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Kulmbach

Vater und Sohn gemeinsam im Saurierfieber

Rupert Wild, der älteste Sohn des Kulmbacher Künstlers Max Wild, hat als Saurier-Experte großes Ansehen erlangt. Eine gerade erschienene Schrift zu seinem 80. Geburtstag würdigt die Verdienste des Paläontologen.



Rupert Wild als Saurier-Experte am Naturkundemusum Stuttgart. In seinen Händen hält er den Schädel eines Krokodilsauriers.
Rupert Wild als Saurier-Experte am Naturkundemusum Stuttgart. In seinen Händen hält er den Schädel eines Krokodilsauriers.   » zu den Bildern

Kulmbach - Meist sind es ja die Eltern, die die Neugier ihrer Kinder fördern. Bei Rupert Wild ist es genau umgekehrt: der Sohn erweckt bei seinem Vater eine Leidenschaft, die dieser jahrelang künstlerisch auslebt. Rupert selbst fängt als Schüler an der Oberrealschule Kulmbach Feuer, die er ab 1950 besucht. Sein Biologie- und Chemielehrer Karl Müller schwärmt von ungeheuren Schätzen an Versteinerungen, die man in den Kalkschichten des Kulmbacher Umlandes entdecken könne. Der 15-Jährige ist elektrisiert. Damit wird "der Eiermüller" - ein gutmütiger, fachlich versierter Lehrer, der Generationen von Schülern vorwiegend als Objekt pubertärer Streiche diente - Wegbereiter für Wilds Karriere zu einem führenden Saurierforscher.

Neuerscheinung

Ernst Probst und Raymund Windolf: Ohmdenosaurus - Die Echse aus Ohmden. Eine Widmung für Dr. Rupert Wild, 66 Seiten, ISBN: 978-1-692-96009-4, 6 Euro.

 

 

 

Auf Schloss Banz: Mit seinem Freund Klaus Frankenberger besucht Rupert Wild Schloss Banz, um sich die Petrefakten-Sammlung zu betrachten. Danach begeben sie sich selbst auf Entdeckertour. Ausgerüstet mit Geologenhammer und Meißel radeln sie nach Kasendorf und buddeln im Jurakalk, danach graben sie in den wesentlich älteren Muschelkalkbänken bei Burghaig, Untersteinach und Wildenstein bei Presseck. Bei Wildenstein fördern sie Sensationelles zutage: Sie finden Urkrebse (Trilobiten), 600 Millionen Jahre alte Meeresbewohner, die zu den ältesten Versteinerungen im deutschen Raum zählen. Wenig später bergen sie einen rätselhaften länglichen Schädel mit spitzen Fangzähnen. Sie schleppen die Fossilien mit in die Schule und zeigen sie ihrem Biologielehrer. "Eiermüller" untersucht sie eingehend und ist entzückt: Sie haben das Fragment eines Nothosaurus entdeckt - eines krokodilartigen Lebewesens, das sich vor 200 Millionen Jahren vorwiegend im flachen Wasser aufgehalten hat.

 

Arbeiter werden Saurier-Experten: Im Muschelkalksteinbruch von Feuln, den sie sich als Nächstes vornehmen, ist öfters auch Ruperts zwei Jahre jüngerer Bruder Günter dabei - und irgendwann schließlich auch ihr Vater Max Wild. Bereits seit 1895 wird das Gestein in der Ortschaft abgetragen und in zwei unmittelbar angrenzenden Kalköfen zu Baustoff und Düngekalk verarbeitet. Max Wild gewinnt den Eigentümer Georg Müller und seine Arbeiter, ihnen bei der Suche nach Körperfossilien wie Knochen, Skelett- und Schädelteilen behilflich zu sein. "Die Arbeiter haben sich von unserem Saurier-Virus anstecken lassen", erinnert sich Günter Wild, "Fachbezeichnungen wie Placodus gigas, Pflasterzahnsaurier, oder Tanystropheus, Giraffenhalssaurier, gingen ihnen locker über die Lippen."

Dass Rupert nach dem Abitur 1959 Geologie und Paläontologie studiert, versteht sich fast von selbst. Sein Erlanger Professor Florian Heller hält große Stücke auf ihn, doch er geht nach dem Diplom an die Universität Zürich, um bei Professor Emil Kuhn-Schnyder, einer Koryphäe, zu promovieren. Gegenstand seiner Doktorarbeit ist ein "alter Bekannter" aus dem Steinbruch in Feuln - der Giraffenhalssaurier. In seiner extremen Halsverlängerung durch Streckung der zwölf Halswirbel ist es eine der merkwürdigsten Erscheinungen, die die Evolution hervorbringt. Auch in seiner nächsten Arbeit beschäftigt er sich mit einem Fund aus seiner fränkischen Heimat: dem Dorygnathus mistelgauensis, dem Flugsaurier von Mistelgau (heute im Urwelt-Museum Bayreuth). Vor 180 Millionen Jahren jagte das Reptil mit einer Flügelspannweite von fast zwei Metern über dem Urweltmeer, Millionen Jahre vor den Vögeln.

 

Ein kongeniales Gespann: Als anerkannter Spezialist für fossile Reptilien, Flugsaurier und Dinosaurier wird Rupert Wild 1972 vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart angestellt. Bis zu seinem Ruhestand 2004 arbeitet er als Oberkonservator an dieser international bedeutenden Sammlungsstätte. Trotz der räumlichen Trennung arbeiten Sohn und Vater häufig zusammen: Der Paläontologe Wild rekonstruiert aus den Fundstücken den Körperbau der Lebewesen, der Künstler Wild lässt daraus lebendige Geschöpfe entstehen und inszeniert ihre Lebensräume. Durch sein Talent, wissenschaftliche Exaktheit mit Inspiration zu verbinden, wird Max Wild ein begehrter Illustrator von Fachbüchern. Ein Meisterwerk ist der 1976 erschienene Band "Wunderwelt in Stein. Fossilienfunde - Zeugen der Urzeit" von Rudolf Mundlos, an dem Rupert und Max Wild maßgeblich beteiligt sind. Einige wundervolle Aquarelle mit den frühesten Lebewesen aus dem Kulmbacher Umland sind kürzlich im Nachlass von Max Wild entdeckt worden. Sie werden auf dieser Seite erstmals veröffentlicht.

 

Ohmdenosaurus entdeckt : Ein Bravourstück Rupert Wilds ist seine Entdeckung des Ohmdenosaurus. Sie steht im Mittelpunkt eines gerade erschienenen Büchleins, das der bekannte Wissenschaftsautor Ernst Probst anlässlich des 80. Geburtstag von Rupert Wild verfasst hat. In den 1970er-Jahren besucht der Paläontologe das Urwelt-Museum Hauff in Holzmaden (Baden-Württemberg). In einer der Vitrinen ist ein Knochen ausgestellt, der von einem Plesiosaurier stammen soll, einem schlangenartigen Meeresbewohner mit vier Flossen. Wild stutzt. Nach seiner Einschätzung handelt es sich um das Schienbein und die Fußwurzel eines auf dem Land lebenden Dinosauriers, der etwa vier Meter lang wird. Er möchte Gewissheit. Er will den Körperbau des Tieres rekonstruieren, es verwandtschaftlich einordnen und seine Lebensgewohnheiten klären. Damit leistet er Pionierarbeit, da außer dem Megalosaurus bei Ahrensburg noch keine Dinosaurier aus Deutschland bekannt sind. Nach jahrelangen Recherchen kann er den Fund exakt bestimmen: die Versteinerungen stammen von einem sich schwerfällig auf vier Füßen bewegenden Sauropoden (Elefantenfußdinosaurier), einem geologisch sehr alten Vorläufer des Riesengeschlechts der Dinosaurier, die Arten über 40 Meter Länge hervorgebracht haben. Wild nennt das Tier nach seinem Fundort Ohmden bei Esslingen "Ohmdenosaurus", ein Name, der untrennbar mit dem seinen verbunden bleiben wird.

 

Treffen der Ehemaligen: Vor wenigen Tagen war Rupert Wild nach Kulmbach zum Klassentreffen sechzig Jahre nach dem Abitur angereist. Die rüstigen Herren haben ein dreitägiges Intensivprogramm ausgelegt, ihr Höhepunkt: eine Führung durch ihre alte Schule, das heutige MGF-Gymnasium.

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Wolfgang Schoberth
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Veröffentlicht am:
19. 10. 2019
00:00 Uhr

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Autor

Wolfgang Schoberth

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Veröffentlicht am:
19. 10. 2019
00:00 Uhr



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