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Kulmbach

Von Reichsadlern, Seifenkisten und Parkuhren

Als die Bilder laufen lernten: Die Freunde der Plassenburg kramen Nostalgisches aus Kulmbach aus der Filmekiste. Ihr Open-Air-Kino ist ein Publikumsmagnet.



Völlig überrascht vom großen Zuschauerandrang waren die Freunde der Plassenburg am Montagabend auf dem nördlichen Rondell der Burgschänke Al Castello. Kurze Filme brachten dem Publikum die Entwicklungen und Veränderungen in der Stadt, den Festen und Museen der Region nahe. Foto: Holger Peilnsteiner
Völlig überrascht vom großen Zuschauerandrang waren die Freunde der Plassenburg am Montagabend auf dem nördlichen Rondell der Burgschänke Al Castello. Kurze Filme brachten dem Publikum die Entwicklungen und Veränderungen in der Stadt, den Festen und Museen der Region nahe. Foto: Holger Peilnsteiner   » zu den Bildern

Kulmbach - Überrascht vom Ansturm auf den Filmabend am vergangenen Montag zeigten sich die Freunde der Plassenburg auf dem zum Restaurant Al Castello gehörenden Nordrondell der Festung. Hier auf Kulmbachs höchst gelegenem Biergarten konkurrierten schon vor Beginn weit über einhundert Gäste um die besten Plätze in der Nähe der Leinwand. Eng, aber friedlich ging es auf dieser ehemaligen Geschützplattform aus dem 16. Jahrhundert zu, auf der sich eine unerwartet große Anzahl an Zuschauern um die dann doch etwas kleine Leinwand versammelt hat.

Der Murrmanns Helm und der Munitionstransporter: Erich Olbrich hat zahlreiche cineastische Schätze aus Archiven, privaten Sammlungen und sogar aus dem Müll geborgen. Der Kenner der Kulmbacher Geschichte überbrückte zusammen mit dem Vereinsvorsitzenden Peter Weith die Zeit bis zum Einsetzen der Dunkelheit mit Anekdoten und Geschichten aus den vergangenen 100 Jahren in Kulmbach. So vom mutigen späteren Bürgermeister Wilhelm Murrmann, von vielen nur "Helm" genannt, der in der Nachkriegszeit nicht zuletzt aus Sorge um seine Stammkneipe die Explosion eines davor geparkten US-amerikanischen Munitionstransporters verhinderte. Er untersagte dem über dem mit ausgelaufenem Benzin bespritzten Motorraum stehenden US-Soldaten in einer Mischung aus bestem Fränkisch und englischen Brocken das Rauchen. Er war sich nicht zu schade, den Lkw als erfahrener Spediteur selbst wieder zu reparieren, sodass die rauchenden Soldaten mit ihrem Treibstoff verlierenden Munitionstransporter Kulmbach verlassen konnten. Olbrich resümierte: "Murrmann kann wegen seiner Heldentat für seine Stammkneipe auch als ein Retter der Stadt Kulmbach gelten."

Ein Angreifer wider willen: Wohl nur in Kulmbach kam es 1945 zu einem Überfall aus Versehen auf einen amerikanischen Wachtposten. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wollte sich ein junger Kulmbacher, der in Ermangelung anderer Zivilkleidung eine Wehrmachtsuniform ohne Abzeichen trug, ängstlich vor einem Soldaten ausweisen, der die damals noch Adolf-Hitler-Brücke genannte heutige Berliner Brücke bewachte. Der vom großen G.I. eingeschüchterte Kulmbacher ließ seine Papiere fallen. Beide bückten sich danach und stießen mit den Köpfen aneinander. Der Wachposten ließ sein Gewehr fallen. Aus reiner Höflichkeit hob der Kulmbacher die Waffe auf, woraufhin der Soldat schreiend vor Angst nach dieser plötzlichen "Entwaffnung" das Weite suchte, hielt er doch den selbst vor Angst schlotternden Kulmbacher für einen fanatischen SS- oder Werwolfkämpfer der letzten Kriegstage. Der Angreifer wider Willen konnte von den US-Streitkräften unerkannt nach Hause entkommen.

Hilfe von Handwerkern: Vom Architekten Fritz Schmitt wurde überliefert, dass in einem engen kleinen Gemischtwarenladen in der Fischergasse eine sehr beleibte Kulmbacherin, die über die Stadt hinaus auch für ihren großen Vorbau bekannt gewesen sei, einen Hocker unter ihrem Gewicht zusammenbrechen ließ. Damit sach- und fachkundig Hilfe geleistet werden konnte, haben Schmitt und andere Burschen den Schmied, Bäcker und andere Handwerker verpflichtet.

Guttenberg als Sprecher: Den Bilderreigen eröffnete der 2018 erstmals vorgestellte Film der Freunde der Plassenburg mit Karl-Theodor zu Guttenberg als Sprecher. Da machte es kaum etwas aus, dass die letzten Sonnenstrahlen die Bilder auf der Leinwand zu Beginn noch etwas fahl wirken ließen. Sonor hallte die Stimme des Ex-Bundesministers über das Nordrondell und vermittelte Wissenswertes aus fast 900 Jahren Geschichte. Es war, als ob man ein Hörbuch zur Plassenburg genoss. Bemerkenswert fanden einige Zuschauer den Hinweis Guttenbergs, dass seine eigene Familie von der Plassenburg stamme und erst einige Jahrhunderte später auf einen anderen Hügel im Frankenwald weiter zog - eben nach Guttenberg.

Ein rasantes Rennen: Gut erhalten und von Radio Plassenburg aufbereitet und nachvertont ist ein Film über ein Seifenkistenrennen in Ziegelhütten von 1950. Nahezu professionell aussehende Rennwagen, teils stromlinienförmig stürzen sich auf Zelluloid gebannt von einer Rampe etwa bei der ehemaligen Schweizerhofbräu eine kurvige Strecke hinunter bis zur Kreuzung an der Saalfelder Straße bei Priemershof. "Auf der teils über holperiges Kopfsteinpflaster führenden Strecke ereigneten sich auch blutige Unfälle, wie zu sehen war, doch außer Prellungen, Schürfwunden und Nasenbluten scheint damals alles noch glimpflich ausgegangen zu sein", erzählte Olbrich schmunzelnd.

Nicht für die Öffentlichkeit bestimmt: Es folgte ein Streifen, der den damaligen Gauleiter der Bayerischen Ostmark, zu der Kulmbach einst gehörte, zu Beginn der 1930er-Jahre bei einem Besuch in der Bierstadt zeigte. Über diesen Stummfilm berichtete der Vorführer: "Dieser Film wurde erst vor Kurzem auf einem Dachboden in Bayreuth gefunden, er wird hier das erste Mal öffentlich in Kulmbach gezeigt." Schemm wird als Redner auf dem Holzmarkt, vor dem Rathaus und auf dem Bierfest - damals noch am Marktplatz - in Szene gesetzt. Sein Stil ist sehr gestikulierend, fast fahrig. Leutselig grüßt der Nationalsozialist Schemm Vertreter der Kulmbacher Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädel. Offenbar fing die Kamera auch nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Szenen ein, so ist der Gauleiter beim Biertrinken aus Flaschen und beim Rauchen zu sehen.

Aus düsteren Zeiten: Ein weiterer Filmausschnitt vom Gregorifest 1939 führt ein mit Hunderten kleiner und großer Hakenkreuzfahnen geschmücktes Kulmbach vor Augen. Kinder marschieren durch die Stadt, Blumen und Fahnen tragend, tausendfach sind sie beim Hitlergruß auf dem Marktplatz zu sehen, bei Kletterwettbewerben an Stangen, beim Wurstschnappen und Tanzen. Schilder priesen Bratwürste für 20 Pfennige und Bier für 15 Pfennige an. "Da sind sie noch alle fröhlich, und ein paar Wochen später begann der Zweite Weltkrieg", gab Olbrich zu bedenken. Bemerkenswerte Sportlichkeit zeigten weitere Ausschnitte von Kunstrollschuhfahrern und Kunstradfahrern im Jahr 1939. Bizarr mutete in einem weiteren Ausschnitt der Schmuck des Vereinshauses am Marktplatz an mit dunklen Tüchern, Hakenkreuzen und einem wohl mehr als vier Meter hohen silbernen Reichsadler.

Die wilden Siebziger: Einen Zeitsprung lieferten private Aufnahmen von Horst Uhlemann, dem früheren Ehrenvorsitzenden der Freunde der Plassenburg, die seine Frau für diesen Abend zur Verfügung gestellt hat: Eine Autofahrt durch Kulmbachs Straßen im Jahr 1974. Viele heute abgerissene Gebäude im Kressenstein, der Kronacher Straße und in der Altstadt lebten vor den Augen der Zuschauer noch einmal kurz auf.

Das Kulmbacher Bierfest und die Plassenburg schienen, jedenfalls wenn die gezeigten Ausschnitte als repräsentativ gelten dürfen, die großen Anziehungspunkte für Filmschaffende der 1930er bis 1980er Jahre gewesen zu sein. In einem Ausschnitt war der heutige EKU-Platz zu sehen, die EKU-Brauerei war zu einem Teil bereits abgerissen und Dutzende von blaugrauen Parkuhren standen auf dem Gelände, die von eifrigen Autofahrern mit Münzen gefüttert wurden.

Ein verstaubter Imagefilm: Aus dem Müll rettete Olbrich eine Videokassette von 1980, die offenbar einen damals kaum verbreiteten Imagefilm zur Bierstadt enthielt. Neben Einblicken in den Arbeitsalltag Kulmbacher Futter- und Nahrungsmittelfirmen ist hier auch Thomas Gottschalk als Discjockey im Einsatz zu sehen und eine Treibjagd zu Pferde mit Hundemeute durch den Buchwald, die in der Plassenburg startete. Ein Raunen ging durch die Zuschauer, als Pferde neben der B85 im Bereich der Holzmühle beim Rücken schwerer Baumstämme schnaubend über die Leinwand stapften.

Kulmbachs Oldtimer: Viele der Gäste auf der Plassenburg waren fasziniert von den Fahrzeugen, die früher in Kulmbach gefahren wurden. In den kurzen Sequenzen fuhren neben heute noch bekannten Marken auch Kfz der Firmen Wanderer, Lloyd, Borgward und Glas durchs Bild. Einige der Besucher erkannten Bekannte oder Verwandte von früher. Insgesamt war es bis in den späten Abend hinein ein kurzweiliger Rückblick in das Leben unter der Plassenburg in den vergangenen 90 Jahren.

Autor

Holger Peilnsteiner
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
30. 08. 2019
17:18 Uhr

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Holger Peilnsteiner

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Veröffentlicht am:
30. 08. 2019
17:18 Uhr



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