Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 54. Hofer Filmtage75 Jahre FrankenpostCoronavirusJubiläumsgewinnspielBlitzerwarner

Kulmbach

Hinter Kulmbachs Türen: Wie Kinder Gewalt erleben

Die Geschwister-Gummi-Stiftung hilft Mädchen und Jungen, die in ihren Familien Schlimmes erlebt haben. Diesem Zweck kommt auch die Herbstsammlung der Diakonie zugute. Sie beginnt heute.



Gewalt in Familien belastet Kinder sehr. Die Geschwister-Gummi-Stiftung hilft in solchen Fällen.	Foto: AdobeStock
Gewalt in Familien belastet Kinder sehr. Die Geschwister-Gummi-Stiftung hilft in solchen Fällen. Foto: AdobeStock  

Kulmbach - Dass sein Papa heute einen schlechten Tag auf der Arbeit hatte, sieht der kleine Tobias ihm gleich an. Papa ist in letzter Zeit oft gereizt, wenn er nach Hause kommt. Mama verhält sich dann komisch und schickt ihn immer sofort in sein Zimmer. Dann hört er Papa schreien, es folgt ein dumpfes Geräusch und Mama weint. Die Eltern glauben, Tobias würde von alledem nichts mitbekommen, weil es hinter verschlossenen Türen passiert oder nachts. Aber Tobias spürt es genau: Hier stimmt etwas nicht. Er hat Angst, würde Mama gerne helfen und den Streit schlichten. Er fühlt sich allein gelassen, aber niemand ist da, der ihm hilft.

Häusliche Gewalt auch in Kulmbach: "Gewalt in der Familie findet statt. Auch hier in Kulmbach betrifft sie alle sozialen Schichten", weiß Lisa Strößner von den Mobilen Hilfen der Geschwister-Gummi-Stiftung, die dem Diakonischen Werk der evangelischen Kirche angeschlossen ist. Die Sozialpädagogin arbeitet im Rahmen der ambulanten Jugendhilfe mit Familien in schwierigen Lebenslagen zusammen.

Unter häuslicher Gewalt versteht man laut einer Pressemitteilung der Geschwister-Gummi-Stiftung alle Formen von Gewalt zwischen Menschen, die in einer Gemeinschaft zusammenleben. Sie bezieht sich auf körperliche, emotionale oder auch sexuelle Handlungen, die gegen den Willen und die Würde einer anderen Person geschehen. Was vielen nicht bewusst ist: Dazu zählen auch mündliche Formen, also Beleidigungen, Einschüchterung und Bedrohung. Vor allem Frauen werden häufig Opfer von Gewalt durch ihren Partner. Die Dunkelziffer der Fallzahlen ist hoch, da die Betroffenen Gewalt nicht immer als solche wahrnehmen oder die Täter schützen.

Partnerschaftsgewalt sei oft bestimmt von Mechanismen der Macht und Kontrolle und erfolge nach einem bestimmten Muster, so Lisa Strößner. "Auf die Ausübung von Gewalt folgt meist eine Beruhigung der Situation. Der Täter entschuldigt sich, kauft vielleicht Blumen oder bereitet das Frühstück vor. Er will es wieder gut machen. Doch nach kurzer Zeit kommt es wieder zu gewaltvollen Handlungen, deren Abstände immer kürzer werden und die an Intensität zunehmen."

Wie Kinder Gewalt erleben: Kinder haben ein sensibles Gespür für das, was um sie herum passiert, und sie nehmen wahr, wie ihre Eltern miteinander umgehen. Sie sind von Gewalt in der Familie immer betroffen und werden in ihrer Entwicklung davon unmittelbar beeinträchtigt. Ob sich die Gewalt dabei gezielt gegen sie selbst richtet oder sie diese zwischen ihren Eltern beobachten, ist davon unabhängig: Kinder erleben die Bindungspersonen, die ihnen eigentlich Schutz und Sicherheit bieten sollen und auf die sie angewiesen sind, als bedrohlich, gewalttätig oder ohnmächtig. Diese Erfahrungen ängstigen Kinder, sie fühlen sich alleine gelassen und belastet. Mittlerweile ist erwiesen, dass sich bereits die Zeugenschaft von Gewalt zwischen Erwachsenen traumatisierend auf Kinder auswirkt und sie in ähnlicher Weise schädigt als am eigenen Körper erlebte Gewalt. Sie sehen, hören und erleben mit, was zu Hause passiert, haben für ihre Beobachtungen jedoch keine Erklärung und es gibt meist niemanden, der das Erlebte mit ihnen offen bespricht und für sie begreifbar macht. Sie verlieren ihr Gefühl von Sicherheit und ihr Vertrauen in die Welt.

"Eines dürfen wir dabei nicht vergessen", so Lisa Strößner, "Kinder und Jugendliche entwickeln sich zu Personen, die selbst Liebesbeziehungen eingehen, Partnerschaften führen und Familien gründen. Die Art und Weise, wie sie dies tun, lernen sie vor allem im eigenen Elternhaus." Gewaltvolle Beziehungsmuster wiederholen sich daher oft über Generationen hinweg, weil es an Unterstützung fehle, die Spirale zu durchbrechen und nach neuen Wegen eines gewaltlosen Miteinanders zu suchen.

Hilfsangebote der Geschwister-Gummi-Stiftung: Für Kinder und deren Familien, die zu Hause Gewalt erleben oder die durch andere schwierige Lebensumstände belastet sind, stellt die Geschwister-Gummi-Stiftung verschiedene Hilfsangebote zur Verfügung.

An sechs Mittelschulen der Stadt und des Landkreises Kulmbach ist die Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) eine wichtige Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die in ihrem gewohnten und sicheren Lebensumfeld der Schule nach Hilfe suchen. Das Angebot ist vertraulich und ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, ihre Sorgen, Ängste und Probleme in einem geschützten Rahmen erstmals anzusprechen und Unterstützung durch Erwachsene zu finden. Die JaS kann mit Eltern in Kontakt treten und bei Bedarf in weitere Hilfen vermitteln.

Eine Möglichkeit für weiterführende Unterstützung sind die Mobilen Hilfen der Geschwister-Gummi-Stiftung. In Zusammenarbeit mit dem Jugendamt begleiten die Mitarbeitenden Kinder und ihre Familien in ihrem persönlichen Umfeld. Gemeinsam mit den Eltern arbeiten sie daran, häusliche Gewalt abzubauen, neue Wege der Konfliktlösung zu finden und sichere Lebensbedingungen für Kinder vor Ort zu schaffen.

Manchmal können Kinder aufgrund besonders schwieriger Lebensumstände vorübergehend nicht mehr bei ihren Eltern leben. In ihren Kinderwohngruppen schafft die Geschwister-Gummi-Stiftung ein sicheres Umfeld, das Kindern und Jugendlichen einen Platz bietet, an dem sie zur Ruhe kommen und das Erlebte verarbeiten können. Einzigartig in Bayern ist das Kinderhaus Sternstunden: Hier leben Kinder im Alter von 3 bis 8 Jahren, die schwerste traumatische Erlebnisse wie Vernachlässigung, körperliche oder sexuelle Gewalt durchleben mussten. Rund um die Uhr und unter dem Konzept eines Schutzhauses werden sie von den Fachkräften vor Ort betreut.

Kinder brauchen Erwachsene, die die Welt für sie erklärbar machen und sie beschützen. Häufig benötigen Kinder auch qualifizierte Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Gewalterfahrungen. Die Herbstsammlung der Diakonie Bayern, die am heutigen Montag beginnt, steht in diesem Jahr unter dem Motto "Weil wegschauen nicht vor Schlägen schützt" und widmet sich verstärkt den Hilfen bei Gewalt in Partnerschaft und Familie.

Autor

Redaktion
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
11. 10. 2020
17:20 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Diakonie Erwachsene Evangelische Kirche Geschwister-Gummi-Stiftung Gewalt in der Familie Häusliche Gewalt Jugendsozialarbeit Jugendämter Kinder und Jugendliche Mädchen Sexualdelikte und Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung Sexualität
Kulmbach
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Fachbereichsleiter Peter Engelhardt und Projektleiterin Vanessa Druse-Baum haben sich im Rahmen des Projekts "Brückenbauer" um junge Geflüchtete gekümmert. Foto: Stephan Herbert Fuchs

04.08.2020

Drei Jahre erfolgreiche "Brückenbauer"

Mitarbeiter der Diakonie Kulmbach kümmern sich seit 2017 um junge Geflüchtete. Die Beratung soll fortgeführt werden. » mehr

Tina Bachmeyer macht kein Geheimnis daraus, dass ihr Start in den Beruf zunächst holprig gewesen ist. Dann landete sie in der Jugendwerkstatt der Gummi-Stiftung und machte nun als beste Textilreinigerin Bayerns ihren Abschluss. Jetzt beginnt die 26-Jährige eine zusätzliche Ausbildung zur Hauswirtschafterin. Foto: Privat

25.09.2020

"Tina, das rockst du!" - Vom "Minus" zur besten Textilreinigerin Bayerns

Die beste Textilreinigerin Bayerns heißt Tina Bachmeyer. Nicht nur mit ihrem Lebensmotto strahlt sie viel Optimismus aus. Nun packt sie noch eine neue Ausbildung an. » mehr

So sehen die Briefe der Kulmbacher Wohngruppenkinder aus. Foto: red

27.03.2020

Kinder leiden unter der Extremsituation

Mädchen und Buben aus den Einrichtungen der Geschwister-Gummi-Stiftung müssen die Corona-Krise ohne ihre Angehörigen und Freunde meistern. Sie schreiben Briefe, die zu Herzen gehen. » mehr

Das bisherige Kreisjugendamt wurde mit dem Ausscheiden von Klaus Schröder neu strukturiert. An der Spitze der Abteilung Jugend, Familie und Soziales steht künftig mit dem 51-jährigen Bernhard Rief ein höchst erfahrener Verwaltungsbeamter aus dem eigenen Haus. Von links stellvertretende Landrätin Christina Flauder, Klaus Schröder, Landrat Klaus Peter Söllner, Bernhard Rief und stellvertretender Landrat Dieter Schaar. Foto: Werner Reißaus

07.07.2020

Wechsel im Kreisjugendamt

Leiter Klaus Schröder geht nach vierzig Dienstjahren in den Ruhestand. Sein Nachfolger wird der erfahrene Bernhard Rief. » mehr

Im sicheren Abstand sind auch während der Corona-Zeit viele Spiele möglich.

13.09.2020

Lächelnde Gesichter unter der Maske

Corona war für die Kinder im Kreis Kulmbach heuer eine Spaßbremse. Doch trotz widriger Umstände fällt die Bilanz für das eingedampfte Ferienprogramm recht gut aus. » mehr

Die Frauenberatungen in der Region sind nach wie vor 24 Stunden am Tag erreichbar. Foto: Frank Wunderatsch

03.04.2020

Sorge vor mehr häuslicher Gewalt

Wenn die eigenen vier Wände nicht sicher sind: Frauenberatungen rechnen in der Corona-Krise mit viel mehr Fällen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Waldershof: Brand in Seniorenheim

Waldershof: Brand in Seniorenheim | 23.11.2020 Waldershof
» 5 Bilder ansehen

Premierenfeier Theater Hof

Premierenfeier Theater Hof | 26.09.2020 Hof/Selb
» 14 Bilder ansehen

Selber Wölfe - EV Füssen 2:1 Selb

Selber Wölfe - EV Füssen 2:1 | 22.11.2020 Selb
» 42 Bilder ansehen

Autor

Redaktion

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
11. 10. 2020
17:20 Uhr



^