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Fichtelgebirge

Zwischen Freude und dem Hungern

Anton Röll ist während des Zweiten Weltkrieges in französische Gefangenschaft geraten. Erst 1948 kehrte er zurück, es veschlug ihn nach Bayern. Seine Nichte Margit Hofmann lebt in Thiersheim. Sie hat die Aufzeichnungen ihres Onkels über das Weihnachtsfest 1944 aufbewahrt. Er hat sie 2004 aufgeschrieben.



Es war vor sechzig Jahren.

Es ist Herbst 1944, seit September schon dauerte die Kriegsgefangenschaft im französischen Burgund. Das Lagerleben im Fort Heuteville bei Dijon war nicht besonders angenehm. Vor allem das Essen war sehr karg und der Hunger groß. Früh gab es so etwas wie Kaffee, mittags eine Gemüsesuppe, in der Blechbüchse geholt. Abends ein halbes Pfund Brot.

Da sehnte man sich nach draußen, möglichst auf eine Arbeitsstelle bei einem Bauern. Tatsächlich wurden immer wieder Kommandos zusammengestellt, die in ein Dorf zu einem Bauern kamen. Es war eine Glückssache, da waren auch die Stellen nicht gleich, da gab es auch gute und schlechte Plätze.

Eines Tages hatte ich Glück, es war um den 11. Dezember 1944, da wurde ein Kommando von acht Mann zusammengestellt und ein Zivilist, das war der Flurwächter und Gemeindediener aus dem kleinen Dorf Champagne, nahm uns in Empfang und brachte uns in das Dorf. Dort angekommen, wurden wir verteilt.

Ich kam auf einen Hof, so ähnlich wie es bei uns daheim war. Zwei Pferde und um die 15 Rinder waren im Stall, dazu eine größere Schafherde. Ich wurde in einem alten Nebengebäude im ersten Stock untergebracht, es gab kein elektrisches Licht und kein Wasser in der Stube, aber ein Bett. Unten in dem alten Gebäude hausten zwei alte Schäfer. So musste ich mich an das neue Leben gewöhnen.

Es begann mit der üblichen täglichen Stallarbeit und eine Verbindung zu den Bauersleuten begann. Von Anfang an konnte ich mit ihnen zu Mittag und zu Abend am gemeinsamen Tisch das Essen einnehmen. Das war schon ein großer Vorteil, den ich nicht erwartet hatte. Vor allem war der Hunger weg. Von Deutschland her wusste man, dass die Kriegsgefangenen nicht gemeinsam am Tisch essen sollten. Das wurde verschieden gehandhabt.

Nun, so musste ich mich in der fremden Umgebung einleben, wenn dabei auch nicht besonders viel Unterhaltung zustande kam. Immerhin konnte ich etwas Französisch, was doch ein kleiner Vorteil war. Außer der täglichen Hofarbeit war die Hauptbeschäftigung, einen Schafstall auszumisten. Da half auch der eine alte Schäfer mit, während der andere auswärts die Schafe hütete. Der Schafstall muss schon jahrelang nicht mehr ausgemistet gewesen sein, denn der Mist war fast einen halben Meter hoch und musste mit einen Kreil gelockert werden, um ihn auf den bereitstehenden zweirädrigen Wagen, „Tombereau“ genannt, aufzuladen.

Einige Tage waren vergangen, es ging auf Weihnachten zu und es wurde bekannt, dass die deutschen Truppen im Norden Frankreichs eine Offensive eingeleitet haben, die so genannte Ardennenoffensive. Auch ich konnte einiges aus Gesprächen davon hören. Auch beim Mittagsessen spitzte ich auf die am Tisch liegende Zeitung „Le Bien Republic“ und da konnte ich etwas von dieser Offensive erfahren. Auch die im Blatt eingezeichneten Pfeile über den Vormarsch der deutschen Truppen gaben mir ein kleines Bild über die Lage.

Bein Ausmisten des Schafstalles hörte man von der nahe liegenden Nationalstraße die ununterbrochenen Motorengeräusche von Militärfahrzeugen. Ich war schon etwas unruhig über diese plötzliche Lage und der alte Schäfer, der mit mir arbeitete, meinte: „Du wirst deine Kameraden bald wieder sehen.“

„Non, non“, sagte ich, daran glaube ich nicht, trotz der in der Zeitung eingezeichneten Vormarschpfeile. Hatte ich doch genug von dem Dilemma des langen Rückzugsweges – von der spanischen Grenze bei Bayonne-Biaritz bis in die Gegend von Dijon. Durch diese Erlebnisse bis zur Gefangennahme war für mich der Krieg verloren, obwohl er dann noch vier Monate dauerte!

Nun die Offensive ging weiter, aber inzwischen war der Vormarsch gestoppt, wie man aus den Überschriften der Zeitung entnehmen konnte. Während dieser Aufregungen kam die Weihnachtszeit näher und der Heilige Abend 1944 war da. Da dachte man schon etwas über die vergangenen Weihnachten nach, wie es daheim war und auch die fünf erlebten Weihnachten der Soldatenzeit gestaltet waren. Immer war es etwas Feierliches gewesen! Aber jetzt? Von dem diesjährigen Heiligen Abend versprach ich mir wenig Freude. Eher wie es früher war!

Aber da gab es doch eine kleine Überraschung.

Es wurde mir gesagt, ich solle am Abend in die alte Stube der beiden Schäfer kommen. Und welche Überraschung war es, als die Bäuerin in die Stube kam und eine Flasche Rotwein brachte. Ich unterhielt mich mit diesen beiden alten Schäfern auf Französisch, soweit meine Kenntnisse eben reichten. Dabei kamen mir die Gedanken, was werden diese alten Männer für Vergangenheit haben, weil sie hier in dieser dunklen Stube ihr altes Leben verbringen müssen. Sie waren ja fast so arm wie ich als Kriegsgefangener im Alter von 26 Jahren.

Ja, diese Feier des Heiligen Abend war bald vorbei und ich begab mich wieder in die kleine finstere Stube. Am nächsten Tag ging mein Leben so unter fremden Leuten weiter. Aber die deutsche Ardennenoffensive hatte doch für viel Aufregung gesorgt, obwohl ich selbst nicht an diesen deutschen Erfolg geglaubt hatte.

Die Weihnachtsfeiertage waren vorbei und mein tägliches Leben ging so weiter. Ich war ja auch mit meinem Leben auf diesem Hof zufrieden. Zumindest hatte ich keinen Hunger. Meine Lage änderte sich plötzlich am Silvestertag 1944. Der Patron überbrachte mir die Nachricht, dass er mich heute noch im Lager Dijon abliefern müsste. Davon war noch ein Kamerad aus dem Dorf betroffen. So führte uns der Bauer entlang von Haufen von Zuckerrüben zur nächsten Bahnstation und weiter ins Lager.

Für mich ein schlimmes Jahresende. Im Lager angekommen, begann das Jahr 1945 und damit das Hungern.

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20. 12. 2017
16:16 Uhr

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16:16 Uhr



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