Lade Login-Box.
Topthemen: Bilder vom WochenendeHofer Filmtage 2019EhrenamtskampagneVER Selb

Kulmbach

Bringen Pflegehotels die Lösung?

Die professionelle ambulante Pflege ist am Limit, sagt Elke Spindler vom Diakonieverein Münchberg. Für leichtere Fälle müsse man neue Wege gehen - in Form von Nachbarschaftshilfe etwa.



Elke Spindler sucht nach Lösungen im augenblicklichen und künftigen Pflegenotstand.	Foto: Klaus Klaschka
Elke Spindler sucht nach Lösungen im augenblicklichen und künftigen Pflegenotstand. Foto: Klaus Klaschka  

Presseck/Münchberg - "Wir müssen umdenken in der Pflege", sagt Elke Spindler. "Klar - wir müssen Geld in die Hand nehmen, aber mit Geld ist nicht alles zu machen. Die Personaldecke der professionellen Pflegedienste ist jetzt schon sehr dünn. Es hat aber keinen Sinn, mehr Stellen zu schaffen, wenn niemand da ist, der sich um diese Stellen bewirbt. Der Pflegeberuf ist anstrengend, und nicht jeder ist dafür auf Dauer geeignet. Dabei spielt die Bezahlung gar nicht die ausschlaggebende Rolle", lautet ihre Einschätzung.

Daten zur ambulanten Pflege

Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland ist weiter gestiegen. Im Dezember 2017 (aktuellere Daten liegen nicht vor) waren 3,41 Millionen Menschen pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Das ist gegenüber dem Jahr 2015 ein Zuwachs um 19 Prozent (550 000 Fälle).

Gut drei Viertel aller Pflegebedürftigen (2,59 Millionen) wurden den Angaben nach zu Hause versorgt. Davon wurden 1,76 Millionen Personen allein durch Angehörige gepflegt. Weitere 830 000 Hilfsbedürftige lebten ebenfalls in Privathaushalten, sie wurden jedoch zum Teil oder vollständig durch ambulante Dienste betreut. 820 000 Menschen waren in Pflegeheimen untergebracht.

Zum Stichtag Ende 2017 waren 81 Prozent der pflegebedürftigen Personen 65 Jahre und älter, mehr als ein Drittel (35 Prozent) war mindestens 85 Jahre alt. Die Mehrheit der Pflegebedürftigen war weiblich (63 Prozent).


In der Pflege brauche man wieder Zusammenhalt; eine Art Nachbarschaftshilfe, die aber koordiniert werden müsse, schwebt Spindler vor. Sie schätzt, dass künftig aus Personalgründen nur noch die intensiver zu Betreuenden von Pflegediensten betreut werden können - nämlich die Pflegegrade 4 und 5, die im vorherigen System mit drei Pflegestufen als "Härtefälle" eingestuft waren. Die niedrigeren Grade blieben dann auf familiäre oder wie auch immer andere Pflege angewiesen. Und die brauche Unterstützung.

Elke Spindler, von Haus aus zunächst Krankenschwester, ist seit 1996 in der Pflege tätig, jetzt Pflegedienstleiterin des Zentralen Diakonievereins Münchberg - in der Diakonie zuständig für das Stadtsteinacher Oberland im Raum Münchberg bis Presseck. "Was ich überlege, hat aber mit der Diakonie nichts zu tun. Es ist allgemeiner", sagt sie, "und auch komplexer". Man müsse, in anderer Form das wieder aufbauen, was früher die Großfamilie oder was man in der Nachbarschaft machte: sich gegenseitig bei Bedarf unterstützen. Die jetzigen Kleinfamilien oder gar Singles könnten das nicht tun. Deshalb schwebt Spindler eine Art organisierte Nachbarschaftshilfe vor. Die gab es bereits in Hochfranken als Verein. Der musste allerdings aufgeben. Und das trotz 180 Mitgliedern. Er ist an der Finanzierung gescheitert.

Als Anstoßkapital bekam man 30 000 Euro vom bayerischen Sozialministerium. Davon wurde eine Halbtagskraft angestellt, die eben die Koordination von Bedarf und mehr oder minder ehrenamtlichem Engagement übernahm. Wer als Pflegender Hilfe für etwas brauchte, konnte sich an die Koordination wenden, die wiederum nach jemandem suchte, der diese Hilfe zu leisten bereit war. Als Abgleich nahm die Zentrale acht Euro, wovon sechs an den Helfer gingen und zwei beim Verein blieben.

Diese sechs Euro deckten wohl zumindest die Fahrtkosten, und von den zwei Euro versprach sich der Verein, sich neben den geringen Mitgliedbeiträgen zu finanzieren. Dies reichte jedoch auf Dauer nicht aus. Eine Anschlussfinanzierung durch den Landkreis und die Stadt war nicht zu erreichen. So musste der Verein aufgeben, um nicht in die Insolvenz zu kommen. Denn so oder so sei eine hauptberufliche, mindestens auf halbtags ausgelegte Stelle notwendig gewesen, um den Komplex von Hilfebedarf und Hilfebereitschaft zusammenzubringen.

In dieser Richtung hält Elke Spindler eine Pflege für nicht akut und aufwendig Pflegebedürftige für notwendig. Hinzu käme ja auch noch Pflegebedarf nach Operationen, denn, so Spindlers Erfahrungen aus ihrer seinerzeitigen Klinik-Tätigkeit, Krankenhäuser würden ihre Patienten nicht mehr voll auskurieren und schickten Patienten so früh wie möglich wieder nach Hause. "Wenn Kinder zum Beispiel arbeiten gehen, müssten sie die Oma in ein Pflegheim geben - falls sie überhaupt einen temporären Pflegeplatz finden."

Auch solche Situationen wären durch eine wie auch immer ausgestaltete Pflegebedarf-Koordination vielleicht in den Griff zu bekommen, denkt Spindler nach. Oder: "Warum nicht Pflegehotels einrichten?" Häuser, die Zimmer zur Verfügung stellen und neben dem üblichen Personal zumindest eine ausgebildete Pflegekraft vorhalten. Für Dauerpflegende wäre das zudem eine Entlastung, wenn sie selbst einmal Urlaub machen müssten.

Überhaupt müsse man sich mehr um die privat Pflegenden kümmern. Die meisten seien "irgendwann einmal fix und fertig". Manche suchen sich Hilfen bei Pflegediensten. "Aber viele schaffen nicht den Sprung und sitzen in ihrer Situation fest", ist Elke Spindlers Erfahrung. Insbesondere in dörflichen Gemeinschaften sei es tabu, "für die Oma eine Pflegeperson zu holen, da kommt gleich Gerede auf". Und die Betroffenen fühlten sich dann einfach verpflichtet, "das zu leisten, wofür examinierte Pflegekräfte drei Jahre Ausbildung brauchen".

Eine beständige, wenigstens beratende Unterstützung in kurzen Intervallen sei hier ausgesprochen sinnvoll. "Denn man darf eines nicht vergessen: Pflege ist nicht nur die körperliche Versorgung von Pflegebedürftigen. Fast genauso wichtig ist es, einmal zu reden und vor allem auch zuzuhören - den Pflegebedürftigen und denen, die sich um sie kümmern. An die seelische Pflege beider Seiten denkt unser augenblickliches Pflegesystem zuletzt. Wenn überhaupt."

Autor
Klaus Kaschka

Klaus Klaschka

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
30. 08. 2019
17:22 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Ambulanz Diakonie Diakonievereine Krankenschwestern Pflegebedürftige Pflegebedürftigkeit Pflegeberufe Pflegedienste Pflegepersonal Pflegeversicherungsgesetz Statistisches Bundesamt
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Der Pflegedienst "daheim" von Heike Köhler (Zweite von rechts) ist heute der größte Arbeitgeber in Presseck.	Fotos: Klaus Klaschka

16.09.2019

Vom Exoten zum unentbehrlichen Helfer

Vor 20 Jahren hat Heike Köhler in Presseck einen privaten Pflegedienst gegründet. Schlug ihr anfangs Argwohn entgegen, wird sie heute mit Lob und Dank bedacht. » mehr

Das Aussehen der ehemaligen Schule der Stadt Kupferberg wird sich bald ändern. Das Gebäude soll saniert und darin eine Tagespflege eingerichtet werden.	Foto: Klaus-Peter Wulf

11.09.2019

Kupferberg bekommt eine Tagespflege

Der Diakonieverein hat im Stadtrat ein erstes Konzept für das 2,3-Millionen- Euro-Projekt vorgestellt. Im alten Schulgebäude sollen zirka 17 Pflegeplätze entstehen. » mehr

Edelgard Fringes, von Beruf Krankenschwester, betreibt den größten ambulanten Pflegedienst im Landkreis Kulmbach. Rund 200 Mitarbeiter beschäftigt sie. Während die Senioren, die Fringes Unternehmen betreut, sehr gute Noten vergeben, sah das zumindest bei der vorletzten Bewertung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen ganz anders aus. Fringes nimmt das ernst, sagt aber, sie nehme lieber schlechte Noten hin als schlechte Pflege. Foto: Melitta Burger

05.06.2018

Trotz eines Fünfers kein schlechtes Gefühl

"Daheimsein" ist der größte Pflegedienst im Landkreis. Die Krankenkassen haben ihn sehr negativ bewertet. Doch die Inhaberin sagt, solange ihre Patienten zufrieden sind, ist sie es auch. » mehr

Immer mehr Patienten - immer weniger Personal

26.06.2019

Immer mehr Patienten - immer weniger Personal

Die IG Metall fordert bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege. Die Gewerkschaft setzt dabei große Hoffnungen auf das Volksbegehren "Stoppt den Pflegenotstand". » mehr

In der Altenpflege fehlt es an Personal. Und trotzdem können nicht immer Vollzeitstellen angeboten werden. Symbolfoto: Peter Steffen/dpa

16.06.2019

"Wir sind da wirklich in einem Dilemma"

In der Altenpflege fehlt es an Personal. Manche Heimplätze können nicht mehr besetzt werden. Die Politik muss das lösen, sagt BRK-Kreisgeschäftsführer Jürgen Dippold. » mehr

Mehr als nur Grundversorgung: Pflegerin und Sozialdienst-Mitarbeiterin Pia Pollach nimmt sich Zeit für die Bewohner. Fotos: Kristina Kobl

31.05.2019

Das Altern angenehmer machen

Das Evangelische Wohnstift in Kulmbach feiert 50-jähriges Bestehen. Im vergangenen halben Jahrhundert hat sich in der Altenpflege viel verändert. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Sprengung des Schornsteins in Selb Selb

Sprengung des Schornsteins in Selb | 16.10.2019 Selb
» 8 Bilder ansehen

Michael Mittermeier - Lucky Punch

Michael Mittermeier - Lucky Punch | 16.10.2019 Hof
» 28 Bilder ansehen

"Trails 4 Germany" in Kulmbach

"Trails 4 Germany" in Kulmbach | 14.10.2019 Kulmbach
» 10 Bilder ansehen

Autor
Klaus Kaschka

Klaus Klaschka

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
30. 08. 2019
17:22 Uhr



^