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Das Lächeln in der Not

Chirurg Dr. Bara Haddad aus Tauperlitz war für eine Hilfsorganisation sechs Wochen lang in den Slums von Nairobi. Der Nailaer Klinikarzt hat dabei Leben gerettet.



Die kleine Brigitte war völlig apathisch und dem Tod näher als dem Leben, als sie mit ihrer Mutter zum ersten Mal in die Sprechstunde von Dr. Bara Haddad im Health Center in den Slums von Nairobi kam. Verabschiedet hat sie den Tauperlitzer Arzt mit einem Lächeln.
Die kleine Brigitte war völlig apathisch und dem Tod näher als dem Leben, als sie mit ihrer Mutter zum ersten Mal in die Sprechstunde von Dr. Bara Haddad im Health Center in den Slums von Nairobi kam. Verabschiedet hat sie den Tauperlitzer Arzt mit einem Lächeln.  

Tauperlitz/Naila - Sechs Wochen lang hat Dr. Bara Haddad für die Hilfsorganisation German Doctors in den Slums der kenianischen Hauptstadt Nairobi unentgeltlich gearbeitet, im Baraka Health Center (wir berichteten). Jetzt ist der Tauperlitzer Chirurg, der an den Kliniken Hochfranken in Naila arbeitet, wieder zurück. Ab und an vermisst er das Leben und Wirken in Kenia. Nachhaltig beeindruckt haben ihn die Dankbarkeit der Patienten und die Freundlichkeit der Mitarbeiter.

German Doctors

German Doctors e.V. ist eine internationale Nichtregierungsorganisation (NGO), die Ärzte zu Projekten auf den Philippinen, in Indien, Bangladesch, Kenia und Sierra Leone entsendet. Die teilnehmenden Ärzte arbeiten unentgeltlich. Dringend benötigte Medikamente, Ernährungsprogramme für Kinder sowie die Ausbildung medizinischer Fachkräfte vor Ort werden über Spenden finanziert.

 

Wer den Einsatz von Dr. Bara Haddad unterstützen möchte, kann spenden an: German Doctors, DE26 5502 0500 4000 8000 20; BIC BFSWDE33MNZ; Nairobi

 

Im Baraka Health Center herrscht Tag für Tag Hochbetrieb. Mehr als 300 Patienten werden dort täglich behandelt, das sind pro Arzt 60 bis 70 am Tag. Viele Patienten haben ansteckende Krankheiten wie Aids oder Tuberkulose, doch für sie gibt es in dem Health Center kleine gesonderte Ambulanzen. Unfallopfer und stark unterernährte Kinder müssen versorgt werden, oft kommen Menschen, die unter Abszessen leiden. Bei all dem Stress haben die kenianischen Krankenschwestern immer ein Lächeln auf den Lippen und ein freundliches Wort für Kollegen und Patienten übrig. "Das ist ein Wunder", sagt Dr. Haddad. "Niemand ist dort schlecht gelaunt."

 

Stets arbeiten zwei Allgemeinärzte, ein Kinderarzt und ein Chirurg wie Dr. Haddad in dem Center, die über German Doctors einen freiwilligen sechswöchigen Hilfseinsatz leisten. Darüber hinaus gibt es eine Ärztin, die drei Jahre bleibt und das Center leitet, sowie einheimische Krankenschwestern. Die Patienten haben in der Regel Hilfe dringend nötig, denn zum Arzt zu gehen bedeutet, während dieser Zeit nicht arbeiten zu können. "Und einen Tag lang nicht zu arbeiten, können sich die meisten Menschen dort überhaupt nicht leisten", weiß Bara Haddad. Er erinnert sich an einen Mann, der trotz eines massiven Schädelbruchs erst eine Woche nach seinem Unfall zum
Health Center kam - weil die Kopfschmerzen immer schlimmer wurden und die Wunde nicht heilte. "Die Menschen gehen erst zum Arzt, wenn sie überhaupt nicht mehr anders können. Offene Wunden werden meistens erst dann behandelt, wenn sie schon infiziert sind."

So manchen Patienten hätte der 36-Jährige gerne an ein größeres Krankenhaus überwiesen, weil er einen operativen Eingriff für nötig hielt - beispielsweise bei komplizierten Knochenbrüchen. Doch die medizinische Versorgung in staatlichen Krankenhäusern ist in Kenia für die Patienten nicht kostenlos. Wer sich die 200 Euro für die Operation eines solchen Bruches nicht leisten kann, muss mit einem schief zusammengewachsenen, schlecht geheilten Bruch weiterleben - mit all seinen Schmerzen und Einschränkungen. Auch kostenpflichtige Röntgenbilder zur Kontrolle von Verletzungen kann sich längst nicht jeder leisten.

"Es gab einige solche Fälle. Das gehört zu den Dingen, die mich beschäftigt und traurig gemacht haben", erzählt der Arzt. Anderen Patienten wiederum konnte er aus größter Not helfen. Ein 17-jähriger Junge wurde mit einer offenen Verletzung im Brustbereich nach einem Messerangriff zu Dr. Haddad gebracht. Auch die Lunge war verletzt, ein sogenannter offener Pneumothorax. "Ich dachte, wir würden den Jungen verlieren", erinnert sich Dr. Haddad. Im Schockraum kümmerte er sich, so gut das mit den begrenzten Mitteln vor Ort möglich war, um die Erstversorgung des Patienten und begleitete ihn im Krankenwagen. "Die Straßen sind schlecht und wir hatten es eilig. Der Patient wurde auf der Liege durchgeschüttelt und schrie vor Schmerzen." Damit es schneller geht, war der Krankenwagen in den vollen Straßen Nairobis zeitweise als Geisterfahrer unterwegs. "Ich dachte, wir sterben alle." Dass der verletzte Junge es doch geschafft hat und wieder gesund wird, erfüllt den Tauperlitzer mit großer Freude.

Auch die kleine Brigitte würde heute wohl nicht mehr leben, wäre sie nicht in Dr. Haddads erster Woche in Kenia ins Health Center gekommen. Das Mädchen, ungefähr eineinhalb Jahre alt, war völlig unterernährt, hatte Lähmungserscheinungen und Druckgeschwüre an den Beinen. "Sie war wirklich schwerstkrank, kurz vor dem Tod." Nach einer eingehenden Untersuchung wusste der Mediziner: Brigitte ist nicht nur stark unterernährt, sondern hat zusätzlich HIV und Tuberkulose. Er verschrieb ihr Medikamente, schickte Mutter und Kind zum Ernährungscenter von German Doctors und behandelte zwei Wochen lang fast täglich die Geschwüre. "Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, konnte Brigitte wieder lächeln und hat fröhlich gewunken." Bei dieser Erinnerung strahlt der Tauperlitzer Arzt selbst übers ganze Gesicht.

Die Menschen in Nairobi sind voller Dankbarkeit, wenn ihnen geholfen wird. Viele lachen, obwohl sie in den Slums unter schwierigsten Umständen leben. Das ist Haddad besonders bei den Hausbesuchen aufgefallen. Einmal pro Woche touren Sozialarbeiter mit einem der Ärzte des Centers durch die Slums, beispielsweise um zu überprüfen, ob die HIV-Patienten regelmäßig ihre Medikamente nehmen. "Da wird einem erst bewusst, wie gut es uns geht." Vier bis fünf Menschen hausen in den Wellblechhütten auf engstem Raum. "Es gibt eine kleine Bank zum sitzen, manchmal einen Tisch, dann kommt ein Vorhang, hinter dem das Bett steht. Und das war’s dann." Wer viel Glück hat, hat eine Glühlampe oder eine kleine Steckdose für Radio oder Handy. Toiletten gibt es in den Häusern nicht. Das führt dazu, dass besonders Frauen trotz der Hitze zu wenig trinken und in der Folge schwere Harnwegsinfektionen bekommen. Der Weg zur Toilette ist des nachts nicht nur beschwerlich, sondern auch gefährlich. Oft werden Frauen, die alleine unterwegs sind, vergewaltigt.

"Menschen, die bei uns mitten im Luxus unzufrieden sind, sollten sich einmal eine Woche lang anschauen, wie diese Menschen leben", meint Haddad. Er stammt selbst aus einem Krisengebiet und weiß, wovon er spricht. Seine ersten Dienstjahre hat der gebürtige Iraker während des Krieges in einem Krankenhaus in Bagdad abgeleistet. Er weiß: "Man kann nicht alle retten. Und manchmal ist die Welt einfach ungerecht." Umso mehr freut sich der Chirurg, dass er in Kenia von vielen Patienten mit einem dankbaren Lächeln entlohnt wurde.

Seine Frau steht hinter ihm, und die Unterstützung durch seine Chefs von den Kliniken Hochfranken in Naila war ebenfalls groß, "auch das war schön zu erleben." Der Hilfseinsatz wird deshalb mit Sicherheit nicht sein letzter bleiben. "Es war ein wunderschönes Erlebnis und ich werde gerne wieder gehen." Schlechte Nachrichten - wie die von einem Terroranschlag in Nairobi kurz vor seiner Abreise im Januar - können ihn nicht schrecken: "Ich kenne solche Situationen. Und das kann einem überall passieren."

Autor

Sandra Langer
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Veröffentlicht am:
03. 04. 2019
18:54 Uhr

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Sandra Langer

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Veröffentlicht am:
03. 04. 2019
18:54 Uhr



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