Natürlich ist das Pensum für die Jungen immens. Am Sonntag singt jeweils die Hälfte von ihnen im Gottesdienst, außer an den hohen Festtagen.

Zentrum Ihrer Arbeit sind kirchenmusikalische Werke. Nun leben wir in einer Zeit der immer größer werdenden Kirchenferne. Da könnte man provokant die Sinnfrage stellen.

Wir machen die Erfahrung, dass die Motetten, Konzerte und Gottesdienste gut besucht sind und dass das Interesse an uns und an den von uns gesungenen Werken groß ist. Wir widmen uns dieser Aufgabe mit großer Selbstverständlichkeit, was wahrscheinlich auch vom Publikum so empfunden wird. Ich empfinde es als großes Glück, unsere Wurzeln immer neu pflegen zu können und den Sängern und Zuhörern die geistliche Aussage als aktuelle Botschaft nahezubringen. Auch wenn manche Texte in unserer Sprache nicht mehr so geläufig sind, so haben sie doch ein großes inhaltliches Potenzial, das Denkanstöße gibt und zum neuerlichen Hören ermuntert. Das ist ja eine der Aufgaben evangelischer oder auch ökumenischer Kirchenmusik. Wir machen keine Museumsmusik.

Wie halten Sie es bei den Thomanern mit den Ideen und Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis?

Das ist ein Spagat, den ich zu vollführen habe. Es gibt hier die wunderbare Tradition der Zusammenarbeit mit Gewandhaus-Musikern, die auf modernen Instrumenten spielen. Mein Wunsch ist es aber, auch dort eine Formation zu haben, die auf historischen Instrumenten spielt. Auf lange Sicht sollte sich Leipzig diesen Praktiken nicht verschließen, denn das hat auch bedeutende Auswirkungen auf Leipzig als Bachstadt. Ich arbeite mit Barockorchestern zusammen, auch bei unserem Konzert in Stuttgart. Entscheidend ist aber, dass man dem Geist der Komposition gerecht wird. Wichtig ist dafür die rhetorische Prägnanz, um die melodischen und harmonischen Feinheiten herauszuarbeiten, damit der Hörer wie bei einem Mosaik ein Gesamtbild erhält.

Zu Bachs Zeiten war der Chor deutlich kleiner als die heutigen Thomaner. Ist das ein Widerspruch zur Tradition?

Natürlich ist das ein gewisser Widerspruch. Unser Chor ist aktuell auf 92 Mitglieder gewachsen, von denen aber nicht immer alle singen. Auf der anderen Seite waren die 16 Mitglieder auch zu Bachs Zeiten nicht sein Ideal. Er wollte vom Rat der Stadt immer mindestens die doppelte Anzahl, damit er seine Klangvorstellungen realisieren konnte.

Wie würden Sie den Leipziger Bach-Klang beschreiben?

Als intonatorische Sicherheit, gepaart mit einem gesunden körperlichen Empfinden. Es ist vielmehr der Charakter des jeweiligen Stücks, der das individuelle Chor-Timbre vorgibt. Das Gespräch führte Markus Dippold

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Veröffentlicht am:
08. 09. 2018
00:00 Uhr

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08. 09. 2018
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