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Kulmbach

Eine Geschichte vom Glück und von Gesetzen

Die ukrainische Familie Abbas hat sich im Landkreis Kulmbach mustergültig integriert. Dass sie in Deutschland bleiben darf, ist dennoch keine Selbstverständlichkeit.



Die Familie Abbas kann wieder lachen. Im Bild (von links) Hasan, Rasha, Svitlana und Khuseyn Abbas.
Die Familie Abbas kann wieder lachen. Im Bild (von links) Hasan, Rasha, Svitlana und Khuseyn Abbas.   » zu den Bildern

Kulmbach/Neuenmarkt - Ausländer- und Asylgesetze sind das eine, dass die Wirtschaft im allgemeinen und die Betriebe im Landkreis Kulmbach im Besonderen händeringend nach jungen und motivierten Nachwuchskräften suchen, ist das andere. Und dass hinter jeder abgeschobenen Flüchtlingsfamilie Menschenschicksale stehen, wird in der öffentlichen Debatte darum bisweilen vergessen. Wie beschwerlich der Weg zu einem Bleiberecht in Deutschland selbst für eine bestens integrierte Flüchtlingsfamilie sein kann, zeigt das Beispiel der Familie Abbas, die vor sechs Jahren vor den kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine floh, zunächst in Neuenmarkt lebte und jetzt in Kulmbach wohnt.

Jahr der Entscheidung: Das heute zu Ende gehende Jahr 2018 wird Svitlana Abbas zusammen mit ihren beiden Söhnen Hasan (27) und Khuseyn (16) sowie Tochter Rasha (18) in ihrem Leben nie vergessen. Es war für sie ein Jahr zwischen Hoffen und Bangen. Denn der Familie, die als Musterbeispiel für gelungene Integration gilt, drohte die Abschiebung in die Ukraine, die inzwischen wieder zum sicheren Herkunftsland erklärt wurde. Es lag bereits ein negativer Bescheid der Regierung von Oberfranken vor, der auch vor dem Verwaltungsgericht Bayreuth standhielt.

Im Juli dieses Jahres war aber die Freude im Hause Abbas grenzenlos, denn man erhielt die Nachricht, dass der Familie ein Bleiberecht in der Bundesrepublik Deutschland gewährt wird. Hasan, der für seine Mutter nach der Flucht aus der Ukraine stets ein Anker, ein fester Halt, war, beschreibt das Glück seiner Familie: "Wir haben immer für dieses Glück gearbeitet. Es war nur eine Chance, aber wir haben die Chance beim Schopf gepackt, und mit Hilfe des Glücks dürfen wir jetzt hier bleiben." Und Mutter Svitlana Abbas fügt noch hinzu: "Der Mensch hat Glück, wenn er etwas dafür macht."

Ein langer Weg: Der Integrationsbeauftragte der Gemeinde Neuenmarkt, Gemeinderat Ulrich Stelter, hatte im vergangenen Jahr nichts unversucht gelassen, nochmals alle Kräfte zu mobilisieren, um ein Bleiberecht für Familie Abbas zu erkämpfen. Angefangen von Bürgermeister Siegfried Decker bis hin zur damaligen Landtagsvizepräsidentin Inge Aures gewann er Politiker, die mit ihm kämpften. Und seine Bemühungen waren am Ende von Erfolg gekrönt. Heute feiert die Familie Abbas wie alle anderen den Jahreswechsel. Die Kinder sind mit ihren deutschen Freunden unterwegs, um gemeinsam Silvester zu feiern. Zuvor wird allerdings noch gemeinsam gegessen. Nach alter Tradition gibt es den ukrainischen Borschtsch, einen Eintopf mit Rindfleisch, Kartoffeln und Gemüse.

Unwahrscheinlich dankbar sind die Abbas vor allem dem Ehepaar Ulrich und Ellen Stelter, das immer an ihrer Seite war. Hasan Abbas: "Sie haben uns eine große Hilfe gegeben Das gilt auch für den Bürgermeister, für Karl Pöhlmann, der vor wenigen Monaten verstorben ist, für viele Familien in Neuenmarkt und auch für meine Freunde im Verein. Herr Stelter ist mit mir jedes Mal nach Bayreuth gefahren und wir haben um die Aufenthaltsgenehmigung meiner Geschwister wirklich gekämpft."

Erfolgreich in Schule und Beruf: Für Rasha und Khuseyin wurde das Bleiberecht auch deshalb gewährt, weil sie als Minderjährige in ihrer Schulausbildung hervorragend integriert waren. Für Hasan gab sein Ausbildungsplatz den Ausschlag: Hier war Ulrich Stelter bei dem Neuenmarkter Logistikunternehmen Gammisch fündig geworden. Hasan Abbas: "Ohne Ausbildung hätte ich zurück in die Ukraine gemusst, aber Herr Stelter hat einen Weg bei der Firma LOGIN gefunden und Herr Gammisch hat zugestimmt, dass er mich als Auszubildenden für den Beruf des Speditionskaufmannes einstellt."

Das war für Hasan Abbas in diesem Jahr die erste große Freude. Und kurze Zeit später "flatterte" auch die Zustimmung für sein Bleiberecht in Deutschland ins Haus: "Ich wusste nicht, was in dem Brief steht, aber als ich dann gelesen habe, ich kann bleiben, wusste ich, jetzt kann ich meine Zukunft bilden. Es war für mich ein Gefühl, wie wenn ich als kleines Kind neben dem Weihnachtsmann stehe und er sieht mich mit seinen großen Augen an und übergibt mir ein Geschenk."

Für die Geschwister und die Mutter war die Freude über die Nachricht natürlich genauso groß. Khuseyn Abbas, der die zehnte Klasse am MGF-Gymnasium besucht: "Wir haben die ganze Zeit mit gehofft und mit gezittert, weil immer noch was fehlte oder ein Stein dazwischen war. Es war ein ständiger Kampf. Als der Brief an Hasan gekommen ist, konnten wir alle aufatmen, und ich wusste, ich kann mich jetzt auf mich konzentrieren." Jetzt freut sich Khuseyn aber erst einmal auf den Abschlussball. "Der Tanzkurs war echt megaschön. Ich habe dabei noch jemanden gefunden, der mit mir noch weiter tanzen will", verrät er augenzwinkernd. Sportlich hat Khuseyn Abbas im Karate in diesem Jahr schon großartige Erfolge auf der bayerischen, der deutschen und sogar der europäischen Ebene eingeheimst.

Rasha Abbas besucht gegenwärtig die Abschlussklasse der Fachoberschule in Kulmbach - und das mit großem Erfolg. Sie hat erst im Juli dieses Jahres den Performance-Preis der Adalbert-Raps-Stiftung über 1000 Euro erhalten. Ihre soziale Kompetenz und ihr Engagement zeigt sie an der FOS derzeit als Schülersprecherin. Als Schülerin mit Migrationsgeschichte und als Nicht-Muttersprachlerin erarbeitete sie ihren herausragenden Bildungserfolg von der Mittelschule über die Wirtschaftsschule Neuenmarkt bis hin zur Fachhochschulreife mit der Abschlussnote 1,9. Sie will im kommenden Herbst an der Uni Bayreuth das Studium der Betriebswirtschaftslehre aufnehmen.

Viele Freunde helfen: Rasha gibt zu, dass ihr schon ein wenig bange gewesen sei angesichts der Vorstellung, die Familie hätte ohne Hasan auskommen müssen, wenn er doch kein Bleiberecht bekommen hätte: "Ich hatte den schlimmsten Fall angenommen. Ich wusste, dass ich in meinem Alter noch eine männliche Unterstützung brauche und deshalb war ich froh, dass unsere Familie jetzt doch zusammenbleiben kann. Wir haben das natürlich auch zusammen mit meinem 18. Geburtstag und dem Einzug in unsere Kulmbacher Wohnung mit 40 Leuten im Garten gefeiert."

Mutter Svitlana Abbas, die als ausgebildete Krankenschwester seit zwei Jahren als Pflegekraft in der ambulanten Pflege arbeitet, ist nach all den Turbulenzen der letzten Jahre und Monate nicht nur glücklich, sondern auch zufrieden und dankbar. Dankbar ist sie vor allem den vielen Freunden in Neuenmarkt und jetzt auch in Kulmbach, die ihrer Familie helfend zur Seite standen: "Sie haben uns positive Energie gegeben. Ich möchte all diesen Leuten danken und ich bin auch auf meine Kinder stolz, weil sie keine Angst und Zweifel, sondern Charakter und immer Ziele haben. Rasha ist meine Blume, Khusyn mein Stern und Hasan mein Rücken, weil er immer an meiner Seite steht und der Rückhalt unserer Familie ist." Was Hasan Abbas an Deutschland besonders schätzt, bringt er auf einen Nenner: "Die Menschen sind sehr hilfsbereit, haben Humor und haben uns auch Respekt entgegengebracht."

Rasha ist meine Blume,

Khusyn mein Stern

und Hasan mein Rücken,

weil er immer an meiner Seite steht und der Rückhalt

unserer Familie ist.


zitat

Svitlana Abbas


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Werner Reißaus
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Veröffentlicht am:
30. 12. 2018
18:08 Uhr

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Werner Reißaus

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Veröffentlicht am:
30. 12. 2018
18:08 Uhr



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