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Kulmbach

"Einsamkeit ist die größte Gefahr"

Warum der frühere Bremer Bürgermeister Henning Scherf für das Leben in der Senioren-WG wirbt. Am Samstag ist er in der Stiftskirche Himmelkron.



Henning Scherf spricht am Samstag um 10 Uhr bei einer Matinee in der Stiftskirche in Himemelkron.
Henning Scherf spricht am Samstag um 10 Uhr bei einer Matinee in der Stiftskirche in Himemelkron.  

Himmelkron/Bayreuth - Er lebt in Deutschlands wohl berühmtester Wohngemeinschaft: Henning Scherf, früherer Bremer SPD-Bürgermeister, hat im Alter von 48 Jahren zusammen mit seiner Frau die WG mitbegründet. Nun ist er bald 81 und wirbt immer noch in Büchern und auf Vortragsreisen für eine Lebensweise im Alter, die sich radikal von den üblichen Mustern unterscheidet. Am Wochenende kommt er nach Bayreuth und Himmelkron.

Zur Person

Henning Scherf (80), war von 1995 bis 2005 Regierungschef des Bundeslandes Bremen. Zuvor war der SPD-Politiker lange Jahre Sozial- Bildungs- und Justizsenator. Er ist seit fast 60 Jahren verheiratet, hat drei Kinder und neun Enkelkinder. Über das Leben im Alter schrieb er mehrere Bücher, darunter "Grau ist bunt", "Das letzte Tabu", "Wer nach vorne schaut, bleibt länger jung", "Altersreise" und "Gemeinsam statt einsam".

Am Freitag, 11. Oktober, ab 18 Uhr spricht Hennig Scherf in der Stadtkirche Bayreuth, Kirchplatz 1, im Rahmen der Ausstellung "Was bleibt" (Eintritt acht Euro). Am Samstag, 12. Oktober, 10 Uhr, kommt Scherf zu einer Matinee unter dem Motto "Mehr Leben: Warum Jung und Alt zusammengehören" in die Stiftskirche Himmelkron, Klosterberg 8. Der Eintritt ist frei. Spenden sind willkommen.


Herr Scherf, Sie touren durch die Republik, halten Vorträge, schreiben Bücher, sind der Medienstar in Ihrer WG. Wie kommen eigentlich ihre Mitbewohner zu Hause in Bremen damit klar?

Die amüsieren sich zum Teil darüber, dass gerade ich am meisten über unsere WG erzähle und anderen Menschen diese Wohnform nahebringe, obwohl ich am wenigsten zu Hause bin. Meine Mitbewohner sehen aber, dass es mir damit gut geht. Ich mag es, viele Leute um mich zu haben, zu kommunizieren und in verschiedenen Regionen unterwegs zu sein. Nur deshalb halte ich 200 Vorträge im Jahr in Deutschland, Österreich und Schweiz.

Wie hat sich Ihre WG in den 32 Jahren ihres Bestehens verändert?

Drei WG-Mitglieder sind mittlerweile gestorben, zwei von ihnen haben wir lange bis zu ihrem Tod gepflegt, wie in einer Familie. Es sind neue WG-Mitglieder dazugekommen, junge gingen nach ihrer Ausbildung wieder weg. Wir sind ein Mehrgenerationenhaus geblieben. Das Stammpersonal besteht aus sechs Bewohnern in meinem Alter, dazu gibt es frisch verheiratete junge Leute und eine Flüchtlingsfrau aus Nigeria mit ihren drei Kindern, um die wir uns kümmern und denen wir die Sprache beibringen. Die Mama wird Altenpflegerin, zwei der Kinder gehen schon aufs Gymnasium. Das macht uns große Freude.

Ist das Leben in der WG noch so, wie Sie es sich bei der Gründung vorgestellt haben?

Man darf nicht glauben, dass man für seine Wohngemeinschaft einmal die richtige Form gefunden hat und dann läuft das wie ein Automat immer so weiter. Das Leben in unserer WG war und ist ein ständiger aus Erfahrungen gespeister Lernprozess, in dem man älter werden und in dem man neue Erfahrungen machen kann. Mit dem Schreiben meiner Bücher und meinen Vorträgen habe ich erst begonnen, als ich in dem Haus wohnte. Malen und Musizieren habe ich ebenfalls angefangen. So geht es auch den anderen. Jeder neue Bewohner bringt was Neues mit. Ich spiele gerne Klavier, einer bläst Posaune, eines der Kinder hat ein Schlagzeug im Keller. Das hat sich alles erst entwickelt.

Posaune, Klavier und Schlagzeug - stört das die anderen Hausbewohner nicht?

Wir wohnen in einem großen alten Haus mit dicken Wänden. Mittags und nachts respektiert jeder die Ruhezeiten. Wegen der Musik gab es noch nie Streit im Haus, im Gegenteil. Es ist doch schön, wenn ein Haus lebt. Musikhören ist besser als in einem stillen Haus leben und immer nur die eigene innere Stimme zu hören. Die ist manchmal ziemlich grässlich. Es gibt viele alte Leute, bei denen es ganz still ist und die einsam sind. Diese Einsamkeit ist eine Bedrohung. Dagegen muss man was tun.

Was sind die wichtigsten Regeln ihrer Hausgemeinschaft?

Jeder muss mitdenken. Jeder hat einen Blick und Empfindsamkeit gegenüber dem, was die Mitbewohner gerade bewegt. Dafür, ob man jemanden gerade besser in Ruhe lässt oder mit ihm redet. Rücksichtnahme, Empfindsamkeit gegenüber dem anderen und gegenseitiger Respekt sind ganz wichtig. Dafür gibt es keine Regeln, das kann man auch nicht studieren. Einfache Menschen haben da oft ein besseres Gespür als kopflastige Akademiker. Und wichtig ist auch: die Arbeit nicht anderen überlassen, sondern selber mit anfassen. Jetzt im Herbst helfen wir zum Beispiel alle zusammen, räumen den Garten auf und schaffen die Blätter weg.

Ist das, was sie gerade beschrieben haben, das Geheimnis, wie man mehr als 30 Jahre so eng zusammenleben kann? Manche halten es so lange ja nicht mal in einer Ehe mit einem Menschen aus.

Ein Patentrezept gibt es nicht. Ich kann nur sagen: Man kann das versuchen. Auch in der Familie probiert man es ja. Viele schaffen es, andere nicht. Es kann gelingen, es kann auch schiefgehen.

Hat das Zusammenleben in Ihrer WG immer reibungslos geklappt?

Natürlich gab’s auch Kräche. Aber ein guter Krach ist wie frische Luft. Aussprachen schaffen klare Verhältnisse. Und dann geht’s wieder neu los.

Gab es auch mal einen schlimmen Krach?

Eine Ehe ist kaputtgegangen. Der Mann zog aus, die Frau mit ihren Kindern blieb. Er konnte seine Ehe kaputtmachen, aber nicht unsere Hausgemeinschaft. Es war sehr traurig, wir haben das als Verlust erlebt. Aber als einen, den man überwinden kann.

Ältere Menschen werden ja nicht unbedingt einfacher im Umgang.

Das kommt darauf an. Sicher gibt es unter alten Menschen Eigenbrötler, Quer- und Starrköpfe. Aber es gibt auch wunderbare alte Leute, die gelassen, großzügig und nachsichtig sind oder werden. Ich habe viele solche Menschen erlebt, die mit Kindern Musik oder Theater machen, die tanzen oder Geschichten erzählen und dabei strahlen. Manche alte Frauen strahlen so sehr, dass man in dem faltigen Gesicht das junge Mädchen wiedersehen kann.

Sind in Ihrer WG Akademiker unter sich?

Wir sind akademikerlastig, aber wir haben immer auch Nicht-Akademiker bei uns, die einfach Lust haben auf gemeinschaftliches Leben. Die Flüchtlingsfrau zum Beispiel hat nicht einmal einen Schulabschluss. Wenn einer kochen oder handwerken kann, ist das viel wichtiger als große Reden zu halten und Bücher zu schreiben. Praktisch Begabte sind hoch willkommen bei uns.

Wie gingen sie mit ihren pflegebedürftigen Hausgenossen um?

Eine gleichaltrige Freundin, die nur noch zwei Jahre zu leben hatte, wollte nicht von Fremden gepflegt werden. Also machten wir das alle zusammen. Obwohl wir berufstätig waren - ich damals noch als Regierungschef - ließen wir sie Tag und Nacht nicht allein. Kaum war sie tot, wurde ihr ältester Sohn todkrank und bat uns, wie seine Mutter bleiben zu dürfen. Dass wir einen 22-Jährigen zu pflegen haben, damit hatten wir nun überhaupt nicht gerechnet. Wir haben es gemacht, fünf Jahre, zusammen mit seinen Freunden und seiner Freundin. Das hat uns sehr stark geprägt. Jeder von uns dachte, er könnte der Nächste sein. Wir lernten, wie es ist, auf den letzten Metern des Lebensweges nicht allein, sondern zusammen mit Freunden zu sein. So wünsche ich mir das auch, wenn es mir mal nicht mehr gut geht.

Wie steht ihre Hausgemeinschaft zu Haustieren?

Ein heikles Thema. Unsere Kinder und Enkel bringen immer wieder Tiere mit. So ein Riesentier wie ein Berner Sennenhund passt eigentlich nicht in unsere Stadtwohnung, aber wir ertragen es, weil die Kinder die Tiere lieben. Wir sind aber froh, wenn sie damit wieder abziehen. Für den Fall, dass meine Frau einmal im Rollstuhl sitzen sollte, haben wir uns verabredet, dass sie zwei Katzen halten kann. Das wünscht sie sich, weil sie Katzen sehr liebt - im Gegensatz zu mir.

Welche Botschaften bringen Sie Ihren Zuhörern in Bayreuth und Himmelkron mit?

Erstens: Einsamkeit im Alter ist die größte Gefahr, größer als die traditionellen Krankheiten. Darum ist es gut und klug, wenn man sich überlegt, mit wem man dann zusammen seinen Alltag verbringen will. Gemeinsamkeit mit Leuten, die man mag und mit denen man gerne zusammensitzt, ist eine große Hilfe.

Zweitens: Es ist bis ins hohe Alter wichtig, dass man sich was zu tun sucht. Dass man noch gefragt und beteiligt wird. Und dass man noch mit anfassen kann. Ich kenne aktive 100-Jährige, die noch Kinder oder Tiere hüten, bei der Wäsche oder beim Saubermachen helfen und Socken stopfen.

Drittens - vielleicht das Wichtigste: Es ist ein Segen, mit mehreren Generationen zusammenzuleben. Dass man von Kindern der Enkel- oder Urenkelgeneration gemocht, geliebt, beteiligt wird, ist eine tolle Erfahrung. Deren Lachen und Fröhlichkeit sind besser als alle Psychopharmaka. Das Gespräch führte Peter Rauscher

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Veröffentlicht am:
09. 10. 2019
16:58 Uhr

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09. 10. 2019
16:58 Uhr



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