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Kulmbach

Der SS-Mann und das Pinup-Girl

Der Grafiker Erich Meerwald hat in der Nazizeit zahlreiche Briefmarken entworfen. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs sucht er Zuflucht in Kulmbach. Nach 1945 kommt er sofort wieder ins Geschäft.



Erich Meerwald im Jahr 1965. Foto: Stadtarchiv Darmstadt
Erich Meerwald im Jahr 1965. Foto: Stadtarchiv Darmstadt   » zu den Bildern

Kulmbach - Im Februar 1944 kommt Erich Meerwald mit seiner Frau Alice auf die Plassenburg. An ihrer Seite sind Dutzende von Historikern, Schriftstellern, Graphikern, Radio- und Zeitungsjournalisten. Sie gehören zur Abteilung C 1/II des SS-Hauptamtes. Innerhalb des riesigen Apparats der SS ist sie zuständig für den Bereich "Wissenschaft und Weltanschauung".

Nach einer Weisung des Reichsführers SS Heinrich Himmler soll die wehrpolitisch wichtige Abteilung in das entlegene Kulmbach ausgelagert werden. Die Spitzen des Ressorts, Horst Webendörfer und Paul Vogel, residieren bis Kriegsende im Kommandantenbau, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Gottlob Berger ist häufig Gastredner bei Schulungskursen der berühmt berüchtigten Organisation Todt (OT), die schon seit 1937 die Burg in Beschlag hat.

Meerwald schlägt ein: Erich Meerwald ist SS-Scharführer. Ein kleines Licht in der Allgemeinen SS, im Dienstgrad eines Unteroffiziers. Er ist kein Ideologe, sondern der Typ eines unpolitischen Künstlers, der jeden Auftrag annimmt und auch vor Propaganda nicht zurückschreckt. Als Sohn Berliner Eltern wird er 1895 in Lothringen geboren. Im Ersten Weltkrieg ist er mit Begeisterung Soldat und schlägt die Offizierslaufbahn ein. Doch nach der Niederlage 1918 eine radikale Kehrtwende: Meerwald beschließt Schauspieler zu werden und schreibt sich am Berliner Staatstheater ein. Er wohnt in Wilmersdorf, Kreuznacher Straße, ein Viertel linksorientierter Künstler und Intellektueller. Doch die Ausbildung bricht er nach kurzer Zeit wieder ab, da sich bei ihm ein ganz anderes Talent offenbart: wirkungsvolle Plakate und Bühnenbilder zu entwerfen. Er reicht bei einer Modefirma, die Reklame-Ideen sucht, Vorschläge ein. Sie schlagen ein. Meerwald trifft den Geschmack der Zeit und der Masse. Die Fähigkeit wird ihn lebenslang begleiten. Ihm, dem Autodidakten, gelingt es, sich in dem reizüberfluteten Berlin der 1920er-Jahre einen Namen zu machen. Große Filmgesellschaften Ufa, Tobis, Terra und Bavaria klopfen bei ihm an und lassen sich Kinoplakate entwerfen.

Volkssturm und SS-Kämpfer: 1939 erfolgt ein weiterer Sprung nach oben: die Deutsche Reichspost beauftragt ihn erstmals mit Entwürfen für Briefmarken. Mit 32 Postwertzeichen ist er der meistbeschäftigte Briefmarken-Designer des Deutschen Reiches. Anfänglich sind es unpolitische Motive wie etwa der VW Käfer zur Automobilausstellung 1939, Helgoland, eine Serie über die Steiermark, ein Postillion und eine Postkutsche zum "Tag der Briefmarke", später ist es offene Nazi-Propaganda: die Waffengattungen der Wehrmacht zum "Heldengedenktag" oder BDM-Maiden zum "Tag der Verpflichtung der Jugend" (1943). Nach seinem Umzug nach Kulmbach reißt die Kette nicht ab. Auch die letzte Marke des "Großdeutschen Reiches" stammt von ihm. Sie zeigt einen Infanteristen der Waffen-SS mit geschultertem MG 42. Im Hintergrund sieht man den Träger der "Blutfahne", Jakob Grimminger. Als die Marke am 20. April 1945 erscheint, stehen die Amerikaner schon eine Woche in Kulmbach.

Die Söhne Georg Hagens: Nach dem Ende des Krieges fällt es Meerwald nicht schwer, bald wieder Aufträge zu bekommen. Oberbürgermeister Georg Hagen lässt von ihm seine drei blutjung gefallenen Söhne nach vorhandenen Fotos in der aus den Werbebildern und Filmplakaten vertrauten Gouachetechnik malen: Theo und Siegfried schon 1945, Fritz dann 1947. Es sind mit sicherem Strich ausgeführte Porträts, befangen in der Kopie der Fotovorlagen. Für einen Außenstehenden ist es schwer zu verstehen, wieso der SPD-Mann Hagen, Exponent einer verfolgten Partei, die gegen Hitler und Krieg angekämpft hat, ausgerechnet Meerwald damit betraut. 1946 lithografiert er zwei fabelhafte Ansichten der Kulmbacher Altstadt: den Roten Turm und den Main bei der Fischergasse. Gedruckt werden die Steinzeichnungen in dem kleinen Verlag Vetterlein in der Kulmbacher Beethovenstraße 1. Durch die Bekanntschaft mit Hagen wird Meerwald mit der Illustration des Goldenen Buches der Stadt Kulmbach beauftragt. Seine fein ziselierten Kalligrafien zur Würdigung der Deutschen Radballmeister Willi und Rudi Pensel oder des zum Ehrenbürger ernannten Kunstmalers Michel Weiß sind ein Augenschmaus. Als die ersten Nachkriegsfilme produziert werden, ist Meerwald wieder dabei: "Sündige Grenze", "Die Spur führt nach Berlin", ,"Anatomie eines Mordes" - er gestaltet dazu die Plakate. Es sind optische Thriller, schockbunt, raffiniert in Schrift und Farbe. Beim Bayreuther Helios Verlag , der auf Western-Serien für Leihbüchereien spezialisiert ist, ist Meerwald "Chef-Illustrator" der Covers. In kürzesten Abständen liefert er passende Action-Szenen.

Sexy Girl erregt die Kulmbacher: Im November 1953 zieht Meerwald mit seiner Frau nach Darmstadt, um den meist in Frankfurt angesiedelten Verlagen und Filmgesellschaften näher zu sein. Doch die Kontakte nach Kulmbach bleiben. Für die Brauereien entwirft er weiterhin pfiffige Plakate, das frechste ist die Werbung für "Kulminator", das stärkste Bier der Welt, das die EKU 1958 auf den Markt bringt. Meerwald lässt eine nur hauchdünn bekleidete junge Frau auf einer 28er-Flasche durch die Lüfte schweben. Die Idee ist nicht ganz neu: Pinup-Girls in lasziver Pose auf Motorrädern, Sportwagen, Flugzeugen sind in dieser Zeit in Herrenmagazinen wie dem "Playboy" üblich. In Kulmbach schreien die Kirchen und Teile der Öffentlichkeit so auf, dass die Brauerei das Plakat aus dem Verkehr zieht.

Als Gebrauchsgrafiker bleibt Meerwald auch in Darmstadt erfolgreich. 1958 gelingt es ihm, eine Serie von Wohlfahrtsmarken bei der Bundespost unterzubringen. Es sind ländliche Motive: Sennerin am Butterfass, Winzerin mit Weinreben, Bauer mit Heugabel. Ein Jahr später erfährt er internationale Anerkennung für sein Plakat zu "Ben Hur", der größten Hollywood-Produktion der Nachkriegsjahre. Mit seiner Frau, einer gebürtigen Belgierin, engagiert sich für die deutsch-französische Versöhnung und wirkt maßgeblich am Zustandekommen der Städtepartnerschaft zwischen Darmstadt und dem französischen Troyes 1958 mit. Vielleicht ein später Reflex auf manche Irrwege seines Lebens als Künstler. Erich Meerwald stirbt 1973 78-jährig in Darmstadt.

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Wolfgang Schoberth
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Veröffentlicht am:
21. 11. 2019
17:54 Uhr

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Autor

Wolfgang Schoberth

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Veröffentlicht am:
21. 11. 2019
17:54 Uhr



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