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Flucht in geklautem Auto endet auf einer Wiese

Das Landgericht verurteilt einen Drogensüchtigen aus dem Kreis Wunsiedel zu fast vier Jahren Haft. Durch eine Vielzahl von Taten wollte er Geld zum Rauschgiftkauf beschaffen.



Justitia gibt einem 36-jährigen Drogensüchtigen aus dem Kreis Wunsiedel eine letzte Chance. Symbolbild: dpa
Justitia gibt einem 36-jährigen Drogensüchtigen aus dem Kreis Wunsiedel eine letzte Chance. Symbolbild: dpa  

Hof/Marktredwitz - Drogensucht ist teuer. Besonders, wenn man auf der untersten Stufe der Abhängigkeit angelangt ist und an der Heroin-Nadel hängt. Das hat auch Ingolf K. (Name geändert) erfahren. Immer wieder musste der heute 36-Jährige aus dem östlichen Landkreis Wunsiedel das Gesetz brechen, um an Geld für "Stoff" zu kommen. Eine ganze Serie von Straftaten im Sommer vergangenen Jahres hat dem bereits neunmal vorbestraften K. jetzt eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten eingebracht.

Nur eine Woche nachdem ihn das Amtsgericht Wunsiedel Anfang Juli 2018 wegen zweifacher vorsätzlicher Körperverletzung zu einer achtmonatigen, allerdings auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzten Haftstrafe verurteilt hatte, wurde Ingolf K. aus Geldnot wieder kriminell. Dem Onkel seiner Frau stahl er, wie er jetzt vor dem Hofer Landgericht freimütig einräumte, die EC-Karte. Die PIN dazu fand er auf einem Zettel im Wohnzimmerschrank des Onkels. "Ich war drogenabhängig und brauchte Geld. Da war die Verlockung groß", sagt K. jetzt vor Gericht. Siebenmal hob er in den folgenden zwei Wochen dreistellige Geldbeträge von dem Konto ab, insgesamt 3220 Euro. Dann bemerkte der Onkel den Verlust der Karte und ließ sie sperren.

Unter anderem von diesem Geld kaufte sich der Mann aus dem Kreis Wunsiedel zwischen Mai und September 2018 im Nürnberger Bahnhofsviertel immer wieder Heroin, um Rauschgift für die durch die Sucht rund dreimal täglich notwendigen intravenösen "Schüsse" zu haben. 52 solcher Käufe hat ihm die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage vorgeworfen, 17 werden schließlich für die Verurteilung herangezogen. Zugute hält das Gericht dem Angeklagten, dass er durch seine detaillierten Aussagen die Strafverfolgung seiner Dealer unterstützt hat.

Zum Höhepunkt der kriminellen Karriere von Ingolf K. wurde der 27. September 2018. In den frühen Morgenstunden war er in Marktredwitz unterwegs. Zuvor hatte er seine Frau im Krankenhaus in Amberg besucht. Dort lag diese, weil sie sich wegen der Drogensucht ihres Mannes in Selbsttötungsabsicht von einer Brücke auf die A 93 gestürzt hatte. Sie überlebte den Suizidversuch schwer verletzt.

Im Zug Richtung Heimat hatte sich K. einen "Schuss" gesetzt. Jetzt irrte er ziellos durch die Stadt. In der Lorenzreuther Brückenstraße drückte er eine Haustürklinke herunter. "Ich kann mir nicht erklären, warum mich gerade dieses Haus angezogen hat", sagt er. "Nüchtern würde ich so etwas nie machen."

Tatsächlich war diese Haustür nicht abgesperrt. K. trat ein, landete in der Küche und nahm den dort liegenden Autoschlüssel an sich. Zuvor hatte er eine Türe im Inneren des Hauses zugesperrt.

Für Staatsanwalt H. Filipov ist klar: K. wollte die im Zimmer hinter der Türe schlafenden Hausbewohner, ein älteres Ehepaar, daran hindern, Widerstand gegen den Autodiebstahl zu leisten. Für den Ankläger erfüllt das den Tatbestand des Raubes.

Die Strafkammer unter Vorsitz des Landgerichtsvizepräsidenten Carsten Sellnow folgt dieser Einschätzung nicht: "Es ist nicht nachzuweisen, dass dem Angeklagten bewusst war, dass sich hinter dieser Tür Menschen befanden." Keinen Zweifel hat die Kammer allerdings daran, dass Ingolf K. in das Haus ging, "um etwas mitzunehmen".

Die Beute war ein Toyota Yaris, mit dem K. nach Hause fuhr, obwohl er seinen Führerschein wegen der Drogenabhängigkeit schon 2003 hatte abgeben müssen.

Der Bestohlene, ein achtzigjähriger Rentner, bemerkte am nächsten Morgen zunächst verblüfft, dass er seine Schlafzimmertür nicht mehr öffnen konnte. Aus dem Fenster stieg er aufs Garagendach, um dort auf sich aufmerksam zu machen. Der Handwerker, den er für diesen Morgen bestellt hatte, und sein gleichzeitig eintreffender Enkel retteten den Mann und seine Ehefrau aus der misslichen Lage. Erst zwei Stunden später, erinnert sich der Geschädigte jetzt als Zeuge vor Gericht, habe er bemerkt, dass sein Auto nicht mehr in der Garage stand. "Der hatte sogar das Tor wieder schön zugemacht", sagt der Rentner.

Ingolf K. war an diesem Morgen, wie er weiter gesteht, mit dem gestohlenen Yaris auf dem Weg nach Amberg zu seiner Frau. Im Thiersheimer Ortsteil Wampen allerdings stoppte der Angeklagte noch einmal am Reiterhof, weil er sich aus dem dortigen Getränkeautomaten etwas zu trinken holen wollte. Als er dort unbeaufsichtigt auf einer Bank eine Handtasche liegen sah, nahm er sie an sich. K. fand darin ein Smartphone sowie drei EC-Karten. Und einen Zettel mit den zugehörigen PIN-Nummern.

Innerhalb von zehn Minuten hob der Angeklagte, wie bei der Hauptverhandlung nachgewiesen wird, bei verschiedenen Thiersheimer Banken insgesamt 3405 Euro von den Konten der Besitzerin ab.

Auch das Handy hatte K. behalten, um es später zu Geld zu machen. Was er nicht wusste: Das Smartphone hatte eine Tracking-Funktion, die seinen jeweiligen Standort übermittelte. Mit dieser Hilfe stellten Polizeistreifen aus Marktredwitz und Wunsiedel den Angeklagten in der Ortsmitte von Pechbrunn. K.s Versuch, den Verfolgern mit überhöhter Geschwindigkeit zu entkommen, endete bereits nach wenigen hundert Metern auf einer Wiese neben der Straße nach Mitterteich. K. hatte den gestohlenen Yaris in einen Graben gesteuert und so stark beschädigt, dass er nicht weiter flüchten konnte. Widerstandslos ließ er sich jetzt festnehmen. Die unberechtigt abgehobenen 3405 Euro hatte er noch in seinem Rucksack.

Der forensische Psychiater Dr. Thomas Wenske bescheinigt dem Angeklagten in seinem Gutachten, er sei ein "erfahrener Drogenkonsument", ein "Heroin-Profi", der im Alltag ganz normal und für andere völlig unauffällig agieren könne. Wegen seiner langjährigen Gewöhnung an die Droge sei er kognitiv nicht beeinträchtigt gewesen und habe seine Steuerungsfähigkeit nie eingebüßt.

K.s Abhängigkeit habe allerdings sein Leben immer wieder negativ beeinflusst. Er habe seine Lehre abbrechen müssen, später seine eigene Firma verloren, seinen Führerschein abgeben müssen. Weil er jeden Monat rund 3000 Euro für Heroin habe beschaffen müssen, sei er kriminell geworden. Und beinahe habe er wegen der Sucht auch seine Frau verloren: "Den Sprung von der Brücke hat er verursacht."

Vorsitzender Richter Sellnow folgt Dr. Wenskes Empfehlung: Ingolf K.s Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten wird mit einer 18-monatigen Einweisung in eine Entziehungsanstalt beginnen. Der Angeklagte sagt selbst: "Ich muss therapeutisch etwas machen. Und das will ich auch. Der Scherbenhaufen ist sehr groß." Richter Sellnow stimmt zu: "Es spricht vieles dafür, dass dies Ihre letzte Chance ist. Die sollten Sie nutzen."

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Rainer Maier
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Veröffentlicht am:
17. 05. 2019
17:28 Uhr

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17. 05. 2019
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