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Kulmbach

100 Jahre Kampf gegen Willkür

Die SPD Stadtsteinach feiert mit Stolz ein großes Jubiläum. Festredner Wolfgang Hoderlein hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die Sozialdemokratie.



Ein weiteres Band für die Stadtsteinacher SPD-Fahne stiftete SPD-Kreisvorsitzende Inge Aures (Zweite von rechts). Im Bild (weiter von links) Ortsvereinsvorsitzender und Bürgermeister Roland Wolfrum, Stadträtin Karin Witzgall und Bezirkstagsmitglied Holger Grießhammer aus Weißenstadt.	Fotos: Klaus Klaschka
Ein weiteres Band für die Stadtsteinacher SPD-Fahne stiftete SPD-Kreisvorsitzende Inge Aures (Zweite von rechts). Im Bild (weiter von links) Ortsvereinsvorsitzender und Bürgermeister Roland Wolfrum, Stadträtin Karin Witzgall und Bezirkstagsmitglied Holger Grießhammer aus Weißenstadt. Fotos: Klaus Klaschka   » zu den Bildern

Stadtsteinach - "Vom Fabrikarbeiterverband zur Bürgermeisterpartei": Mit diesen Worten umschrieb Bürgermeister Roland Wolfrum am Samstag seinen Abriss der Geschichte des SPD-Ortsvereins Stadtsteinach. Der feierte am Samstag im TSV-Heim sein 100-jähriges Bestehen, verbunden mit dem Treffen des SPD-Kreisverbands.

"Es waren die Arbeiter der Papierfabrik, die die Sozialdemokratie in Stadtsteinach begründeten," blickte Wolfrum zurück; im Jahr 1909 zunächst im Ansatz, denn im Kaiserreich wurden ihnen offen Repressalien angedroht für den Versuch, sich für die Rechte der Arbeiter, für Freiheit und Demokratie einzusetzen. Deshalb kam es erst im Jahr 1919 zur Gründung des Fabrikarbeiterverbands, nachdem die Monarchie abgesetzt und die Republik ausgerufen war. Dennoch sei die Zeit für Arbeiterrechte in den Köpfen der Bevölkerung anfangs noch nicht bei allen reif gewesen, sagte Wolfrum: Friseurmeister Georg Plohner, der zum ersten Vorsitzenden des Vereins gewählt wurde, gab dieses Amt kurzfristig wieder auf. Zu viele Stadtsteinacher hatten sich von einem Sozi nicht mehr die Haare schneiden lassen wollen. Der nächste Vorsitzende war dann Andreas Köhler.

Einen ersten Einbruch erlebte die Sozialdemokratie ab 1933, als die SPD verboten wurde. Aus dieser Zeit hob Wolfrum den gebürtigen Stadtsteinacher Michael Schnabrich hervor, der als Reichstagsabgeordneter gegen das sogenannte Ermächtigungsgesetz stimmte und dafür schließlich im KZ Sachsenhausen umgebracht wurde. Nach der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft sei 1946 wieder ein SPD-Ortsverein gegründet worden, der im ersten Stadtrat zwei von zehn Sitzen errang, 1951 schließlich fünf und nach der Gründung eines Ortsverbands der Freien Wähler durch Klaus Peter Söllner und dem damit verbundenen Verlust der Stadtratsmehrheit der CSU die größte Fraktion im Stadtsteinacher Stadtrat stellt. Als Nachfolger seines Vater im SPD-Vorsitz ab 1993 stellte sich Roland Wolfrum 2002 erstmals als Bürgermeister zur Wahl, unterlag, gewann schließlich aber die Stichwahl für die anschließende Sitzungsperiode ab 2008.

"Liegen wir denn richtig?", stellte sich der frühere Landesvorsitzende der SPD, Wolfgang Hoderlein, selbst die Frage in seinem Festvortrag über die Notwendigkeit der Sozialdemokratie. Als "Rentner, der etwas Latein kann" stellte er seine Kompetenz zwar verbal unter den Scheffel; tatsächlich war er aber in sämtlichen politischen Gremien in Bayern aktiv. Hoderlein war Mitglied im Bezirks- und im Landtag, Generalsekretär und schließlich Landesvorsitzender der Bayern-SPD. Er ist nach wie vor im Kulmbacher Kreistag und im Stadtrat Stadtsteinach aktiv. Er hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für die Sozialdemokratie, deren Notwendigkeit er ab den Anfängen der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts verortete. Damals seien Arbeiter aus den teils unsicheren Verhältnissen in der Landwirtschaft in die Fabriken gewechselt und rechtlich vom Regen in die Traufe geraten. Nichts sei damals geregelt gewesen. Arbeiter seien der Willkür beziehungsweise dem Interesse der Fabrikbetreiber unterlegen.

"Was wir heute als selbstverständlich betrachten, dafür haben die Sozialdemokraten erst gekämpft: Verbot von Kinderarbeit, festgesetzte Tariflöhne oder überhaupt Arbeitsverträge zum Beispiel." Auch sei insbesondere die SPD für das Frauenwahlrecht und freie Koalitionen eingetreten. "Eigentlich sollte die SPD als immaterielles Weltkulturerbe dafür anerkannt werden", sagte Hoderlein.

Hoderlein rückte auch die Geschichtsschreibung zurecht: "Von wegen die Sozialgesetzgebung sei von Bismarck! Die Bismarck‘sche Sozialgesetzgebung mit Rentenregelungen war damals das Gesetz zum ,Schutz vor der Sozialdemokratie‘. Damit wollte man die Sozis mit ihren Protesten nur von der Straße bringen, um weitere politische und gesellschaftliche Veränderungen zu verhüten." Denn bereits 1875 hätten sich Sozialdemokraten für eine Aussöhnung mit dem "Erbfeind Frankreich" ausgesprochen, seien 1918/19 für die Abschaffung der Monarchie und für Freiheit und Demokratie eingetreten; dies auch in der Zeit des Umbruchs zwischen Räterepublik und Nationalsozialismus. Und die SPD sei nach 1945 die einzige Partei gewesen, die sich - im Gegensatz zu allen anderen Parteien - auf ihren alten Namen habe berufen können.

Hoderlein hatte aber auch kritische Anmerkungen zur SPD: Zur Maueröffnung habe die SPD damals "eine komische Haltung" gehabt. Mit Willy Brandt habe man sich damals mit einer Teilung Deutschlands abgefunden.

Hoderlein zitierte dann den Soziologen Ralph Dahrendorf: "Ihr habt es geschafft. Deshalb ist das sozialdemokratische Jahrhundert vorbei." Dem ist laut Hoderlein aber nicht so: Die Globalisierung stelle der SPD neue Aufgaben wie damals die Industrialisierung. Zwar habe neoliberales Gedankengut zur Zeit der rot-grünen Regierung auch in der SPD einen Widerhall gefunden. Doch sei es nicht richtig, Kritik daran nur den Sozialdemokraten anzulasten: "Beteiligt daran waren alle Parteien, denn die meisten Gesetzesänderungen waren durch den Bundesrat zustimmungspflichtig."

Andeutungsweise nahm Hoderlein auch zu aktuellen Themen Stellung. Zum Thema große Koalition sagte er: "Die SPD muss nicht bei jeder Problemlösung dabei sein." Und zum Thema "Bedürftigkeitsprüfung zur Grundrente: "Fragt denn jemand bei der Mütterrente oder bei den Prämien zum Kauf von E-Fahrzeugen nach Bedürftigkeit?"

Autor
Klaus Kaschka

Klaus Klaschka

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Veröffentlicht am:
10. 11. 2019
17:30 Uhr

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Klaus Kaschka

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Veröffentlicht am:
10. 11. 2019
17:30 Uhr



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