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Kulmbach

Der verborgene Schatz

Die Kirche St. Laurentius in Wonsees hat eine bewegte Geschichte. Selbst als Pferdestall diente sie dereinst.



Pfarrer Daniel Städtler würde sich freuen, Helfer zu finden, die ihn bei seinen Recherchen in der Historie der Kirche unterstützen. Fotos: Adriane Lochner
Pfarrer Daniel Städtler würde sich freuen, Helfer zu finden, die ihn bei seinen Recherchen in der Historie der Kirche unterstützen. Fotos: Adriane Lochner   » zu den Bildern

Wonsees - Ihr Ruf eilt ihr voraus: Bereits während seiner Vikarszeit in Herzogenaurach hatte Pfarrer Daniel Städtler von der Wonseeser Kirche St. Laurentius gehört. "Ein geschichtsbegeisterter Kollege hat mir davon erzählt. Da musst du dich unbedingt bewerben, hat er gesagt", erzählt der 29-Jährige. Umso größer die Freude, als er Anfang des Jahres die Pfarrstelle tatsächlich bekommen hat. In der Kirche ist er zuvor noch nie gewesen.

Offene Kirche

Öffnungszeiten der Kirche St. Laurentius in Wonsees:

Im Winter täglich von 10 bis 16 Uhr.

Im Sommer täglich von 10 bis 19 Uhr.

Führungen sind möglich, vorher im Pfarramt anrufen unter der Telefonnummer 09274/95017

Adventskonzert: Kirchenchöre von Wonsees und Krögelstein sowie Posaunenchor am 10. Dezember um 19 Uhr.


Städtler erinnert sich an seine ersten Eindrücke. "St. Laurentius ist ein verborgener Schatz", schwärmt er. Wer die Kirche betrete, habe sofort ganz viele Fragen. Die Emporen - verziert mit schlichten, bäuerlichen Blumenmustern - passen nicht zum prunkvollen, detailverliebten Altar. In den Stilmix gesellt sich auch die majestätische Orgel, die hinten auf der Empore thront. "Hinter jedem Detail verbirgt sich eine Geschichte. Je mehr man erfährt, umso spannender wird es", sagt der Pfarrer, der sich schon kurz nach seinem Amtsantritt auf eine kunsthistorische Entdeckungsreise begeben hat. Schwierig war das nicht, denn die St. Laurentius hatte bereits in der Vergangenheit begeisterte Fans, etwa den ehemaligen Wonseeser Pfarrer Heinrich Krämer. Dieser recherchierte emsig von Anfang der 1970er- bis Ende der 90er-Jahre sämtliche Details zur Kirchengeschichte. Das Resultat: mehrere Aktenschränke bis zum oberen Rand gefüllt mit Bildern und Unterlagen, die teilweise 200 Jahre zurückreichen. Doch was hat es mit der St. Laurentius auf sich?

Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie im Jahr 1108, im Hochmittelalter, der Zeit der Ritter und Kreuzzüge. Der Standort auf dem Hügel, Vorratskeller sowie die in Teilen bis heute erhaltene sechseckige, anderthalb Meter dicke Einfassungsmauer deuten darauf hin, dass sie den Anwohnern als Rückzugsort im Kriegsfall diente, als sogenannte Wehrkirche. Benannt wurde sie nach dem heiligen Laurentius, einem römischen Diakon, der der Legende nach als Märtyrer auf dem Grillrost hingerichtet wurde. Im Mittelalter rief man den Heiligen bei allen möglichen Hautkrankheiten an, vor allem bei der Pest. "Die Zahl der Laurentiuskirchen in der Gegend spricht dafür, dass hier einst die Pest stark wütete",vermutet Städtler.

St. Laurentius war freilich zunächst eine katholische Kirche. Dann kam die Zeit Martin Luthers, der mit seinen 95 Thesen die Reformation einleitete. Am 10. August 1530 wurde die Wonseeser Kirche evangelisch. 1618 brach der Dreißigjährige Krieg aus, machtpolitischer Konflikt und Religionskrieg. Auf ihrem Durchzug waren die Truppen des katholischen Kaisers nicht zimperlich. "Der Krieg ernährt den Krieg" hieß die Devise. Die Truppen nahmen alles mit, was sie brauchen konnten, und ließen die ohnehin schon arme Landbevölkerung mit leeren Händen zurück. Wonsees wurde mehrfach geplündert und niedergebrannt. St. Laurentius entging diesem Schicksal, weil sie als Pferdestall diente. Die kaiserlichen Offiziere übernachteten im Pfarrhaus und ließen sich vom damaligen Pfarrer bewirten.

Doch dann geschah die Tragödie. Kaiserliche Truppen unter Graf Wolff von Mansfeld kamen im Herbst 1627 nach Wonsees und konfiszierten Vieh und Pferde. Als das Reiterregiment im Frühjahr 1628 zurückkehrte, glaubte der Plötzmüller Paul Pfändner, sein Pferd wiederzuerkennen und rief zum Widerstand. Gegen die geübten Soldaten hatten die Aufständischen jedoch keine Chance und 15 Männer aus der Ortschaft Zedersitz wurden getötet. Das Massengrab befindet sich neben dem Kirchturm in Wonsees. Die genaue Stelle ist unbekannt. Allerdings steht vor dem Kircheneingang ein Denkmal, das an den "Zedersitzer Mord" erinnert und mahnen soll, nie die Schrecken eines Krieges zu vergessen.

Im 17. und 18. Jahrhundert nahmen sich die Bayreuther Markgrafen der vom Krieg gezeichneten Kirchen an. 1727 bis 1729 bekam St. Laurentius einen neuen, doch relativ schlichten Kanzelaltar. 1770 bis 1773 wurden zahlreiche, aufwendig gearbeitete Figuren nachgerüstet. Dem ehemaligen Bayreuther Dekan und Markgrafenkirchen-Beauftragten Hans Peetz zufolge ist solch ein detailverliebter Kanzelaltar zwar typisch für die Markgrafenkirchen, jedoch gibt es in Wonsees ein paar Besonderheiten. "Dass Auferstehungs- und Himmelfahrtsszene gleichzeitig vorhanden sind, ist ungewöhnlich. Meist kommt nur eine von beiden vor", sagt Peetz. Die Altargestalter damals haben sich einige versteckte Botschaften einfallen lassen. Zu diesen kuriosen Details gehört, dass der auferstandene Christus seinen Fuß auf die Kanzeldecke stellt. Zudem verdeckt die Figur das allsehende Auge, ein Symbol für Gott und die Dreifaltigkeit, das allen Markgrafenkirchen gemeinsam ist. Peetz zufolge sind die Figuren Mose und Aaron, links und rechts der Kanzel, besonders gut gelungen. Moses deutet mit seinem Stab zur Kanzel hin. "Das könnte man so deuten, dass das lebendige Wasser aus der Predigt entspringt", sagt Peetz.

Im Vergleich zum Altar eher schlicht gehalten ist die Orgel. Sie wurde 1856 erbaut und stammt aus der Werkstatt des Bayreuther Traditions-Orgelbauers Ludwig Weineck. Die Firma geht zurück auf Gottfried Silbermann, einem der besten Orgelbauer der Barockzeit.

"Auch wenn sie äußerlich nicht so aussieht, steht sie mit ihrem Klang keiner der großen Barockorgeln nach", schwärmt Pfarrer Städtler. Die Orgel, ähnlich wie die Kirche, ist ein Kriegsveteran. 1917 fielen ihre Zinkpfeifen der Rüstungsindustrie des Ersten Weltkriegs zum Opfer. "Sie wurden eingeschmolzen, um Munition daraus zu machen", erklärt der Pfarrer. Bei der Sanierung der Kirche 1996 bis 1998 wurde auch die Orgel restauriert und die Zinkpfeifen durch originalgetreue Nachbauten ersetzt.

Pfarrer Städtler, Hans Peetz, die Gemeinde Wonsees sowie der Geschichtsverein Colloquium Historicum Wirsbergense überlegen derzeit, wie man bei der Aufarbeitung des kirchlichen Kulturguts vorangehen könnte, um St. Laurentius aus ihrem kulturellen Dornröschenschlaf zu erwecken. Städtler selbst will weiterhin in den Archiven forschen und seine Funde im Internet präsentieren auf der Website stlaurentius.kirche-wonsees.de. Für eine Person wird es allerdings schwierig, den gesamten historischen Schatz zu heben. Allein die Stapel an Feldpostkarten, die die Soldaten im Ersten Weltkrieg in Sütterlin an den damaligen Pfarrer König schrieben, wären ein Projekt für sich. "Ich würde mich über Menschen freuen, die sich ebenfalls für historische Aufzeichnungen begeistern und mich bei der Arbeit unterstützen", sagt Städtler.

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Adriane Lochner
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Veröffentlicht am:
30. 11. 2017
00:00 Uhr

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Adriane Lochner

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Veröffentlicht am:
30. 11. 2017
00:00 Uhr



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