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Fichtelgebirge

Die Unregelmäßigkeit der Liebe

Lauter Tänze in den Frühling: 300 Zuhörer überschütten die Hofer Symphoniker und ihren Dirigenten Johannes Klumpp in Wunsiedel mit Bravos und Applaus.



Ein Dirigent, der die kräftigeren Register der Dynamik bevorzugt: Johannes Klumpp vor den Hofer Symphonikern in der Fichtelgebirgshalle. Foto: Florian Miedl
Ein Dirigent, der die kräftigeren Register der Dynamik bevorzugt: Johannes Klumpp vor den Hofer Symphonikern in der Fichtelgebirgshalle. Foto: Florian Miedl  

Wunsiedel - Ein Streber lässt sich von einem zwielichtigen Führer aus der Studierstube hinaus ins richtige Leben locken, ins wilde. Beim Schwof in einer ländlichen Kneipe bringen die "schwarzen Augen" einer "Dirne" das Blut des Nerds namens Faust in Wallung: "Um diesen Leib, den üppig schlanken, / Möcht’ ich entzückt herum mich ranken." Also greift Mephisto, sein diabolischer Begleiter, persönlich zur Fiedel. So teuflisch spielt er damit auf, dass unter "Männergejauchze und Jungferngewimmer" die kollektive Brunst zügig ihre Gipfel erklimmt. Draußen schlägt sich derweil Faust mit seiner "Brünetten" in die Büsche, wo auch ihm "der Wollust rasche Sturmesglocken" gehörig in den Ohren klingen.

Ganz schön deftig, für ein Gedicht aus den 1830er-Jahren. Die robust-romantischen Verse aus Nikolaus Lenaus "Faust"-Epos wählte knapp dreißig Jahre nach ihrer Entstehung Franz Liszt als Stoff für eine Tondichtung, die sich auch am Sonntag in Wunsiedel als eine seiner packendsten und gelungensten erwies: Mit der aufreizenden Heftigkeit des (ersten) "Mephisto-Walzers" schildern die Hofer Symphoniker in der Fichtelgebirgshalle in Wunsiedel, wie der Leibhaftige zunächst seine Teufelsgeige stimmt; dann treibt Dirigent Johannes Klumpp die Musiker zum immer impulsiveren "Tanz in der Dorfschenke" (so der Originaltitel) an.

Ein wirbelnder, stampfender, fast besessener Rausch; friedlicher, lieblicher lässt Klumpp das Waldesrauschen unter Bäumen säuseln, die Sternennacht schimmern - die er freilich als Liebesnacht vollendet, als eine sich aufbäumende Variante der allgemeinen Zügellosigkeit.

Ein tolles Stück. Und eines der kraftvollsten an diesem Abend, der ohnehin mit Pep und Turbulenz nicht geizt. Traditionsgemäß haben die Musiker zum "Frühlingskonzert" geladen, das diesmal aus lauter Tänzen besteht, und 300 Besucher verwöhnen sie und ihren leutselig moderierenden Dirigenten mit mächtigem, am Ende tosendem Applaus. Im Großen Haus der Halle nimmt das Orchester in verkleinerter Besetzung Platz, ohne darum seine Tatkraft zu drosseln.

Beschwingt führt Klumpp es vornehmlich durch die kräftigen Register der Dynamik. Hier und da hätten leisere, auch leichtere Töne die Delikatesse wohl noch erhöht, so beim Walzer aus Peter Tschaikowskys sechster Symphonie.

Doch auch so glückt er, regelwidrig im Fünfviertel- statt im Dreivierteltakt stehend, als einnehmendes Bekenntnis zur Unregelmäßigkeit der Liebe. Mit der, als zwischenmenschlicher Berührung und rhythmischer Bewegung, hat der Tanz im Grunde immer zu tun. Kreatürlich spielt sie in den "Tänzen aus Galanta" des ungarischen Komponisten Zoltán Kodály mit, als Passion in einer innigen Weise des Soloklarinettisten wie überhaupt in der genüsslichen Schwermut und sich sammelnden Lebenslust des Ensembles. Auch zu pathetischer Leidenschaft, endlich zum strudelnden Kehraus schäumt der Zusammenklang auf. Gemessen an solcher Ursprünglichkeit, schaut das gewollt rassige Ungarn in vier einschlägigen Tänzen von Johannes Brahms wie auf einer Postkarte aus.

An den Symphonikern liegt’s nicht und nicht am Dirigenten. Vom aufmunternd agilen Gesicht über die unmissverständlichen Handgebärden bis zu den wie marschierenden Füßen überträgt sich Klumpps Bewegungsdrang auf seinen ganzen Körper, allzu neckisch hier und da. So viel Initiative lohnt sich an anderer Stelle: Trefflich entfaltet und entfesselt er die Lyrik und Dramatik, die zärtliche Gemütsruhe und zunehmend begehrliche Schubkraft der "Polowetzer Tänze"; noch in ihren gellenden Wirbeln, im dröhnenden Rausch weiß Klumpp einen Sehnsuchtskern mitklingen zu lassen, der sich mit dem Frohmut und Leichtsinn in Alexander Borodins populärster Musik harmonisch vermischt.

Beides, Lust und Lustigkeit, verquirlen die Symphoniker anders, aber ähnlich im "Tango Jalousie". Für Kinofilme wurde Jacob Gades Stück vielfach benutzt; ebenso indes könnte es einen Ratschlag illustrieren, den Johann Wolfgang von Goethe in Sachen jalousie, Eifersucht, erteilte: Den Liebenden empfahl der berühmteste aller "Faust"-Autoren, sich mit der "Frucht des Baumes" zu begnügen und mit "gutem Humor anderen die abfallenden Blätter zu überlassen".

—————

Die Hofer Symphoniker in Selb:

Donnerstag, 23. Mai, Rosenthal-Theater, Beginn: 19.30 Uhr, "Bauhaus im

Konzert".

Autor
Michael Thumser

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Veröffentlicht am:
29. 04. 2019
21:12 Uhr

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Michael Thumser

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29. 04. 2019
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