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Fichtelgebirge

Medikamente im Lieferstau

Das Problem ist nicht neu, aber immer wieder akut: Wichtige Medikamente sind nicht lieferbar. Auch Ärzte und Apotheken der Region sind betroffen. Und deren Patienten.



Auch Klinikapothekerin Angela Steinbrecher spürt die Lieferengpässe und muss ihre Bestände genau im Blick haben. Foto: Klinikum Fichtelgebirge
Auch Klinikapothekerin Angela Steinbrecher spürt die Lieferengpässe und muss ihre Bestände genau im Blick haben. Foto: Klinikum Fichtelgebirge  

Wunsiedel - Immer wieder müssen Apotheker der Region die Patienten bedauernd vertrösten: Bestimmte Arzneimittel sind nicht lieferbar. Oft stehen auch Alternativmedikamente nicht zur Verfügung. Oder sind teurer. Dann muss der Apotheker erst mit dem Arzt klären, ob er das vergleichbare Mittel mit dem gleichen Wirkstoff überhaupt ausgeben darf.

"Wir haben in unserer Apotheke mittlerweile eine Liste mit rund 200 Medikamenten, die sich im Lieferrückstand befinden", sagt Martin Gebhardt, Inhaber der Strauss-Apotheke in Schönwald und Sprecher der oberfränkischen Apotheker. "Wir sind jedes Mal in Erklärungsnot gegenüber dem Patienten."

Damit ist er zwar in guter Gesellschaft - laut einer Erhebung der ABDA, der Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände, gehören für über 90 Prozent der selbstständigen Apotheker inzwischen Lieferengpässe zu den größten Ärgernissen im Berufsalltag.

Alle Glieder der Kette im Gesundheitsmanagement stünden unter immensem Kostendruck, bedauert der Pharmazeut. Die Gesundheitspolitik und die Globalisierung wirkten sich bis zu seiner Apotheke in Schönwald aus. Für manche Wirkstoffe wie das Schmerzmittel Ibuprofen oder den Blutdrucksenker Valsatan gebe es nurmehr wenige Hersteller, die meist in Fernost säßen. Fiele einer davon aus, bräche schnell ein Drittel des Weltmarktbedarfs weg. Die Folgen schwappten auch nach Europa. Es komme auch vor, dass die Produkte der chinesischen oder indischen Pharmafabriken den europäischen Qualitätsstandards nicht entsprächen, weiß Gebhardt. Auch das könne zu Lieferverzögerungen führen, etwa wenn zu den langen Transportwegen auch noch zeitintensive Prüfverfahren mit Reklamationen und erneuten Tests kämen.

Wenn es nach den Apothekern ginge, sollten wichtige Arzneimittelwirkstoffe wieder in Europa hergestellt werden. Der Apothekerverband ABDA fordert zudem, dass die Krankenkassen Rabattverträge mit mehreren Herstellern abschließen. Damit in der Apotheke vor Ort leichter ein Medikament durch ein anderes ausgetauscht werden kann. Auch wollen die Apotheken vor Ort besser informiert werden, sollte ein Medikament gerade nicht zur Verfügung stehen. "So könnte man sich schneller um Alternativen bemühen, sagt Gebhardt. Dies sei im Interesse der Patienten.

Die Problematik der Lieferengpässe bei Arzneimitteln bestätigt auch Andreas Reul, Facharzt für Allgemeinmedizin in Kirchenlamitz: "Das betrifft uns täglich!" Er glaubt sogar, Hausärzte besonders stark, denn: "Wir betreuen viele ältere Patienten oder solche, die aus Krankenhäusern entlassen werden. Wenn sich da allein die Farbe der Tablette oder die Schachtel ändert, ist das für diese verwirrend, denn sie wollen ihr gewohntes Medikament haben. Und wenn man ein Arzneimittel zwar mit dem gleichen Wirkstoff, aber von einem anderen Hersteller, verschreiben muss, kann es zu Unverträglichkeiten kommen, da jeder Produzent andere Substanzen verwendet."

Ist ein Medikament mit dem gewünschten Wirkstoff nicht verfügbar, muss der Arzt auf andere ausweichen. Das sei völlig unabhängig davon, ob es sich um einen privat oder gesetzlich versicherten Patienten handele, sagt Reul. Besonders häufig sei dies in seiner Praxis bei Blutdruckmedikamenten der Fall.

Der Allgemeinmediziner führt die Problematik - ebenso wie Apothekersprecher Gebhardt - auf die Verlagerung der Wirkstoffproduktion aus Kostengründen in Niedriglohnländer in Fernost. "Deren Zulassungskriterien sind einfach nicht so streng wie die europäischen. Dann werden die Substanzen zwar geliefert, dürfen aber bei uns nicht weiterverwendet werden. Somit fehlt der Wirkstoff auf dem Markt". Davon sei nicht nur Deutschland betroffen, es handele sich um ein gesamteuropäisches Problem.

Eine weitere Ursache der Arzneimittelknappheit ist auch nach Reuls Ansicht in den Rabattverträgen der Krankenkassen mit den Herstellern begründet. Darin werden Sonderkonditionen für bestimmte Medikamente herausgehandelt. Der Arzt darf nur das jeweils günstigste verschreiben. Und das ist eben häufig nicht lieferbar. Zusammen mit dem Apotheker sucht man dann nach Alternativen. "Wir rufen oft zehnmal am Tag in der Apotheke an deswegen", ärgert sich Reul.

Auch die Apothekerin im Klinikum Fichtelgebirge, Angela Steinbrecher, kann ihre Strophe zu dem Lied singen: "Diese Lieferengpässe spüren wir ständig!", sagt die Pharmazeutin, die Patienten und Ärzte beider Häuser des Landkreis-Krankenhauses von Marktredwitz aus versorgt. "Die Lage ist angespannt bis kritisch, und das bereits seit Jahren!" Bei Klinikapotheken sei die Medikamentenbeschaffung anders organisiert als bei den Apotheken in der Fläche, erklärt Steinbrecher: Den überwiegenden Teil des Bedarfs beziehe man direkt vom Hersteller. "Die Rabattverträge mit den Kassen tangieren uns nicht, wir sind da freier", sagt die Klinik-Apothekerin. Und ergänzt: "Mir tun die Kollegen draußen fast schon ein bisschen leid." Aber auch in ihrem Bereich sei der Zeitaufwand "unvorstellbar". Man müsse eigens einen Mitarbeiter abstellen, der sich um Lieferengpässe kümmere. Und wenn der dann das passende oder ein vergleichbares Medikament endlich aufgetrieben habe, sei dies meist teurer, denn man müsse es bei einem Händler beziehen, der seine Marge aufschlage, anstatt beim Hersteller direkt.

Bislang habe man im Klinikum Fichtelgebirge durch geschicktes Management Patientengefährdung vermeiden können, sagt Steingräber. Schlimmstenfalls müsse ein geplanter Operationstermin verschoben werden, wenn eine erforderliche Infusion nicht lieferbar sei. Für Notfälle greife man zum Hörer und bitte um kollegiale Unterstützung in einem benachbarten Krankenhaus.

Autor

Katrin Lyda
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
02. 12. 2019
18:35 Uhr

Aktualisiert am:
02. 12. 2019
18:35 Uhr

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Katrin Lyda

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Veröffentlicht am:
02. 12. 2019
18:35 Uhr

Aktualisiert am:
02. 12. 2019
18:35 Uhr



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