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Fichtelgebirge

Schüler suchen Dialog mit Flüchtlingen

In Wunsiedel startet das Projekt "Verschieden und doch gleich": Zwei junge Männer berichten über ihre Flucht nach Europa. Die Siebtklässler haben viele Fragen.



Hier bekommen die Nachrichten ein Gesicht: An der Karte zeichnet Mahdi für die Wunsiedler Schüler seine Flucht aus Somalia nach. Foto: Gerd Pöhlmann
Hier bekommen die Nachrichten ein Gesicht: An der Karte zeichnet Mahdi für die Wunsiedler Schüler seine Flucht aus Somalia nach. Foto: Gerd Pöhlmann  

Wunsiedel - Manchmal ist es mucksmäuschenstill im Gruppenraum der Jean-Paul-Mittelschule Wunsiedel. Dann nämlich, wenn Mahdi und Abdulahi von ihrer Flucht erzählen: von der Fahrt im mit Menschen vollgepferchten Lkw und von der wackeligen Schlauchbootpassage. Wenn die beiden 21 Jahre jungen Männer von denen berichten, die in der Wüste verdurstet oder im Mittelmeer ertrunken sind. Manchmal geht es ein bisschen lauter zu, denn die Siebtklässler haben viele Fragen. So oder so. Mahdi und Abdulahi geben den vielen Geschichten aus den Nachrichten ein Gesicht. "Und hinter jeder Geschichte steht ein Schicksal", sagt Schulrat German Gleißner. "Das berührt und hat Wirkung."

Kontakt

Schulen, die Interesse am Projekt "Verschieden und doch anders" haben, können sich bei Bianca Richter, bianca.richter@landkreis-wunsiedel.de, oder Ina Adler, i.adler@caritas-hof.de, melden.

 

Die Wunsiedler Mittelschule ist die erste Station eines interkulturellen Dialogs im Landkreis Wunsiedel. Das Konzept hat Bianca Richter, Bildungskoordinatorin für Neuzugewanderte, aus dem Landkreis Hof geholt. Dort sind Bärbel Uschold von der Diakonie Hochfranken und Ina Adler vom Caritasverband seit drei Jahren mit jungen Geflüchteten an Schulen unterwegs. "Es gibt so viele Vorurteile", sagt Ina Adler. Das sei bei den Gastarbeitern so gewesen, bei den Spätaussiedlern und jetzt eben bei den Flüchtlingen. "Aber an Stammtischen habe ich keine Chance, irgendetwas klarzustellen", macht sie deutlich. Deswegen der Weg an die Schulen.

 

Mehr als 40 Klassen, von der vierten Jahrgangsstufe bis zur Fachhochschule, haben die beiden Frauen mit ihrem Projekt "Verschieden und doch gleich" bereits besucht. Dabei seien sie immer auf offene Ohren gestoßen, erzählen die beiden Initiatorinnen. Das Konzept ist einfach: Junge Geflüchtete berichten von ihren Erfahrungen und stellen sich den Fragen der Schüler. Der unkomplizierte Austausch hilft, Vorurteile abzubauen. "Wir tragen aber auch große Verantwortung dafür, wen wir mitnehmen", sagt Bärbel Uschold. "Re-Traumatisierungen sind immer möglich." Nicht jeder kommt mit seine Erinnerungen an die Flucht klar. Mahdi und Abdulahi, beide sind seit 2015 in Deutschland, haben keine Probleme damit, offen vor der 7aG der Mittelschule Wunsiedel zu berichten.

Mahdi, der in einem kleinen Dorf in Somalia geboren wurde, kam mit 16 Jahren zum ersten Mal ins Gefängnis. "Weil ich nicht zum Militär wollte." Als er nach drei Monaten entlassen wurde, sagte ihm seine Mutter, dass er fliehen solle. "Ich hatte weniger als eine Stunde Zeit, um das Dorf zu verlassen", erinnert sich Mahdi. Aus denselben Gründen verließ Abdulahi seine Heimat Eritrea. "Ich wollte gerne in der Schule bleiben, aber ich musste zum Militär", sagt er.

Was packt man wohl in die Tasche, wenn man von jetzt auf gleich seine Wohnung verlassen muss? Essen, trinken, Geld, Ausweis, Handy und Kleidung: Die Wunsiedler Schüler notieren, was ihnen wichtig erscheint - und liegen damit gar nicht so verkehrt. Doch einen Pass besaßen weder Mahdi noch Abdulahi. "Meine ersten Papiere habe ich in Deutschland bekommen", erklärt Mahdi. Während er sich illegal nach Kenia durchschlug, um von dort zu seinem Onkel im Sudan zu kommen, führte Abdulahis Weg in zwei Monaten durch den Sudan nach Libyen. "Meine Familie hat das Geld für mich zusammengelegt", erklärt er auf Nachfrage der Schüler. Auch Mahdi blieb nicht lange im Sudan. Sein Onkel gab ihm das Geld für die weitere Flucht. "Die Schleuser sagen, es sei alles ganz einfach", sagt der 21-Jährige. Tatsächlich, so erinnert er sich, habe die siebentägige Reise per Lkw durch die Sahara einige Menschenleben gekostet. Schließlich erreichte auch Mahdi Libyen. Dort arbeitete er fast ein Jahr, um das Geld für die weitere Reise zusammenzubekommen. Das Ziel für beide hieß Europa. Mahdi überquert das Mittelmeer im Schlauchboot, Abdulahi in einem "großen, aber alten Schiff", das nach zwölf Stunden von einem deutschen Seenotretter aufgegriffen wurde. Von Italien aus gelangten beide nach Deutschland, wo sie jetzt in Hof leben. Mahdi macht eine Ausbildung zum Krankenpfegehelfer.

Die Schüler sind gut vorbereitet, erkundigen sich nach dem Dublin-Abkommen, nach Einzelheiten zur Flucht und nach dem, was am meisten fehlt: die Familie. "Da geht es oft ans Eingemachte", sagt Bärbel Uschold. Zu hören, dass nur das Internet den Kontakt zu den Lieben aufrecht hält, wenn sie nicht wie in Mahdis Fall bereits bei Angriffen ums Leben kamen, berührt die Schüler sichtlich.

"Wir wollen zeigen, was an den Stammtischparolen wirklich dran ist", erklärt Bianca Richter.

Autor
Gerd Pöhlmann

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Veröffentlicht am:
21. 05. 2019
17:28 Uhr

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Autor
Gerd Pöhlmann

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Veröffentlicht am:
21. 05. 2019
17:28 Uhr



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